BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neuer Dokumentarfilm nimmt Zuschauer mit in den legendären Berliner KitKat-Club und begleitet Menschen, die den Fetisch-Club regelmäßig besuchen. Der Regisseur Philipp Fussenegger erzählt dabei in Schwarz-Weiß-Ästhetik von sexuellen Experimenten, Vorlieben und den Spannungen zwischen Euphorie und Absturz. Der Film thematisiert außerdem Drogenexzesse und übergriffiges Verhalten, ohne die Aussagen der Porträtierten zu kommentieren. Ergänzend kündigt sich in Kürze eine zweite Doku zum Thema an, die ebenfalls in einer öffentlich zugänglichen Mediathek verfügbar sein dürfte.

Wer den Berliner KitKat-Club bisher nur aus Erzählungen kannte, bekommt im Dokumentarfilm „KitKatClub – Kinks of Berlin“ eine deutlich näher rückende Perspektive: Regisseur Philipp Fussenegger begleitet Menschen, die den Fetisch-Club regelmäßig besuchen, und lässt dabei vor allem sie sprechen und handeln. Der Film spielt im Stadtteil Mitte und positioniert den Club nicht nur als Nachtleben-Mythos, sondern als eigenen sozialen Raum, in dem Regeln, Rollen und Routinen anders funktionieren als im Alltagsleben. Schon die Eingangsbeobachtung, dass man das Handy im Club wegpacken muss, wirkt wie ein Schlüssel zur restlichen Dramaturgie: Intimität wird nicht nur gezeigt, sie wird auch geschützt.
Technisch inszeniert der Film die Welt des Clubs bewusst als Schwarz-Weiß-Erzählung. Damit rückt die Darstellung stärker in Richtung beobachtendes Kino: Gesten, Blicke und Körperhaltungen gewinnen an Gewicht, während Details wie Farben oder „Ablenkungen“ aus der Umgebung weniger dominieren. Gleichzeitig bewegt sich die Kamera nicht ausschließlich auf den Tanzflächen. Fussenegger zeigt die Handlung sowohl im Innenraum als auch an anderen Orten, sodass der Film zwischen Club-Erlebnis und Kontextwechseln pendelt. Gerade dieser Wechsel ist wichtig, weil dadurch nicht nur der Abend selbst, sondern auch Vorbereitung, Gespräche und das spätere Nachhallen der Ereignisse sichtbarer werden.
Inhaltlich setzt der Dokumentarfilm auf direkte, teils explizite Beobachtungen und ist laut Angabe für Zuschauer ab 18 Jahren freigegeben. Der Film spart nach der Beschreibung nicht mit sexuellen Szenen, einschließlich anonymer Kontakte im Club. Er nimmt außerdem Drogenabstürze in den Blick und thematisiert übergriffiges Verhalten, wobei die Porträtierten nicht kommentierend „gerahmt“ werden, sondern der Film die Erfahrungen für sich stehen lässt. Das erzeugt eine eigentümliche Mischung aus Nähe und Unsicherheit: Der Zuschauer wird nicht beruhigt, aber auch nicht belehrt. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass der Alltag in solchen Settings nicht nur aus Spaß besteht, sondern ebenso aus Grenzüberschreitungen und Risiken.
Besonders prägnant sind die inhaltlichen Miniaturgeschichten, die unterschiedliche Praktiken und Figuren im Club sichtbar machen. So werden etwa Expats gezeigt, die offen über den Umgang mit deutschen Behörden sprechen und dabei ein ganz praktisches Detail nennen: Kommunikation sei angeblich gut über ein Faxgerät möglich. Ebenso tauchen Dragqueens auf, die sich aufwendig stylen, bevor sie sich unter die Leute mischen – inklusive einer Begegnung, in der sie von einer Fremden angepöbelt werden. Daneben beschreibt der Film auch Männer, die sich als Hunde verkleiden und dabei „Puppy Play“ als Teil ihres Erlebens einordnen, während andere Erzählungen stärker auf die Dynamik zwischen Community, Fantasie und körperlicher Realität zielen.
Auch wenn die Meldung den Ton eines Kulturberichts hat, lässt sich daraus zugleich ein medienstrategischer Befund ableiten. „KitKatClub – Kinks of Berlin“ wurde im Kontext einer dokumentarischen Reihe bekannt, und der Text kündigt bereits eine weitere Produktion zum Themenfeld an, die in Kürze in einer Mediathek verfügbar sein soll. Für Zuschauende bedeutet das: Die Szene wird nicht als Einzelfall behandelt, sondern als wiederkehrender Untersuchungsgegenstand. Für die Branche ist das ein Hinweis darauf, dass Formate mit klarer Altersfreigabe und stark performativen Milieus künftig nicht nur in Spezialkontexten auftauchen, sondern stärker in den Mainstream-Programmfluss öffentlicher Anbieter integriert werden.
Aus technischer und organisatorischer Sicht wirkt dabei vor allem die Kombination aus Beobachtung und Teilnehmernähe entscheidend. In einem Setting, in dem Privatsphäre durch „Handy wegpacken“ aktiv hergestellt wird, wird die Produktion zwangsläufig mit sensiblen Rahmenbedingungen arbeiten müssen: Der Film kann Eindrücke nur dort gewinnen, wo die Beteiligten bereit sind, sich filmen zu lassen, und wo die Grenzen des Sichtbaren respektiert werden. Genau diese Balance entscheidet mit darüber, ob ein Dokumentarfilm wie dieses Porträt eher als Voyeurismus gelesen wird oder als Milieubeschreibung. Der Film setzt jedenfalls auf die Eigenlogik der Porträtierten, zeigt extreme Momente bis hin zu Abstürzen und Übergriffen, und überlässt dem Publikum die Aufgabe, die Spannweite zwischen Euphorie und Kontrollverlust selbst einzuordnen.
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