FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – ING will in Deutschland auch künftig ein kostenloses Girokonto anbieten. Der Konzernchef Steven van Rijswijk sieht daran keine Änderung und verweist auf eine vereinheitlichte Girokonto-Struktur in mehreren Ländern. ING arbeitet demnach an einem einheitlichen Design mit vier Kontomodellen; in Deutschland soll der Rollout Mitte 2027 erfolgen. Aktuell ist das Konto kostenlos, wenn monatlich mindestens 1.000 Euro eingehen oder der Kontoinhaber unter 28 Jahre alt ist, andernfalls fallen 4,90 Euro pro Monat an.

ING stellt das Thema Kontomodelle so dar, dass das „kostenlos“ in Deutschland zunächst weiter Bestand hat. Beim Handelsgipfel in Frankfurt betonte Konzernchef Steven van Rijswijk, dass sich daran nichts ändern werde. Für Kunden klingt das nach Stabilität, für den Markt bedeutet es aber auch: Die Bank will die Bedingungen und die dahinterliegende Produktarchitektur neu ordnen, ohne den Grundsatz des kostenfreien Girokontos aufzugeben.
Technisch und operativ steckt hinter der Ankündigung vor allem ein Standardisierungsprojekt. Laut den Aussagen zur Einführung plant die ING-Gruppe, in allen Märkten eine einheitliche Girokonto-Struktur mit vier unterschiedlichen Modellen einzuführen. Damit reagiert sie auf die Realität, dass Girokonten in vielen Banken nicht nur Zahlungsverkehr sind, sondern als „Hauptkonto“ die Basis für Karten, Überweisungen, digitale Zusatzservices und später häufig auch Vertriebslogiken bilden. Wenn Länder unterschiedliche Produktlogiken parallel führen, wird das für IT, Prozesse und Kundenkommunikation teuer; eine gemeinsame Modellstruktur senkt diesen Abstimmungsaufwand.
Für Deutschland konkretisierte ING, dass die Bank noch am Design der künftigen Kontomodelle arbeitet. Als Zeithorizont nennt der ING-Deutschland-Chef Lars Stoy Mitte 2027 für den Rollout. Der Zeitplan ist bemerkenswert, weil er zeigt, dass die Veränderung nicht bei einem „Konditionen-Update“ stehen bleiben dürfte. Vielmehr müssen neue Modellgrenzen, Produkttexte, Zielgruppenlogik und die Abrechnungssysteme so vorbereitet werden, dass sie zu laufenden Verträgen, Onboarding-Prozessen und digitalen Nutzerkonten passen.
Auch die aktuellen Bedingungen bleiben im Blickpunkt: Bei der ING Deutschland ist das Girokonto zu den geltenden Konditionen kostenlos, wenn monatlich mindestens 1.000 Euro eingehen oder der Kontoinhaber unter 28 Jahre alt ist. Liegt keines dieser Kriterien vor, verlangt die Direktbank 4,90 Euro Gebühren pro Monat. Genau dieses „kostenlos mit Hürde“-Prinzip ist in der Branche inzwischen weit verbreitet: Es reduziert Kosten dort, wo regelmäßig ein nennenswerter Zahlungsverkehr stattfindet, und begrenzt gleichzeitig die Subventionen für Vielnutzer ohne relevantem Geldeingang.
Der Markttrend dahinter ist nicht neu, aber er verschärft sich durch den Kostendruck und den Wettbewerb im digitalen Massengeschäft. Viele Banken haben in den vergangenen Jahren Komplettpakete mit Bedingungen eingeführt, etwa über Mindestumsätze, Nutzungsvorgaben oder Altersgrenzen. Dass ING dabei weiterhin auf ein grundsätzlich kostenloses Angebot setzt, kann als strategisches Signal an preissensible Kundengruppen verstanden werden: Die Bank will sich über „Einfachheit“ positionieren, nicht über einen endgültigen Abschied von der kostenlosen Kontoführung.
Für Unternehmen, die die Entwicklung im Banking-Ökosystem beobachten, ist die eigentliche Frage weniger „ob kostenlos“, sondern wie die neue Modelllogik operationalisiert wird. Sobald Mitte 2027 ein Rollout mit vier Modellen ansteht, wird sich zeigen, wie ING die Bedingungen auf verschiedene Kundensegmente verteilt und welche Rolle Faktoren wie Einkommenshöhe, Altersgruppen oder Nutzungsintensität künftig spielen. Unabhängig vom konkreten Modellzuschnitt zeigt die Ankündigung jedoch einen klaren Pfad: Standardisierung zuerst, danach fein abgestimmte Preislogik – damit sinkt zwar der Aufwand im Hintergrund, die Kundenkommunikation muss aber besonders sauber bleiben, um Erwartungen an „kostenlos“ nicht zu enttäuschen.
Ob das neue Modellset am Ende die derzeitigen Schwellenwerte 1.000 Euro Geldeingang und die Unter-28-Regel 1:1 übernimmt oder neu zuschneidet, bleibt offen. Entscheidend ist für die Nutzer: In der Übergangsphase dürfte die aktuelle Gebührenpraxis noch die Realität bestimmen, während parallel ein neues Regelwerk entsteht. Für ING ist das ein Balanceakt zwischen Marktposition und Kostenstruktur; für den Wettbewerb ist es vor allem ein Hinweis darauf, dass sich im Massenkundengeschäft Produktdesign und Abrechnungstechnologie zunehmend stärker verzahnen.
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