LONDON (IT BOLTWISE) – Der ATX hat sich laut Einordnung in den letzten Jahren spürbar an internationale Indizes angenähert. Im langfristigen Vergleich seit 1991 wirkt die Wertentwicklung rechnerisch sogar nahezu identisch zum DAX. Getrieben wird die Bewegung vor allem durch die starke Gewichtung von Banken, zusätzlich stützt der Osteuropa-Fokus vieler Institute. Gleichzeitig bremsen geringe Marktbreite, schwache ETF-Präsenz und steuerliche Rahmenbedingungen die Beteiligung von Privatanlegern.

Der österreichische Aktienmarkt wirkt im Rückblick weniger wie eine regionale Randnotiz und mehr wie ein europäischer Mischkonzern mit eigener Risiko- und Chancenstruktur. In einem aktuellen Gespräch ordnete Christian Drastil, Gastgeber eines Private-Investor-IR-Formats, genau das ein: Der ATX existiert seit 35 Jahren, der DAX seit 39 Jahren, und betrachtet man beide Indizes seit 1991, ergibt sich eine bemerkenswert gleichlaufende Größenordnung. In seiner Rechnung steht der ATX bei 6.600 Punkten, der ATX Total Return bei 16.600 Punkten – ausgehend von 1.000. Wenn man den DAX auf einen fiktiven gemeinsamen Startpunkt im Jahr 1991 umrechnet, landet man ebenfalls bei 16.600 Punkten; selbst ohne Dividendenberücksichtigung bleibt die Größenordnung erhalten. Auch der EuroStoxx 50, der keine österreichischen Titel enthält, erreicht dieses Niveau rechnerisch, was die Kernaussage stützt: Langfristig treffen Märkte trotz Zwischenphasen wieder an einem ähnlichen Ausgangspunkt zusammen.
Die spannende Frage ist dann nicht, ob die Performance sich angleicht – sondern warum sie sich so oft phasenweise auseinanderbewegt. Drastil verortete den Wiener Markt in den 1980er-Jahren als „spannendsten Markt auf der Welt“, bevor nach Gründung des ATX in den Nullerjahren eine ausgeprägte Osteuropa-Fantasie zu deutlicher Überbewertung führte. Die Finanzkrise um Lehman Brothers habe den Markt anschließend so stark zurückgeworfen, dass eine Unterbewertung entstand; diese Lücke sei wieder aufgeholt worden. Dass sich der österreichische Markt tendenziell günstiger bewerten müsse, begründete er dabei nicht mit der Geschichte, sondern mit der Struktur: geringe Liquidität und fehlende Marktbreite wirken wie ein Bewertungsabschlag. Auf der Total-Return-Ebene nannte er eine Größenordnung von rund 7,3 bis 7,4 Prozent nach Abzug von Steuern und Spesen – damit nur knapp unter US-indizierten Referenzen, was für viele internationale Investoren die Hürde senkt, sich überhaupt mit dem ATX als Beimischung zu beschäftigen.
Technisch betrachtet lässt sich ein Teil der jüngsten Outperformance über die Indexarchitektur erklären. Der ATX, so Drastil, besteht im Kern aus drei Sektoren: Banken, Industrie und Energie. Eine Index-Neuzusammensetzung steht zum September an; voraussichtlich soll mit Raiffeisen International ein dritter Banktitel in den ATX-5 aufgenommen werden, damit der Markt international investierbar bleibt. In seiner Erwartung würden damit ab September drei Banken mit mehr als zwei Dritteln im ATX-5 vertreten sein, ergänzt durch einen Industriewert – entweder Andritz oder voestalpine – sowie die OMV. Genau diese Bankendominanz sei ein wesentlicher Treiber: Die Zinslandschaft habe europäischen Banken Rückenwind gegeben, und speziell österreichische Institute hätten von ihrem starken Osteuropa-Geschäft profitiert – wegen besserer Margen und schneller wachsender Volkswirtschaften.
Im Energiesektor zeichnete Drastil ein differenziertes Bild, das das Dilemma „Top-Fundamentals vs. politische und operative Bremsen“ gut illustriert. Während die OMV laut seiner Darstellung aktuell auf einem All-Time-High notiert, habe der Verbund – Österreichs größter Energiewert – vor vier Jahren ein Allzeithoch von 113 Euro erreicht und liege nun bei rund 58 Euro, also etwa der Hälfte. Als Gründe nannte er politische Eingriffe wie eine Übergewinnsteuer sowie die aktuell niedrigste je gemessene Wasserführung der Donau, die die Effizienz der Kraftwerke beeinträchtige; auch die EVN als Landesversorger wurde in diesem Zusammenhang erwähnt. Daneben verwies er bei Industriewerten auf Unternehmen wie Wienerberger und argumentierte, dass zwar viele Weltmarktfirmen in Österreich beheimatet seien, jedoch nur wenige börsennotiert und noch weniger im ATX vertreten. Dadurch würden die verfügbaren Industriewerte naturgemäß stärker von der globalen Konjunktur abhängen als vom lokalen österreichischen Nachfragezyklus.
Die Investment-Story dreht sich in diesem Rahmen besonders um Zentral- und Osteuropa. Drastil bezeichnete sich selbst als „großen Osteuropa-Fan“ und verwies auf schnell wachsende Volkswirtschaften wie Polen und Tschechien, während auch Rumänien wiederholt positiv aufgefallen sei. Gleichzeitig benannte er Risiken: Der Konflikt um Russland und die Ukraine erschwere die Situation für einzelne Unternehmen; bei Raiffeisen oder Strabag seien Assets gesperrt, man arbeite seit Jahren an einer Entflechtung, was Druck auf die Kurse ausübe. Für die Gesamtbetrachtung sei Osteuropa aber klar mehr Chance als Risiko. Wichtig ist für Anleger dabei die Mechanik hinter dem Begriff „ATX kaufen“: Es sei keine reine Wette auf die österreichische Wirtschaft, sondern auf international tätige Unternehmen mit starkem Fokus auf die CEE-Region – abzüglich Russland als Risikofaktor. Aus seiner Sicht liegt hier das Wachstumsfeld sowohl im B2B- als auch im B2C-Bereich, etwa beim Aufholbedarf bei privatem Konsum oder der Durchdringung von Bank- und Versicherungsprodukten.
Praktisch wird die Diskussion jedoch schnell zu einer Liquiditäts- und Zugangsfrage. Auf konkrete Umsetzungen angesprochen, nannte Drastil einen bestehenden ATX-ETF, der aus seiner Einschätzung heraus kaum Volumen habe und den Index nicht optimal abbilde. Alternativ verwies er auf Fonds, Wikifolios und Zertifikate; besonders Zertifikate-Produkte seien seiner Ansicht nach geeignet, den Wiener Markt abzubilden. Auffällig war sein Hinweis, dass im österreichischen Markt praktisch kein ETF-Geld gebunden sei: „Wo keine Inflows, können auch keine Outflows so schnell kommen.“ Das kann kurzfristig Stabilität bedeuten, schafft aber auch eine Erwartung an mögliche künftige Quartale, falls der Markt stärker gewichtet wird. Zudem wurde der Handel österreichischer Titel über die Deutsche Börse als Option erwähnt – ein Punkt, der zeigt, wie stark der ATX faktisch mit der deutschen Marktinfrastruktur verflochten ist.
Wenn es um konkrete Chancen ging, standen mehrere Einzeltitel im Fokus – jeweils ohne Anlageberatung. Besonders hervorgehoben wurde AT&S: Der Kurs sei laut seiner Darstellung von 32 Euro zu Jahresstart auf zeitweise 200 Euro gestiegen und liege aktuell bei rund 140 Euro. AT&S stehe für IC-Substrate, also Bauteile, die Chips für unterschiedliche Anwendungen benötigen; im Umfeld sei das Unternehmen für ihn der einzige europäische Player. Er verwies aber auch explizit auf hohe Volatilität und darauf, dass der Titel kaum mit dem restlichen österreichischen Markt vergleichbar sei, weil er stärker mit der globalen KI-Entwicklung korreliere. Beim Verbund nannte er wegen des niedrigen Wasserstands mittelfristig Aufholpotenzial, ähnlich bei der EVN; Wienerberger beschrieb er kursmäßig als günstig bewertet, operativ jedoch zuletzt nicht ganz geliefert. Do&Co wurde im Kontext medialer Aufmerksamkeit genannt, während PORR und Strabag positiv angesprochen wurden: Beide hätten im europäischen Vergleich starke Margen, bei der PORR arbeite man zudem an einem Programm, um die Margen weiter aufzuholen. Grundsätzlich merkte Drastil an, dass dem Markt die Breite fehle: Mit rund 25 bis 26 Titeln und dem letzten IPO aus dem Jahr 2019 sei die Auswahl für viele Strategien klein.
Zum Bremsklotz entwickelte sich in der Diskussion die Kapitalertragsteuer. Drastil verwies auf ein Zitat des deutschen Vorstands der Wiener Börse, Christoph Boschan, wonach Österreich Kursgewinne unabhängig von einer Behaltefrist mit 27,5 Prozent besteuere. Viele Anleger hätten laut dieser Darstellung die Regelung unterschätzt – besonders jene, die während der Pandemie in Wertpapiere investiert hätten. Er erklärte außerdem die Logik der Besteuerung: Sie hänge nicht vom Investmentvehikel ab, sondern vom Wohnsitz des Anlegers. Wer in Deutschland lebt und einen österreichischen ETF kauft, unterliege der deutschen Besteuerung; wer in Österreich wohnt, der österreichischen. Ob eine Behaltefrist politisch wieder eingeführt wird, sei offen, aber die Chance auf Bewegung bestehe wieder, auch weil das Thema international stärker diskutiert werde. Dazu kommt eine Wachstumsbremse aus dem Privatanlegerbereich: Anders als in Boomphasen habe heimisches Privatanlegerkapital aktuell kaum Zuflüsse. Er führte das unter anderem auf fehlende breite Medienberichterstattung und auf die steuerliche Situation zurück, während zugleich eine wachsende Verbindung zum deutschen Markt erkennbar sei: Teile des Handels österreichischer Aktien laufen über Handelsplätze wie Xetra oder Tradegate, die Volumina steigen damit auch dann, wenn in Wien selbst nicht zwingend mehr Einzeltitel gehandelt werden. Für internationale institutionelle Anleger bleibt der ATX in seiner Sicht vor allem eine stabile Beimischung, typischerweise mit 0,5 bis 3 Prozent Portfolioanteil – getragen vom Osteuropa-Hebel. Genau dort liegt auch der Kern der nächsten Entwicklung: Mehr Marktbreite und bessere Zugangsformen könnten das Potenzial heben, während die fehlende Behaltefrist und die geringe ETF-Präsenz eher dafür sorgen, dass sich der Markt weiterhin stärker über Nischeninteresse als über breite Privatanlegerdynamik bewegt.
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