WEEZE / LONDON (IT BOLTWISE) – 2025 verzeichneten viele globale Rüstungskonzerne neue Umsatzrekorde, weil NATO-Staaten ihre Budgets deutlich erhöhen. In den USA wird das vor allem durch den 156 Milliarden US-Dollar umfassenden Akquisitionsteil des Reconciliation Act zusätzlich zum rund 900 Milliarden US-Dollar schweren regulären Verteidigungshaushalt angetrieben. Auf europäischer Seite wirkt dagegen die seit 2022 beschleunigte Umstellung der Einkaufs- und Fertigungsstrategien schneller in der Lieferkette. Gleichzeitig bleiben Engpässe besonders bei Interceptor-Systemen und Drohnen zur Luft- und Raketenabwehr der zentrale Engpassfaktor.

Der Nachfrage-Schub in der Verteidigungsindustrie ist 2025 nicht mehr nur ein Schlagwort, sondern zieht sichtbar Produktionsplanung und Lieferketten um. Laut der Rangliste der weltweit größten Rüstungsunternehmen summierten sich die jährlichen Verteidigungseinnahmen im betrachteten Kreis auf 700 Milliarden US-Dollar – nach 629 Milliarden US-Dollar im Vorjahr. Das entspricht einem Plus von 11,3 %. Während die Debatte in den vergangenen Jahren oft auf „zu wenig Budget“ zulasten staatlicher Haushaltszwänge fokussierte, rückt nun ein anderer Flaschenhals nach vorn: Industrie kann den Output nicht beliebig skalieren, weil Kapazitäten, qualifizierte Arbeitskräfte und Vorprodukte fehlen oder weil komplexe Systeme lange Fertigungs- und Integrationszyklen haben.
In den USA wirkt der Finanzierungsmotor besonders stark, aber zeitversetzt. Der 2025 Reconciliation Act soll den Akquisitionsanteil in Höhe von 156 Milliarden US-Dollar bereitstellen, zusätzlich zu einem regulären Verteidigungshaushalt von etwa 900 Milliarden US-Dollar für dasselbe Jahr. Für viele Konzerne bedeutet das zunächst vor allem, dass Budgets in Programme übersetzt werden müssen, bevor Bestellungen, Zahlungspläne und damit auch die Ergebnisse in den Geschäftszahlen ankommen. Mark Cancian, ein Senior Adviser in einem Verteidigungsanalyse-Programm eines Washingtoner Thinktanks, brachte den Kern der Verzögerung auf den Punkt: „Now, it’ll take years for that enacted money to actually flow to the companies and to their financial statements“. Genau diese zeitliche Trennung zwischen Gesetzesbeschluss und realem Mittelzufluss ist wichtig, weil sie Erwartungen an Quartalsberichte und Auftragseingänge auseinanderlaufen lassen kann.
In Europa ist die Dynamik hingegen aus Sicht der Produzenten oft „näher am Boden“. Nach dem Beginn der großangelegten Invasion Russlands in der Ukraine im Februar 2022 haben Regierungen die Verteidigungsausgaben über Jahre hinweg deutlich hochgefahren. Gleichzeitig verändert sich die Beschaffungslogik: Viele Staaten bevorzugen europäisch hergestellte Ausrüstung, während auf EU-Ebene die Beteiligung an Vermittlung und Finanzierung gemeinsamer Beschaffungsprogramme wächst. Das erhöht zwar die planbaren Einnahmen der Industrie, macht aber die Bewertung schwieriger, ob europäische Anbieter bei der Ergebniswirkung tatsächlich Marktanteile von US-Giganten abziehen. Die Rangliste zeigt zumindest, dass europäische Unternehmen im Gesamtbild weiter nach oben rutschen: Rheinmetall etwa meldete für 2025 einen Umsatz von 11,2 Milliarden US-Dollar, nach 8,3 Milliarden US-Dollar im Vorjahr, und steht damit auf Platz 15 statt Platz 18. Auch andere Player wie BAE Systems (Platz fünf, 36 Milliarden US-Dollar), Boeing im Verteidigungssegment (Platz sechs, 35,7 Milliarden US-Dollar) sowie L3Harris (Platz acht, 17,4 Milliarden US-Dollar) belegen, dass die Talsohle eher hinter statt vor ihnen liegt.
Technisch betrachtet verschiebt sich mit dem Budgetanstieg auch die Gewichtung der Produktlinien – und damit die Engpasslage. Besonders deutlich wird das bei Luftverteidigungs- und Abfangsystemen. In der Kategorie Luftverteidigung konnten Anbieter zwar in den letzten Jahren ihre Supply-Chain-Strukturen ausbauen, um Artilleriemunition wie Geschosse für den Einsatz in der Ukraine in größerem Umfang zu produzieren. Gleichzeitig fehlen weiterhin ausreichend Interceptor-Raketen und Drohnen, um Angriffe – etwa durch russische Raketen auf ukrainische Städte – zuverlässig abzuwehren. Das Patriot-Komplex-Umfeld aus Radar, Startsystemen und Interceptoren bleibt dabei als Referenz im Fokus, aber gerade Europa und ukrainische Stellen denken laut dem Bericht über Alternativen nach, weil die Verfügbarkeit in der Praxis nicht Schritt hält. In der Rangliste werden deshalb verschiedene Unternehmen genannt, die an solchen Optionen mitwirken könnten: von Elbit (Platz 21) über Israeli Aerospace Industries (Platz 27) und Rafael (Platz 30) bis hin zu MBDA (Platz 26) und Diehl (Platz 58, zuvor 82).
Parallel dazu zeigt der Markt, dass Verteidigungskapazitäten auch über neue Werkshallen entstehen. Wo klassische Produktionsketten bei Komponenten und Integrationsstufen an Grenzen stoßen, werden bestehende Industrieflächen umgebaut. In Europa haben laut den Angaben etwa Automobilhersteller und Hersteller von Schienenfahrzeugen Teile ihrer Werke für Drohnen- und Counter-Drone-Auslagerungen genutzt. Der Schritt ist weniger eine „Option“, sondern eine Reaktion auf Produktionsengpässe in einer Zeit, in der zivile Nachfrage in manchen Bereichen schwankt. Die politische Argumentation knüpft daran an: In mehreren Ländern wird Verteidigung nicht nur als Sicherheitsinvestition, sondern auch als Antrieb für eine resilientere industrielle Basis verkauft. In Großbritannien wurden für 2024-25 etwa steigende Beschäftigungseffekte in Waffen- und Munitionsfertigung genannt; zusätzlich wird die Breite von „defense-supported roles“ betont. Für Unternehmen ist dabei weniger die Schlagzeile entscheidend als die Konsequenz: Wer Kapazitäten kurzfristig hochzieht, braucht zugleich Qualitätssicherung, Materialverfügbarkeit und stabile Lieferverträge, damit ein Hochlauf nicht in erneute Engpässe mündet.
Auch im maritimen Bereich schlägt der Kapitalbedarf durch, allerdings mit anderen Zeithorizonten. Im Bericht wird beschrieben, dass US-Politik und Verteidigungsplanung den Bau einer neuen Flotte aus Kriegsschiffen und Eisbrechern anstoßen wollen, unter anderem mit 29 Milliarden US-Dollar allein im Reconciliation Act 2025 für Shipbuilding. Der bemerkenswerte Punkt ist dabei der Ressourcenstress der Industrie: Cancian beschreibt, dass Geld in die Schiffbaukapazitäten fließt „way beyond what the industry can absorb“, und dass dadurch Bestellbücher bis weit in die 2030er Jahre gefüllt sein können. Genau hier treffen sich Markt- und Produktionslogik: Wer langfristige Kapazitäten reserviert, muss Vorleistungen für Stahl, Triebwerke, Elektronik und Werftlogistik ebenfalls rechtzeitig sichern. Das gilt auch für Unternehmen mit maritimen Portfolios, die im Ranking nach oben rutschen, etwa General Dynamics, Huntington Ingalls (Platz 13, 12,3 Milliarden US-Dollar) oder Hanwha aus Südkorea (Platz 16, 10,4 Milliarden US-Dollar).
Aus heutiger Sicht bleibt dennoch ein kritischer Übersetzungsauftrag offen: Wie werden die Mittel in messbar bessere Luft- und Raketenabwehr überführt, nicht nur in neue Buchwerte? Cancian verweist darauf, dass beim US-Budget genug Geld vorhanden sei, um sowohl „Legacy“-Beschaffung als auch neue Technologie gleichzeitig voranzutreiben: „The thing that struck me most… is that there was enough money to do both“. Für politische Aufsicht heißt das, dass neben Projektfortschritten vor allem Execution zählt – also ob Lieferketten, Trainings- und Integrationsfenster sowie technische Abnahmetests wirklich mitwachsen. In der Branche wird zudem bereits der nächste Schwerpunkt angedeutet: Weitere Ausgaben für Air- und Missile-Defense sollen folgen, verbunden mit dem „Golden Dome“-Programm, das laut den Angaben als umspannendes System aus Sensoren und Interceptoren in unterschiedlichen Höhenlagen gedacht ist. Da die Architektur noch unklar beschrieben ist („We still don’t really know what it is“), bleibt die Planbarkeit für Zulieferer und Integratoren eine Management-Aufgabe. Unternehmen stehen damit vor einer doppelten Herausforderung: Auftragsstaus und Engpässe müssen abgefedert werden, während zugleich Produkt- und Prozessdisziplin nötig ist, um die steigenden Erwartungen an Effektivität, Verfügbarkeit und Skalierbarkeit der Luftabwehr zu erfüllen.
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