LONDON (IT BOLTWISE) – Edward Yardeni sieht gute Chancen, dass die Aktienrally noch mehrere Jahre anhält, getrieben vor allem von KI-basierten Produktivitätsgewinnen. Er nennt eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass der Aufschwung zumindest in der ersten Phase der 2030er-Jahre weiterläuft. Als Bremse bleiben für ihn geopolitische Schocks und mögliche Inflations- oder Zinsüberraschungen. Gleichzeitig räumt er ein, dass sich aus der Vergangenheit keine Garantie ableiten lässt.

Kann die KI-gestützte Rally am Aktienmarkt noch Jahre dauern? Die Yardeni-Perspektive
Kann die KI-gestützte Rally am Aktienmarkt noch Jahre dauern? Die Yardeni-Perspektive (Foto: IT BOLTWISE)
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Die aktuelle Börsenhausse wird in vielen Gesprächen schnell auf „KI“ verkürzt: große Fortschritte bei Software, neue Produktivitätswellen und damit steigende Gewinnerwartungen. Edward Yardeni, ein unabhängiger Stratege und Ökonom mit Ph.D. von der Yale-Universität, dreht die Perspektive jedoch von der reinen Euphorie weg und argumentiert für eine längere Dauer des Aufschwungs. Seine Grundidee ist nicht, dass Kurse nur wegen Schlagzeilen hochlaufen, sondern dass die Kapitalmärkte anhaltendes Wirtschaftswachstum und robuste Unternehmensgewinne einpreisen. Zugleich beginnt er mit dem menschlichen Reflex, bei „kolossalen Gewinnen“ nach einem Sicherheitsgurt zu greifen: ausreichend Cash- und Bonitätsqualität, falls es zu einem scharfen Rücksetzer kommt. Auch wenn er den Verlauf langfristig positiv einordnet, lässt er offen, wohin sich Aktien kurzfristig konkret entwickeln.

Im Zentrum seiner Begründung steht die Idee, dass die Börse langfristig eher steigt, sofern geopolitische Ereignisse die wirtschaftliche Dynamik nicht abwürgen. Yardeni verweist dafür auf die „unglaublich widerstandsfähige“ US-Wirtschaft, die trotz Hemmnissen weiterwächst. In der Rückschau ordnet er sein eigenes Handwerk ein: Er habe Markt-Tiefpunkte besser erkannt als Crash-Szenarien im Voraus zu antizipieren. Schon zu Beginn des Jahrzehnts sprach er von den „Roaring 2020s“ und verknüpfte die These mit technikgetriebenen Produktivitätsgewinnen. Die Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 habe das Thema KI zusätzlich aufgeladen und sei für ihn ein Auslöser für steigende Produktivität sowie für außergewöhnlich hohe Gewinne US-amerikanischer Unternehmen.

Die Marktwette wird dabei zahlenkonkret. Yardeni nennt eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die guten Zeiten noch für Jahre anhalten. Als Zielmarke nennt er, dass der S&P 500 bis zum Ende des Jahrzehnts 10.000 erreichen könnte. Ausgerechnet an diesem Punkt wird die „Lange Sicht“-Argumentation besonders überprüfbar: Ein Sprung auf 10.000 entspräche laut den genannten Erwartungen einem Kursgewinn von 209,5 Prozent gegenüber dem damaligen Ausgangsniveau. Der Mechanismus dahinter ist nicht mystisch, sondern rechenbar: Dafür müsste der US-Aktienmarkt in etwa die Wachstumsraten erreichen, die er seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Schnitt zeigt – grob „etwas über 7 Prozent“ pro Jahr bei Kursen und mehr als 10 Prozent pro Jahr als Total Return inklusive reinvestierter Dividenden. Yardeni stellt dazu in Aussicht, dass diese Dynamik im Kern eher eine Rückkehr zu einem Normalzustand wäre, nachdem die letzten Jahre außergewöhnlich stark verlaufen sind.

Historisch verankert wird das Argument über Vergleichszeiträume. Die in der Analyse genannten Berechnungen von Joe Abbott, chief quantitative strategist bei Yardeni Research, zeigen ähnliche Größenordnungen: Für die 1920er-Jahre wird demnach eine Kursperformance ausgewiesen, die der aktuellen Dekade „sehr nahe“ kommt. Interessant ist auch, wie die Diskussion über Jahrzehnte die Erwartungsschwelle verschiebt: Wenn Yardeni von „Roaring Decades“ spricht, meint er keine einmalige Ausnahme, sondern ein wiederkehrendes Muster, bei dem sich Hochphasen statistisch häufiger finden, als viele im Alltag wahrnehmen. Gleichzeitig bleibt er bei einem zentralen Einwand vorsichtig. Er stellt ausdrücklich die dunkle Seite früherer Muster heraus: Die „Roaring 20s“ endeten vor rund einem Jahrhundert mit dem Börsencrash und der anschließenden Great Depression. Damit im Hinterkopf nennt er auch die berühmte Fehleinschätzung von Irving Fisher vom 15. Oktober 1929 („permanent high plateau“), deren Eindruck lange nachwirkte.

Für Yardeni ist das aktuelle Setup dennoch nicht „irreversibel“. Er adressiert mehrere Risikokanäle, in denen KI zwar grundsätzlich positiv wirken kann, die kurzfristige oder mittelfristige Kursentwicklung aber dennoch ausbremsen kann. Besonders betont er geopolitische Belastungen – darunter die Kriege in Iran und Ukraine, Konflikte rund um Zölle sowie die Rivalität zwischen den USA und China. Daneben nennt er das Risiko einer aus dem Ruder laufenden Inflation. Auch steigende Renditen bei Staatsanleihen können zur Bremse werden: Er geht zwar davon aus, dass sich die Renditen in einer „normalen“ Spanne bewegen – für die 10-jährigen US-Treasuries nennt er 4 bis 5 Prozent – und dass sie das Wirtschaftswachstum aktuell nicht aus der Spur werfen. Dennoch kommen die „Bond Vigilantes“ ins Spiel: Yardeni verweist darauf, dass Renditen erneut steigen, getrieben durch höhere Defizite, unklare Politikentscheidungen sowie große Anleiheemissionen sowohl des Treasury als auch von Unternehmen, die KI-Infrastruktur aufbauen.

Unternehmensseite und Anlegerpsychologie treffen sich schließlich im Ausblick. Yardeni argumentiert, dass auf gute Marktzeiten typischerweise schlechte folgen; im Hoch vergäßen viele frühere Risiken und handelten dann wieder „dumm“. Konkret sieht er die Gefahr, dass eine deregulierte Agenda zwar Kapitalmärkte stimuliert, dadurch aber Risikoneigung kippen kann und es zu Fehlentwicklungen in Unternehmen kommt – inklusive Betrugsfällen, die er historisch mit Skandalen wie Enron und WorldCom in Verbindung bringt. Für den Moment bleibt sein Fazit trotzdem nüchtern: Es sei schwer, gegen den Aktienmarkt zu wetten. Wenn man langfristig investiere, könne man viele seiner Annahmen teilen – Wachstum der Wirtschaft, steigende Unternehmensgewinne und damit Unterstützung für steigende Kurse. Der entscheidende Streitpunkt ist damit weniger die Frage, ob Aktien steigen, sondern ob sie dauerhaft in der behaupteten historischen „Normal“-Geschwindigkeit nach oben laufen. Genau hier verankert er den Gedanken, dass breit gestreute, kostengünstige Indexfonds Anlegern helfen können, das Chance-Risiko-Profil über Zyklen hinweg zu glätten – ohne die Notwendigkeit, jede kurzfristige Schwankung exakt zu timen.

Gleichzeitig bleibt Yardenis Ansatz ein Modell, das jederzeit durch neue Makrofaktoren verändert werden kann. Er selbst sagt, dass er Rezessionen in der nahen Zukunft nicht sieht, und versucht, Politik in seinen Marktannahmen auszublenden. Für Unternehmen bedeutet das in der Praxis: Die KI-getriebene Wachstumsstory kann weiterhin Rückenwind geben, doch Treasury-Finanzierungskosten, Inflationspfade und geopolitische Schocks entscheiden mit, wie viel Bewertungsfantasie sich in Kursen hält. Wer KI-Infrastruktur finanziert, profitiert zwar von der Nachfrage nach Rechenleistung und Modellen, muss aber gleichzeitig mit einem Umfeld leben, in dem Zins- und Emissionsdynamiken stärker werden können. Dass Yardeni seine Zielmarke schrittweise bis in den konkreten Kalenderrahmen hinein formuliert, unterstreicht dabei, wie sehr diese Rally-These an messbare Kurs- und Renditepfade gekoppelt ist.


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