COPENHAGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf einer europäischen Konferenz drehten sich viele Gespräche um die Frage, wer die Kontrolle über KI-Systeme behält. Ausgelöst wurde die Debatte unter anderem durch den Ausfall eines KI-Modellzugangs außerhalb Europas. Investoren, Gründer und Betreiber diskutierten, wie viel „Agency“ in Zukunft Menschen bleibt – und wo Datenschutz und Souveränität an Grenzen stoßen. Dabei wurde deutlich: Es geht weniger um smartere Maschinen als um menschliche Entscheidungen über Nutzung, Daten und Machtverteilung.

In Kopenhagen zeigte sich in den Gesprächen zwischen Investoren, Gründern und Betreibern vor allem eines: Die Diskussion über Künstliche Intelligenz ist längst von der Frage „Was können wir bauen?“ in Richtung „Wer bestimmt, wie weit wir gehen?“ gekippt. Das Thema „Souveränität“ fiel dabei nicht abstrakt vom Himmel, sondern wurde durch ein konkretes Ereignis in den Fokus gerückt: Nachdem KI-Modelle des Unternehmens Anthropic mit den Namen Mythos und Fable für Nutzer außerhalb Europas zeitweise nicht verfügbar waren, wurde in vielen europäischen Teams erneut durchgespielt, wie abhängig man von einzelnen Anbietern und deren Infrastruktur wirklich ist. Für einige Startup-Teams bedeutete das spürbare Störungen in der Entwicklungsarbeit, für andere wirkte es eher wie ein vorübergehendes Risiko im Betrieb.
Technisch betrachtet ist genau diese Verwundbarkeit der Kern der Souveränitätsfrage. Wer KI nicht nur „nutzt“, sondern in Produktlogik, Datenflüsse und Integrationen einwebt, macht sich mittelbar von Release-Zyklen, Zugriffspolitiken und Plattformentscheidungen abhängig. Das betrifft nicht nur das Modell selbst, sondern auch die Umgebung, in der Prompts, Nutzungsdaten, Protokolle und oftmals auch Metadaten verarbeitet werden. Wenn dann regionale Zugriffe eingeschränkt werden, geraten Entwicklungs- und Support-Prozesse in Bewegung: Teams müssen Alternativen evaluieren, Migrationspfade planen und sicherstellen, dass Produktfunktionen konsistent bleiben. Auf der Konferenz wurde deshalb wiederholt betont, dass Europa mehr Kontrolle über die technische Grundlage der „KI-Welle“ braucht – nicht als Symbolpolitik, sondern als Voraussetzung für stabile Produktentwicklung.
Auch die Debatte um KI-Agenten wurde auf der Veranstaltung deutlich politischer, als es viele zunächst erwarten würden. Ellen de Brever, Angel Investor und Leiterin von Partnerschaften beim Startup-Programm der Novo Nordisk Foundation Cellerator, brachte es auf den Punkt: Der Diskurs drehte sich nicht um „smartere Maschinen“, sondern um menschliches Urteilsvermögen und darum, wer die Rolle des Steuernden behält. In diesem Verständnis ist das „Zeitalter der KI-Agenten“ kein Märchen über Maschinen, die sich selbst eine Entscheidungsbefugnis verschaffen. Stattdessen geht es um harte Abwägungen, welche Aufgaben Menschen tatsächlich aus der Hand geben wollen – etwa weil Automatisierung schneller liefert, aber Kontrolle und Verantwortlichkeit verschiebt. De Brevers Schwerpunkt passte damit auch inhaltlich zu weiteren Panels, in denen es um die Zukunft von Investorenzuflüssen nach Europa und um die Zusammenarbeit von nordischen und afrikanischen Ökosystemen ging: Agentik ist nicht nur eine technische Eigenschaft, sondern auch ein wirtschaftlicher Hebel.
Besonders scharf wurde es bei Datenschutz und Systemintegration. Auf einer Session mit der Signal-Präsidentin Meredith Whittaker, moderiert durch den Veranstalter selbst, stand die Frage im Raum, ob Datenschutz und KI ohne Widerspruch nebeneinander existieren können. Whittaker stellte dabei deutlich klar, dass sie gegen die Integration von KI-Assistenten und Agenten in Betriebssysteme argumentiert – konkret mit Blick auf Assistenzfunktionen, die in Kommunikations-Apps wie iMessage angedockt werden. Ihre Kernthese lautete, dass diese Ära eine „Daten-Erfassungsapparatur“ fördere und dass KI-Labore mithilfe geschickter Vermarktung den Blick auf die „kollateralen Folgen“ von massenhaft gesammelten Daten verstellten. Gleichzeitig machte sie aber auch eine Marktrealität fest: Es gebe eine große Nachfrage nach Datenschutz, und gerade die Souveränitätsbedenken könnten dazu führen, dass es in Europa passende Kundensegmente gibt.
Parallel dazu wurde Souveränität auch als Machtfrage über die Architektur der Arbeitswelt diskutiert. Emad Mostaque, Mitgründer von Stability AI und Intelligent Internet, sprach in einem Panel darüber, wie eine agentische Belegschaft die Wirtschaft verändert und was das für persönliche Souveränität bedeutet. In seiner Definition ist Souveränität die Fähigkeit, Widerstand gegen Einflussnahme auf die eigene Entscheidungsfreiheit zu leisten. Er führte zudem die Konzentration von Macht bei wenigen KI-Labs an und zog daraus eine harte Schlussfolgerung: Wer die KI kontrolliert, kann letztlich auch gesellschaftliche Steuerung beeinflussen. Damit verschob sich der Fokus von „Welche Modelle sind verfügbar?“ zu „Wer besitzt die Hebel, die über Modellzugang, Datenhoheit und Betriebssystem-Integrationen laufen?“ – ein Unterschied, der in der Praxis relevant wird, sobald Agenten produktive Rollen übernehmen.
Am Ende dominierten trotz der inhaltlichen Schwere wieder menschliche Begegnungen. Mia Negru, Advocacy- und Engagement-Direktorin bei Life With Artificials, brachte nach der Panelrunde in einer Nachricht die Möglichkeit ins Spiel, dass sich die nächste Entwicklung über den technischen Fortschritt hinaus ausdehnen könnte: Wenn intelligente Agenten kognitive Arbeit übernehmen und Roboter zunehmend physische Tätigkeiten, könnte das Besitz-, Arbeits- und Demokratiefragen sowie die Frage der gesellschaftlichen Teilhabe neu aufstellen. Gleichzeitig wurde in den späteren Formaten – Happy Hour, Rooftop-Events und einem Abendessen mit internationaler Presse – sichtbar, dass Netzwerke und direkte Kontakte weiterhin ein entscheidender Faktor für die Verteilung von Know-how sind. De Brever fasste den Eindruck schließlich in einem Satz zusammen: In einem Raum voller Maschinen-Dialoge bleiben oft die einfachsten Momente am stärksten, weil persönlicher Austausch Technologie Grenzen zeigt, die weder Automatisierung noch Agentik vollständig schließen können.
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