ISTANBUL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Türkei arbeitet an einem neuen Abkommen zwischen Russland und Ukraine, das den Export von Getreide über das Schwarze Meer wieder ermöglichen soll. Außenminister Hakan Fidan kündigte an, man stehe dazu sowohl mit Kiew als auch mit Moskau in Kontakt. Der Minister verknüpft die Gespräche mit Appellen zur Zurückhaltung angesichts von Drohnenangriffen auf Schiffe. Ziel ist es, nicht nur die Schifffahrt zu stabilisieren, sondern auch die globale Lebensmittelsicherheit zu schützen.

Die Türkei versucht, das Zeitfenster für Getreideexporte über das Schwarze Meer erneut zu öffnen. In Istanbul stellte Außenminister Hakan Fidan vor Journalisten in Aussicht, dass ein weiteres Abkommen „ähnlich wie das Getreideabkommen“ entstehen soll. Ein solches Abkommen war bereits nach Kriegsbeginn 2022 aufgelegt worden, lief jedoch 2023 aus. Dass die Gespräche nun wieder Fahrt aufnehmen, passt in eine Phase, in der die Unsicherheit für Frachtschiffe im Schwarzen Meer spürbar zugenommen hat und damit auch das Risiko für Lieferketten im Agrarsektor steigt.
Technisch betrachtet hängt die Verfügbarkeit von Kapazitäten im Seehandel in dieser Region nicht nur von der politischen Genehmigungslage ab, sondern von der realen Bedrohung für Schiffe. Fidan verwies deshalb explizit auf Drohnenangriffe gegen Schiffe und forderte die Kriegsparteien zur Zurückhaltung auf. Seine Argumentation war doppelt: Die Angriffe seien eine Bedrohung für die Sicherheit auf dem Schwarzen Meer und zugleich ein Faktor, der die Lebensmittelsicherheit weltweit verschlechtert. Gerade dieser zweite Punkt ist für Märkte relevant, weil sich aus ausbleibenden Mengen auf dem Weltmarkt nicht nur Preisschwankungen, sondern auch Engpässe ableiten können.
Der wirtschaftliche Hintergrund ist deutlich, weil Russland und Ukraine zu den wichtigsten Weizenexporteuren der Welt zählen. Wenn ihre exportierbaren Mengen im Jahresverlauf zeitweise ausfallen, kann das den globalen Preisbildungsmechanismus an mehreren Stellen treffen: erstens über den Wiederauffüllbedarf im Importsegment, zweitens über den Druck auf Lagerbestände und drittens über Ausschläge bei Terminkontrakten. Gleichzeitig beschreibt die Quelle eine konkrete operative Bremse: Wegen der gegenseitigen Angriffe im Schwarzen Meer fahren dort aktuell kaum Getreidefrachter. Ein Abkommen würde in diesem Szenario vor allem als Koordinationsrahmen wirken, um die Schifffahrt überhaupt wieder planbar zu machen.
Auf diplomatischer Ebene trifft das Thema zudem auf bereits laufende Abstimmungsrunden. Am Dienstag stehen Seekrieg im Schwarzen Meer und mögliche Waffenruhe als Themen eines Treffens von Kremlchef Wladimir Putin und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Kirgistan auf der Agenda. Dabei bringt die Türkei offenbar ihre Verhandlungsrolle ein, während die Ukraine eine neue Waffenruhe im Schwarzen Meer befürwortet. Russland hatte sich zuletzt ablehnend geäußert; genau diese Divergenz macht deutlich, wie schwer es ist, Sicherheitszusagen und Logistikvereinbarungen gleichzeitig zu erfüllen.
Die jüngsten Ereignisse liefern dafür einen spürbaren Taktgeber. Laut dem Bericht hatten Türkei und UN in der Vergangenheit ein Abkommen zur Verschiffung von ukrainischem Getreide über das Schwarze Meer ausgehandelt. Die Vereinbarung hatte der Ukraine zeitweise ermöglicht, trotz des russischen Angriffskriegs Getreide auf dem Seeweg zu exportieren. Zuletzt nahmen die Spannungen jedoch wieder zu: Am Samstag hatte die Türkei den ukrainischen Botschafter ins Außenministerium einbestellt und gegen Angriffe gegen zwei türkische Schiffe protestiert, die am 26. und 27. August im Schwarzen Meer erfolgt sein sollen. Am Sonntag wurde zudem von einem Tanker berichtet, der nach einem Drohnenangriff vor Samsun auf Grund gelaufen sei und nach der Evakuierung der Besatzung tageweise führungslos auf dem Meer treibe.
Für Unternehmen und Beschaffer wirkt sich eine solche Lage unmittelbar auf Beschaffungsplanung, Transportkalkulation und Risikoaufschläge aus. Selbst wenn eine Lieferkette grundsätzlich „funktioniert“, entscheidet die Schifffahrtsrealität darüber, ob Lieferfristen eingehalten werden können, weil Umleitungen, Wartezeiten im Hafen und die geringere Anzahl verfügbarer Fahrten die Kostenstruktur verändern. Ein neues Abkommen, das Schiffsverkehr im Schwarzen Meer wieder konsistent ermöglicht, könnte daher nicht nur die Exportseite entlasten, sondern auch Importeuren in Regionen mit erhöhter Abhängigkeit von Weizenlieferungen Planungssicherheit geben. Dass die Türkei das Thema nicht nur als Handels-, sondern auch als Sicherheits- und Lebensmittelfrage rahmt, zielt genau darauf: Sie versucht, die beteiligten Akteure über die Risiken der Gegenwart zusammenzubringen, anstatt nur über Bedingungen für den Wiederstart zu verhandeln.
Unterm Strich steht damit ein klassischer Zielkonflikt im Raum: Militärische Abschreckung und maritime Sicherheit prallen auf die zivile Notwendigkeit zuverlässiger Transportwege. Die Türkei setzt in diesem Kontext offenbar darauf, dass ein Abkommen, das an das Format von 2022/2023 anknüpft, diesmal stärker an Sicherheitszusagen gekoppelt wird. Ob eine Waffenruhe im Schwarzen Meer als politisches Fundament tatsächlich mit Logistikverträgen zusammenpasst, bleibt offen; zugleich deutet die wiederholte Bezugnahme auf Drohnenangriffe darauf hin, dass die operative Realität der Schifffahrt die entscheidende Messlatte für Erfolg oder Scheitern sein könnte.
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