DACHAU / LONDON (IT BOLTWISE) – Die neue, gemeinnützige Plattform Simani will Gespräche zwischen politisch oder gesellschaftlich gespaltenen Menschen gezielt in Richtung Annäherung lenken. Der Gründer Stephan Batteiger erklärt, wie sich „positiver Frieden“ vom reinen „Waffenruhe“-Zustand abgrenzt und warum Dialog mit Technik unterstützt werden soll. Simani misst dabei nicht abstrakten Frieden, sondern Veränderungen in Meinungen nach rund 15-minütigen Gesprächen. Besonders junge Menschen sollen wieder lernen, Konflikte durch Zuhören und Gesprächsführung zu klären.

In vielen Debatten wirkt die eigene Position längst wie ein Abspannseil: Sie hält fest, aber sie bringt keine Bewegung mehr. Genau an dieser Stelle setzt die neue gemeinnützige Plattform Simani an. Stephan Batteiger, Softwareentwickler aus Dachau und Gründer des Projekts, beschreibt die wachsende Polarisierung als Auslöser für sein Engagement – und als Alltagserfahrung, die bei ihm nicht nur gedanklich, sondern auch emotional ankommt, etwa wenn Nachrichten ihn „etwas machen“. Simani soll deshalb nicht einfach nur einen virtuellen Treffpunkt bieten, sondern Begegnung, Diskurs und Annäherung organisatorisch und methodisch unterstützen.
Der Begriff „positiver Frieden“ liefert dabei die inhaltliche Klammer. Batteiger grenzt ihn explizit vom negativen Frieden ab, bei dem Gewalt ausbleibt, etwa solange „Waffen ruhen“. Positiver Frieden geht für ihn weiter: Er steht für eine gerechte Welt, in der Menschen einander nicht nur tolerieren, sondern tatsächlich aufeinander zugehen – mit Empathie und Mitgefühl als praktische Folge. Für die Plattform bedeutet das: Es geht nicht um Siegen im Argument, sondern um die Frage, wie aus einem Gespräch überhaupt ein Verständnisprozess werden kann, der im Alltag weiterwirkt.
Technisch und methodisch setzt Simani auf einen messbaren Zwischenschritt. Frieden ist nach Batteigers Darstellung zwar ein großes, idealistisches Ziel, das sich schwer in Kennzahlen übersetzen lässt. Was sich aber messen lässt, ist die Annäherung zwischen gespaltenen Menschen bei konkreten Themen: Simani erhebt vor einem Gespräch die Meinung der Teilnehmenden, schickt sie dann in ein etwa 15-minütiges Gespräch und fragt anschließend, ob und wie stark sich die Meinung verändert hat. Aus dieser Differenz will das Projekt erkennen, ob eine Annäherung tatsächlich stattfindet – ein Ansatz, der eher auf Prozessindikatoren als auf Endzustände zielt.
Damit solche Gespräche funktionieren, reicht laut Batteiger reine Gesprächsbereitschaft oft nicht aus, insbesondere dann nicht, wenn eine Person die andere Seite bereits als Gegner einordnet. Simani will Menschen deshalb nicht nur „zusammenbringen“, sondern das Gespräch vorbereiten und nachschärfen. Dafür erhalten Teilnehmende eine neutrale Argumentationsgrundlage oder konkrete Tipps, wie sie das Gelernte beim nächsten schwierigen Anlass – etwa bei Familienfeiern – in ein nicht eskalierendes Gespräch übertragen. Entscheidend ist dabei der Ablauf: Den ersten Schritt geht man nur, wenn man weiß, wie man ihn sprachlich anstößt, und wenn Zuhören nicht als passives Warten verstanden wird, sondern als aktive Technik.
Im Kern betont Batteiger Fragetechniken, die den Gesprächsraum verändern, bevor Argumente überhaupt den Ton angeben. Statt direkt in den „Beweis-Modus“ zu wechseln, kann man zum Einstieg fragen, wie jemand zu seiner Meinung gekommen ist. Genau diese Tür zur persönlichen Geschichte soll Raum schaffen, in dem Perspektiven verständlich werden, ohne dass sofort um Zustimmung gerungen wird. Ebenso wichtig ist die Sichtbarmachung von Gemeinsamkeiten: Wer nur Unterschiede betont, bestätigt häufig ohnehin vorhandene Lager. Wenn Gesprächspartner einander zuhören und verstehen, entsteht daraus Empathie; erst danach kommt der Bereich, in dem Argumente ausgetauscht und Ungerechtigkeiten gemeinsam neu gedacht werden.
Grenzen des Dialogs definiert Simani ebenfalls. Für Batteiger braucht ein Gespräch eine Wertebasis, und die wichtigste Bedingung ist respektvoller Umgang. Die Linie wird überschritten, sobald menschenverachtende Äußerungen, Hassrede, Sexismus oder Rassismus ins Spiel kommen. Solange jedoch Interesse an der Perspektive des anderen vorhanden ist, sieht er das Gespräch nicht als Risiko, sondern als Bereicherung. Für eine Plattform ist das mehr als ein moralischer Rahmen: Es entscheidet über Moderationslogik, über die Art der Gesprächsführung und über die Erwartung, welche Form von Austausch als zulässig gilt.
Besonders gezielt richtet Simani den Fokus auf junge Menschen. Jugendliche sollen angesprochen werden, weil sie oft offen für neue Formate sind und weil sie eine zentrale Zielgruppe „für die Zukunft“ darstellen. Gleichzeitig erlebt diese Altersgruppe Batteigers zufolge zunehmend weniger, wie man aufeinander zugeht und Konflikte miteinander klärt – in einer Welt, die ohnehin stärker polarisiert. Die Plattform will genau hier ansetzen: Sie will nicht nur Diskussionen ermöglichen, sondern zeigen, dass Worte etwas bewegen können. Der Name „Simani“ verbindet dafür zwei kulturelle Referenzen: „Samir“ als Anspielung auf tiefgründige Gespräche am Lagerfeuer und „Amani“, das Frieden bedeutet – eine Symbolik, die das Projekt in Richtung Dialogkultur statt Schlagabtausch positioniert.
Woran sich Erfolg ablesen lassen soll, beschreibt Batteiger bewusst langfristig. In zehn Jahren wünscht er sich, dass Simani aus der Startup-Phase heraus ist und von einem internationalen wissenschaftlichen Beirat neutral begleitet wird. Wichtig ist dabei sein Verständnis von Zeit: Positiver Frieden ist kein „Endziel“, das irgendwann dauerhaft erreicht ist. Wenn zehn Probleme gelöst seien, kämen danach die nächsten zehn; entscheidend sei, im Dialog zu bleiben und sich als Menschheit immer wieder zu fragen, wohin die Reise gehen soll. Für Unternehmen und Entwickler, die digitale Formate für gesellschaftlichen Austausch planen, steckt in diesem Bild eine klare Implikation: Messbarkeit bezieht sich zunächst auf Zwischenwirkungen – und Wirkung entsteht dann über wiederholte Gesprächspraxis, nicht über eine einmalige Plattform-Session.
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