LONDON (IT BOLTWISE) – Südkorea will Künstliche Intelligenz mit dem Programm „Everyone’s AI“ für alle Bürger kostenlos zugänglich machen. Das Ministerium MSIT setzt dabei auf drei Konsortien unter Führung von SK Telecom, Kakao und KT. Als Rechenbasis dienen 512 NVIDIA B200 GPUs, während mindestens 50 % der Modelle aus koreanischer Entwicklung stammen müssen. Die Pilotphasen laufen ab September und sollen im Jahresverlauf in einen flächendeckenden Rollout übergehen.

Das Programm „Everyone’s AI“ trifft in Südkorea auf ein technisches und politisches Ziel zugleich: KI soll nicht länger vor allem eine Sache von Forschungseinrichtungen oder zahlenden Unternehmen sein, sondern als öffentlich nutzbare Infrastruktur in den Alltag rutschen. Das Ministerium für Wissenschaft und IKT (MSIT) hat dafür drei Konsortien ausgewählt, die jeweils einen eigenen Weg zur Nutzeranbindung verfolgen. Federführend sind SK Telecom, Kakao und KT. Der Kern des Ansatzes: ein barrierefreier, kostenloser Zugang, der möglichst früh in Pilotstufen getestet und dann gestaffelt ausgerollt wird.
Damit der Zugang nicht nur im Marketing funktioniert, liefert das MSIT eine konkrete Rechenbasis. Insgesamt kommen 512 NVIDIA B200 GPUs zum Einsatz, um die „komplexen KI-Modelle“ im Betrieb zu stützen. Für den praktischen Betrieb ist das vor allem deshalb relevant, weil kostenlose Zugänge typischerweise unter Lastspitzen leiden, etwa wenn viele Nutzer gleichzeitig starten oder auf kurzfristige Ereignisse reagieren. Gleichzeitig legt das Ministerium eine heimische Innovationskomponente fest: Mindestens 50 Prozent der eingesetzten KI-Modelle müssen aus koreanischer Entwicklung stammen. Damit verschiebt sich der Fokus weg von einer rein importierten Modellpalette hin zu lokaler KI-Entwicklung, was auch die Frage der langfristigen Abhängigkeit von externen Modelllieferanten adressiert.
SK Telecom setzt in diesem Rahmen auf agentische KI, also auf Systeme, die nicht nur Antworten generieren, sondern als „Akteur“ in bestimmten Abläufen handeln sollen. Technisch wird dafür das Modell A.X K2 als Fundament genannt. Besonders interessant ist die geplante Verzahnung mit staatlichen Dienstleistungen: Die KI soll 83 verschiedene Zertifikate integrieren können, die über Plattformen wie Government24 oder den Identitätsdienst PASS abrufbar sind. Nutzer sollen dabei nicht auf eine einzelne Schnittstelle festgenagelt werden: Neben digitalen Zugängen ist auch die Kommunikation via Telefon sowie über Textnachrichten vorgesehen. Für solche Szenarien ist der Pilotansatz entscheidend, weil die Übersetzung zwischen natürlicher Sprache, formularähnlichen Prozessen und verlässlichen Ergebnisformaten in der Praxis meist mehr Engineering erfordert als das reine Inferenz-Setup.
Daneben zeigt das Kakao-Konsortium, wie stark der Rollout über bestehende Reichweite laufen kann. Geplant ist, KI-Dienste direkt in die Messenger-App KakaoTalk zu bringen sowie parallel über das Telefonnetz anzubieten. Auch hier ist der Zeitplan ein Signal für den geplanten Migrationspfad: Ein erster Beta-Betrieb soll bereits im September starten. Der Vorteil dieser Route liegt auf der Hand, denn Nutzer müssen keine neue App oder kein neues Konto aufbauen, sondern können dort abholen, wo sie ohnehin kommunizieren. KT wiederum arbeitet an einem integrierten KI-Angebot; die Testphase soll zwischen September und Oktober beginnen, bevor ein späterer flächiger Start folgen soll.
Der Rollout selbst folgt damit nicht einem einzigen Big-Bang-Termin, sondern einer gestaffelten Taktung. Nach den ersten Tests im Herbst ist der offizielle Start der Dienste für das Ende des laufenden Jahres vorgesehen. Auf diese Weise lassen sich Stabilitätsprobleme, Antwortzeiten und Qualitätsstreuungen in kontrollierten Zeitfenstern sichtbar machen, bevor die Nutzung breit hochskaliert. Für Unternehmen und Entwickler ist daran vor allem relevant, welche Prioritäten sich in einer „KI-öffentlichen Infrastruktur“ abzeichnen: Es geht nicht nur um Modellperformance, sondern auch um Integrationsfähigkeit in digitale Dienste und um skalierbare Benutzerführung über verschiedene Kommunikationskanäle hinweg. Dass das MSIT für die breite Bevölkerung eine vollständige Kostenfreiheit ab 2027 anpeilt, erhöht dabei den Druck auf effiziente Betriebsmodelle und auf die Fähigkeit, Nachfrage dauerhaft zu bedienen.
In den Unternehmen hierzulande spielt parallel der rechtliche Rahmen eine große Rolle, weil KI-Systeme zunehmend mit Pflichten rund um Kennzeichnung, Dokumentation und Risiko-Einstufungen verbunden werden. Der Text stellt zwar keinen konkreten Compliance-Fall für Südkorea dar, betont aber die Notwendigkeit, neue Leitplanken wie den EU AI Act genau zu berücksichtigen. Für deutsche und europäische Organisationen bedeutet das praktisch: Sobald KI in massenmarktnahen Services landet, wird die Governance-Last nicht automatisch kleiner, nur weil die Nutzung „einfach“ wirkt. Gerade bei kostenlosen Zugängen steigt zudem das Risiko, dass Anwender KI anders verwenden als in internen Tests, was wiederum detaillierte Nachweise und klare Prozessdokumentation für bestimmte Systemkategorien erfordert.
Langfristig zielt Südkorea mit dem Projekt auf mehr als kurzfristige Nutzerzahlen: Die Strategie nennt explizit den Aufbau einer staatlich geförderten KI-Infrastruktur, die unabhängig von kommerziellen Nutzungsgebühren operieren soll. Damit bekommt der Begriff „technologische Souveränität“ im KI-Kontext eine sehr konkrete Betriebsdimension. Wenn wirklich ab 2027 keine direkten Nutzungslimits für die Bürger bestehen sollen, wird die Infrastruktur zum politischen Versprechen, das messbar an Betriebskosten, Modellqualität und Service-Stabilität gekoppelt ist. Für den Markt insgesamt ist das ein deutliches Signal: KI wird in Zukunft stärker als öffentliche Plattform gedacht, und nicht nur als Produkt, das man einkauft.
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