HAWAII / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf der 28. Indo-Pazifik-Verteidigungschefs-Konferenz haben Gastgeber und internationale Delegationen das Konzept der kollektiven Sicherheit in den Mittelpunkt gestellt. Im Austausch standen unter anderem neue Trends bei künstlicher Intelligenz und autonomen Systemen sowie die Frage, wie Streitkräfte interoperabel bleiben. Zudem ging es um kollektive Einsatzbereitschaft, Abschreckung und die praktische Zusammenarbeit über bilaterale und multilaterale Formate. Parallel wurde in einem Senior-Enlisted-Programm beleuchtet, wie die Rolle des Unteroffizierskorps als Verstärker für Zusammenarbeit und Führung wirkt.

Die 28. Indo-Pazifik-Verteidigungschefs-Konferenz nutzt ihre jährliche Versammlungslogik als eine Art Arbeitsplattform für Routine und Anpassung zugleich: Seit 1998 findet das Format in Präsenz statt und wechselt dabei zwischen Hawaii und Partnern in der Region. Genau diese Kontinuität ist für viele Streitkräfte mehr als symbolisch, weil sie technische und organisatorische Beziehungen über Personalwechsel hinweg stabil hält. Gastgeber der Veranstaltung waren Adm. Samuel J. Paparo, Commander, U.S. Pacific Command, und Gen. Jennie Carignan, Kanadas Chief of the Defence Staff. Dazu traten unter anderem David J. McGuinty, Minister of National Defence, sowie Gen. Dan Caine als Chairman of the Joint Chiefs of Staff als Redner auf, begleitet von senioren Militärführungen aus den beteiligten Ländern.
Unter dem Leitmotiv „Strengthening Collective Security: Navigating Challenges in a Dynamic Indo-Pacific Landscape“ kamen nach den Angaben zur Veranstaltung rund 30 Delegationen aus 29 Ländern zusammen. Die Agenda zielte dabei nicht nur auf den Austausch über ein sich veränderndes Sicherheitsumfeld ab, sondern auch auf konkrete Kooperationschancen. In der Debatte wurde wiederholt betont, dass kollektive Sicherheit eine geteilte Aufgabe ist und nicht allein durch einzelne Kräfte oder nationale Beschaffungsketten erreicht werden kann. Gen. Dan Caine stellte dabei die Verbindung aus stärkeren Allianzen, widerstandsfähigen Gesellschaften und interoperablen Streitkräften in den Vordergrund. Besonders relevant: Er ordnete die rasante Veränderung des Charakters von Krieg und Operationen ein und verwies ausdrücklich auf Fortschritte in Künstlicher Intelligenz und autonomen Systemen. Daraus leitete er ab, dass Staaten ihre Fähigkeiten und die Widerstandsfähigkeit systematisch weiterentwickeln und Partnerschaften in gleicher Intensität fortführen müssen, um Abschreckung wirksamer zu machen und gemeinsam reagieren zu können.
Auf dieser Grundlage verschob Paparo den Schwerpunkt auf „collective readiness, adaptation and deterrence“. Der Kern liegt in der Fähigkeit, Bedrohungen nicht nur zu beobachten, sondern in ein einsatzfähiges Zusammenspiel zu übersetzen. Deshalb adressierte die Veranstaltung die Notwendigkeit, den veränderten Charakter von Konflikten praktisch zu behandeln: Welche Fähigkeiten sind bereits gemeinsam nutzbar? Wo entstehen Lücken, die im Ernstfall die gemeinsame Wirkung reduzieren? Welche Bereiche decken sich bei Interessen und Leistungsprofilen der beteiligten Staaten so weit, dass daraus schnell umsetzbare Programme werden können? Das Diskussionsthema „interoperable forces“ nimmt in solchen Formaten eine doppelte Rolle ein: Es geht um technische Kopplung etwa über Schnittstellen und Protokolle, aber auch um Standards in Prozessen und Ausbildung. Genau daran knüpften die Topic-Formate an, in denen unter anderem Emerging Technology und Künstliche Intelligenz, Cross-Domain Deterrence und Resilienz, Investitionen in den Verteidigungsindustriebereich sowie erweiterte multilaterale Zusammenarbeit behandelt wurden.
Bemerkenswert ist, dass die Konferenz nicht nur bei den großen Plenarsitzungen blieb. Parallel lief ein Senior Enlisted Leaders-Programm, das die Rolle des Unteroffizierskorps als „force multiplier“ für Zusammenarbeit und Führung in jeder Ebene in den Mittelpunkt rückte. Damit wird ein Aspekt sichtbar, den viele reine Technikdebatten übersehen: Selbst wenn KI-gestützte Systeme oder autonome Sensor- und Entscheidungsunterstützung verfügbar sind, brauchen Streitkräfte vor Ort Ausbildungswege, einheitliche Führungslogiken und eine belastbare Kultur der Zusammenarbeit. Hinzu kamen bilaterale und multilaterale Begegnungen „on the margins“, die laut Programm dazu dienten, operative Beziehungen zwischen Alliierten und Partnern zu vertiefen. Für die Praxis bedeutet das häufig: Man verhandelt nicht nur Absichten, sondern konkretisiert, welche Einheiten in welchen Szenarien zusammenwirken, welche Kommunikationswege bereits heute funktionieren und wie man Lücken bis zu einem nächsten Planungszyklus schließt.
Ein eigener Schwerpunkt lag auf dem National Guard State Partnership Program. Gen. Steve Nordhaus, Chief des National Guard Bureau, nahm an der Konferenz teil, um genau diese Mechanik hervorzuheben: Das Programm vernetzt U.S.-Bundesstaaten und -Territorien mit 117 Partnernationen, darunter 18 Länder innerhalb der Indo-Pazifik-Region. Die Idee dahinter ist weniger „einmalige“ Kooperation als fortlaufende militär-zu-militärische Zusammenarbeit, um Interoperabilität und Kooperation in klaren Funktionsfeldern aufzubauen. Genannt wurden etwa Cybersecurity, emergency preparedness und multinational training. Technisch betrachtet sind solche Felder besonders gut geeignet, um Interoperabilität schrittweise zu trainieren: Bei Cybersecurity geht es beispielsweise um gemeinsame Bedrohungsmodelle, Koordinationswege und Abstimmungsprozesse im Ereignisfall; bei Notfallvorsorge um Kommunikation, Ressourcenplanung und Priorisierung; bei multinationalem Training um Wiederholbarkeit und Vergleichbarkeit von Leistungsdaten über Einheiten hinweg. Die jährliche Konferenz liefert dafür die politische Klammer, während das State Partnership Program in der Fläche die operative Substanz liefert.
Auch der industrielle Bereich taucht in der Agenda nicht als abstrakter Zusatz auf. Wenn „defense industrial base investment“ als Topic diskutiert wird, geht es in der Regel um die Frage, wie sich Lieferketten, Produktionskapazitäten und Qualifikationsprofile so ausrichten lassen, dass künftig notwendige Komponenten zuverlässig verfügbar sind. In einem Umfeld, in dem der Charakter von Konflikten durch KI-gestützte Entscheidungen, autonome Systeme und eine wachsende Datenabhängigkeit schneller wechselt, wird die Fähigkeit zur schnellen Anpassung zunehmend zu einem Sicherheitsfaktor. Das betrifft nicht nur den Betrieb von Systemen, sondern auch die Fähigkeit, über Ländergrenzen hinweg interoperable Lösungen zu integrieren. Genau deshalb passt die Aussage der Organisatoren, das U.S. Pacific Command wolle Stabilität fördern, gut in das Gesamtbild: Sicherheitskooperation, friedliche Entwicklung, Kontingenzreaktion, Abschreckung und bei Bedarf das Durchsetzen in Konflikten werden hier als Kette gedacht, die nur funktioniert, wenn Partnerschaften und Einsatzbereitschaft zusammen wachsen.
Für Unternehmen und Organisationen, die im Sicherheits- und Technologieumfeld aktiv sind, liefert die Konferenz damit indirekt einen Leitfaden: Wenn Künstliche Intelligenz und autonome Systeme künftig stärker in Verteidigungsprozesse integriert werden, verschiebt sich der Schwerpunkt von punktuellen Demonstrationen hin zu wiederholbaren Fähigkeiten, die in Übungen und Kooperationen nachweisbar funktionieren. Gleichzeitig bleibt die politische Zielsetzung „free and open Indo-Pacific“ als Orientierung erhalten, ohne dass sie die technische Umsetzung ersetzt. Der Austausch über Resilienz und Cross-Domain Deterrence macht außerdem klar, dass moderne Abschreckung nicht nur aus einzelnen Plattformen besteht, sondern aus einem Zusammenspiel über Domänen hinweg. Wer diese Entwicklung verfolgt, sollte daher weniger auf einzelne KI-Anwendungsfälle schauen, sondern auf Trainingslogik, Schnittstellen, Datenflüsse und die Fähigkeit zur gemeinsamen Entscheidungsunterstützung über Partner hinweg.
Am Ende zeigt die Veranstaltung ein wiederkehrendes Muster: Allein durch das Reden über „Anpassung“ entsteht noch keine Interoperabilität. Erst wenn Programme, Ausbildungsformate und technische Kopplungen in regelmäßigen Zyklen geübt werden, wird aus dem Schlagwort ein Betriebszustand. Genau dafür stehen in der Konferenzstruktur sowohl die Plenarsitzungen als auch die bilateralen Formate und das parallele Programm für die Unteroffizierführung. Die nächsten Schritte dürften damit vor allem in der Umsetzung liegen: Welche gemeinsamen Fähigkeitsziele setzen die Delegationen konkret, wie schnell lassen sich Rollen, Verantwortlichkeiten und Systeme in Übungen zusammenführen, und wie konsequent wird das Thema Künstliche Intelligenz in Richtung nutzbarer, überprüfbarer Operationsfähigkeit weiterentwickelt?
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