LONDON (IT BOLTWISE) – Die Elektronikmesse IFA will nach einem schwachen ersten Halbjahr stärker auf Unterhaltung und Mitmachformate setzen. IFA-Chef Leif Lindner sagt, die Konsumstimmung liege wegen Weltlage und hoher Sparneigung deutlich unter Druck. Gleichzeitig sollen jüngere Zielgruppen und mehr Frauenanteil die Hersteller aus dem Absatzloch holen. Für Berlin kündigt Lindner zudem bis 2034 eine Fortsetzung an – inklusive mehr Sichtbarkeit im Stadtraum.

Die IFA steht nach einem schwierigen Jahresverlauf der Elektronikbranche unter Zugzwang – und die Antwort darauf fällt weniger nach „klassischer Messe“ aus als nach einem Event-Design. Denn die Rahmenbedingungen haben sich zuletzt spürbar eingetrübt: Im ersten Halbjahr lag der Umsatz mit sogenannten technischen Konsumgütern in Deutschland bei 20,6 Milliarden Euro, das entspricht 2,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Parallel bleibt die Konsumlaune niedrig, weil sich Verbraucher angesichts der Weltlage stärker zurückhalten und weniger Risiko eingehen. Genau in dieser Phase versucht die IFA, den Herstellern nicht nur Sichtbarkeit zu geben, sondern die Motivation rund um Elektronikanschaffungen wieder anzustoßen.
Technisch betrachtet berührt die Neuausrichtung vor allem die Frage, wie sich Hardware-Innovation im Markt überhaupt „erlebbar“ macht. Wenn Verbraucher unsicher sind, entscheiden sie weniger nach Datenblatt und mehr nach unmittelbarem Nutzen: schnell nachvollziehbar, interaktiv ausprobierbar und emotional anschlussfähig. Lindner stellt deshalb Entertainment neben das Messegeschäft, ergänzt mit Formaten zum Mitmachen und zum Techniktest. Laut seiner Darstellung gilt dies auch für eine Neupositionierung im Ausland: Dort werde eine IFA-ähnliche Veranstaltung oft eher als Show oder punktuell als Festival gelesen – die IFA reagiert darauf, indem sie das Erlebnis stärker in den Mittelpunkt rückt.
Ein weiterer Hebel ist die Zielgruppenverschiebung. Die IFA hat sich bereits verändert: Die drei Buchstaben stehen inzwischen nicht mehr für die klassische Langform, sondern für den Slogan „Innovation for All“. Zudem sprechen die Veranstalter in der Regel von einem Event. Lindner verweist darauf, dass die Besucherstruktur deutlich jünger geworden ist: Vor einigen Jahren lag der Altersschnitt noch knapp über 50 Jahren, dabei waren mehr als 90 Prozent der Besucher männlich. Inzwischen sei jeder zweite Endkonsument, der die IFA besucht, unter 35, und der Frauenanteil liege bei mehr als 25 Prozent. Damit entsteht eine andere Kommunikationslogik für Hersteller – weg von rein fachlichem Publikum, hin zu Endanwendern, die eher über Inhalte, Social-Formate und Community-Mechaniken erreicht werden.
Diese Mechanik zeigt sich auch in den konkreten Programmschwerpunkten. Für die diesjährige Ausgabe wurde der Bereich „Beauty & Wellbeing“ laut Lindner vergrößert; außerdem gibt es Angebote rund um Internetstars, die während der Ausstellung Videoclips drehen oder Podcasts aufnehmen können. Der IFA-Sommergarten greift das Entertainment-Thema zusätzlich auf, etwa mit Auftritten wie bei der Berliner Rapperin Ikkimel und Luciano. Wenn solche Formate Tickets ziehen, verschiebt sich damit indirekt auch die Besuchsmotivation: Die Messebesucher kommen nicht nur wegen „einer Neuheit“, sondern wegen eines Gesamt-Erlebnisses. Für die Elektronikbranche kann das bedeuten, dass sich Produkte stärker über Storytelling und wiederholte Kontaktpunkte verkaufen lassen, statt allein über Präsenz am Messestand.
Auf der Angebotsseite adressiert die IFA parallel den Business-Kern. Dieses Jahr können Besucher Produkte von knapp 2.000 Ausstellern ansehen; Lindner betont zugleich, dass es nicht nur um „mehr“ geht, sondern um eine hohe Qualität der Aussteller, die für Unternehmen und Fachbesucher wirklich Mehrwert schaffen. Genau hier wird die IFA als Business-Plattform relevant: Für Hersteller sind Veranstaltungen mit hoher Dichte ein Kanal, um Reichweite, Kooperationsgespräche und Produktfeedback zu bündeln. Für Fachbesucher ist die Kombination aus Endkundenerlebnis und Branchenkompetenz ebenfalls entscheidend, weil sich Trends schneller validieren lassen als in isolierten Veranstaltungsformaten.
Auch das Thema Standortpolitik gehört zur Strategie – und damit zur Frage, wie sich ein Event langfristig in die Stadtlogik integriert. Die IFA öffnet für Privatbesucher ab Freitag bis einschließlich Dienstag, 8. September; bis 2034 soll sie laut einem Vertrag mit der Messe Berlin weiterhin in Berlin bleiben. Lindner nennt Berlin als „absolut richtigen Standort“ und verweist auf seine eigene Verbindung zur Stadt. Gleichzeitig fordert er mehr Unterstützung von der Stadt: Er beziffert die Wirkung der IFA für Berlin mit 380 Millionen Euro Umsatz, etwa bei Hotels, Restaurants, Geschäften und Taxen. Als Beispiele nennt er IFA-Werbung am Brandenburger Tor sowie die Umbenennung einer U-Bahnstation in „IFA-Station“ – ein Signal dafür, dass die Sichtbarkeit im Alltag das Messeerlebnis verstärken soll.
Für Unternehmen, die in Berlin und darüber hinaus ihre KI-, Smart-Home- oder Unterhaltungselektronik-Strategien umsetzen, ist die Konsequenz klar: Die „Conversion“ von Interesse in Kaufentscheidungen wird stärker vom Gesamtauftritt getragen. Ein jüngeres Publikum, mehr Frauenanteil und die Einbindung von Content-Creators verändern die Anforderungen an Produktkommunikation, Standkonzepte und die Vorbereitung von Demonstrationen. Wer die IFA nur als Hardware-Schaufenster versteht, läuft Gefahr, die eigentliche Reichweitenmechanik zu unterschätzen. Umgekehrt kann die Kombination aus Fachformaten, Entertainment und echter Interaktion dazu beitragen, die Lücke zu schließen, die die sinkenden Umsätze im ersten Halbjahr sichtbar gemacht haben.
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