KENNEDY SPACE CENTER / LONDON (IT BOLTWISE) – Paula Ortiz Couder entwickelt seit 2019 ein Notfall-Evakuationssystem für Artemis-Missionen, das Astronauten im Ernstfall schnell vom SLS-Raketenkern wegbringen soll. Während Artemis 2 gerade kurz nach dem Startmoment im Fokus steht, erklärt sie zugleich die neue Sicherheitsarbeit für den Lunar-Base-Plan. Im Mittelpunkt steht unter anderem mondischer Regolith: mikroskopisch, scharfkantig und elektrisch geladen. Die Ingenieurin verknüpft dabei Mission-Engineering mit Risikomanagement nach dem Prinzip „yes, if…“.

Auf dem Kennedy Space Center ist Sicherheit kein abstraktes Qualitätsziel, sondern eine Folge von Entscheidungen, die im Sekundenmaßstab wirken müssen. Paula Ortiz Couder, 31, arbeitet dort als Crewed-Mission-Safety-Spezialistin und ist im Artemis-Umfeld direkt an der Frage beteiligt, wie sich Menschen im schlimmsten Fall aus einer Gefahrenzone entfernen lassen. Am 1. April, als die riesige Trägerrakete für Artemis 2 mit vier Astronauten startete, bewegten sich als Teil des Systems schon kurz nach dem Abheben vier weiße Metallkapseln wie kleine Seilbahn-Wagen weg von der Rakete. Dieses Detail ist nicht nur Kulisse: Für eine mögliche Notsituation vor dem Launch sollen die Astronauten über ein solches Evakuationskonzept schnell in Distanz gelangen.
Ortiz beschreibt diese „cages“ als ihren „baby“ und betont damit, wie tief sie seit 2019 in Design und Verfeinerung eingestiegen ist. Zuerst arbeitete sie als Auftragnehmerin für die US-Raumfahrtagentur, seit 2024 gehört sie als feste Mitarbeiterin zu NASA. Technisch bedeutet das vor allem, dass ein System nicht nur auf Machbarkeit ausgelegt wird, sondern auf Robustheit: Welche Kräfte wirken beim Abtrennen, welche Bewegungsprofile ergeben sich in kurzer Zeit, und wie lässt sich der Ablauf so gestalten, dass er auch bei Stress zuverlässig funktioniert. Inhaltlich fügt sich das in eine Sicherheitskultur ein, die im Umfeld von Mission Assurance nicht mit pauschalem „Nein“ arbeitet, sondern mit einer strukturierenden Frage: Unter welchen Bedingungen ist ein Projekt möglich, ohne die Risiken für die Besatzung über ein akzeptiertes Maß hinaus anwachsen zu lassen.
Genau dieses Prinzip formuliert Ortiz in ihrem Arbeitsumfeld, dem Office of Safety and Mission Assurance: Neue Projekte sollen nicht mit „no, because…“ enden, sondern mit „yes, if…“. Das klingt nach Haltung, wird aber im Alltag zur Ingenieuraufgabe, weil Risiken in der Raumfahrt selten komplett eliminierbar sind. Selbst wenn man technische Risiken adressiert, bleiben verbleibende Unsicherheiten, etwa durch Materialverhalten, Umweltchemie oder unvorhersehbare Randbedingungen im Einsatz. Für die kommenden Lunar-Base-Schritte bedeutet das: Transport, Landung und wissenschaftliche Missionen müssen so zusammengedacht werden, dass ein „akzeptables Restrisiko“ nicht zur bequemen Ausrede wird, sondern durch konkrete Schutzmaßnahmen in der Systemarchitektur abgesichert ist.
Der größte Gegner in der Mondbesiedlung ist dabei ausgerechnet etwas, das auf der Erde banal wirkt: mikroskopischer Staub. Der Regolith an der Mondoberfläche besteht aus Partikeln mit ausgeprägten Kanten; Ortiz vergleicht sie mit Glasscherben, die sich an Oberflächen festsetzen und sich nur schwer entfernen lassen. Entscheidend ist zudem die Elektrizität: Das Material ist geladen und haftet deshalb besonders hartnäckig. Während der Apollo-Ära gab es ernsthafte Probleme damit, dass der Staub an Raumanzügen klebte, sich im Landemodul verteilte und sogar in die Atemwege gelangte. Für zukünftige Siedler bleibt die genaue gesundheitliche Auswirkung zwar ein offenes Forschungsfeld, aber auf der Erde zeigt Silikose als verwandtes Partikelrisiko, wie gefährlich diese Mechanik in den Lungen werden kann.
Ortiz’ neue Rolle zielt daher auf Systeme, die mit dieser Staubchemie und Staubphysik kompatibel sind. Sie macht dabei klar, worin die Ingenieursarbeit im Kern besteht: Man muss Bauteile, Dichtungen, Oberflächen und Betriebsabläufe so konstruieren, dass selbst ein „kleines, scharfes, elektrostatisches“ Partikel verlässlich eingedämmt wird. Das ist eine Herausforderung, die sich nicht mit einem einzigen Filterbauteil lösen lässt, weil Staubquellen an mehreren Stellen auftreten, von Handhabung bis Wartung. In der Projektplanung kommt zudem ein Zeitdruck hinzu: Das erste große Ziel für den Lunar-Base-Plan ist, dass Astronauten aus Artemis 4 so früh wie 2028 am Mond-Südpol aufsetzen.
Der Südpol ist technisch aus zwei Gründen spannend und anspruchsvoll zugleich. Zum einen herrscht in den Kraterbereichen eine Art Dauer-Nacht mit Temperaturen bis etwa minus 200 Grad Celsius, zum anderen sind die Lichtverhältnisse außerhalb der Krater so extrem, dass Sonnenstände über das Jahr kaum variieren. Ortiz berichtet, dass Simulationen bei ihr das Gehirn erst einmal „überreden“ mussten, weil der Eindruck anders ausfällt als auf der Erde. Gleichzeitig steigt die Bedeutung der Region, weil dort gefrorenes Wasser in Frage steht: Genau diese Kombination aus Ressourcenpotenzial und Bedingungen macht den Südpol zum Schwerpunkt sowohl für US-Planungen als auch für strategische Interessen anderer Raumfahrtakteure.
Begleitet wird das Vorhaben auch von Energie-Überlegungen jenseits der klassischen Solarversorgung. Ortiz nennt ein Ziel, gemeinsam mit dem US-Verteidigungsressort die ersten nuklearen Stromanlagen am Südpol zu installieren, damit Siedlungen nicht dauerhaft an Solarpaneele gebunden sind. Im weiteren Verlauf sollen Grundlagen geschaffen werden, sodass der Mond innerhalb von etwa sechs Jahren dauerhaft bewohnt werden kann. Dass sie dabei nicht bei Grundsatzfragen stehenbleibt, zeigt ihre bisherige Beteiligung: Sie unterstützte Artemis 1 und Artemis 2 und half außerdem bei Ausrüstung, die den Rettungsprozess bei einem Notfall im Wasser vorbereiten sollte. In dem Kontext nennt die Quelle auch das „Forward Porch“-Konzept, ein aufblasbares System für den Zugriff des Recovery-Teams selbst bei vier Meter hohen Wellen, sowie Auftriebselemente zur Kippstabilität. Ihre Grundhaltung bringt Ortiz schließlich in einem Satz auf den Punkt, den sie selbst als Frage stellt: „What isn’t hostile in space?“ – auch weil die Antwort nie nur „Technik“ ist, sondern die Summe aus Technik, Verfahren und Sicherheitslogik im realen Betrieb.
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