LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Behörde Office of Space Commerce (OSC) bringt eine freiwillige Zertifizierung für neuartige kommerzielle Raumfahrtaktivitäten in die Umsetzung. Am 23. Juli 2026 kündigte das OSC an, zunächst einen Federal-Register-„Call for Interest“ zu veröffentlichen, um erste Anträge vorzubereiten, die noch in den kommenden Monaten in Zertifizierungen überführt werden sollen. Ziel ist es, eine Lücke im bisherigen, stark sektoralen US-Regelwerk zu schließen, ohne die bestehenden Rollen von FAA, FCC und der Remote-Sensing-Lizenzierung zu ersetzen. Der Prozess soll grundsätzlich innerhalb von 120 Tagen entschieden werden, mit einer möglichen Verlängerung um bis zu 60 Tage für Streitbeilegung.

Die US-Regulierung für kommerzielle Raumfahrt bleibt in vielen Fällen erstaunlich „zusammengesetzt“: Je nach Aktivität greifen andere Behörden, andere Rechtsgrundlagen und andere Prüfpfade. Genau an dieser Schnittstelle setzt das Office of Space Commerce (OSC) an, das seine Space-Commerce-Certification-Vorhaben von der reinen Ankündigung in Richtung konkreter Umsetzung schiebt. Am 23. Juli 2026 veröffentlichte das OSC Pläne, zunächst einen Federal Register „Call for Interest“ für erste Anträge zu starten. Damit will die Behörde den Übergang von einem Vorschlagsstadium zu einer laufenden Zertifizierungsarbeit vorbereiten und bereits in den nächsten Monaten beginnen.
Technisch wirkt die Lücke auf den ersten Blick weniger wie ein reines Juristenproblem, sondern wie ein operatives Risiko für Betreiber. Das US-Regime ist laut Beschreibung weitgehend sektorbezogen: Die FAA ist für Launch und Reentry zuständig, die FCC für Aspekte der Funkkommunikation und das OSC-eigene CRSRA-Umfeld für die Lizenzierung im Bereich Commercial Remote Sensing. Sobald Unternehmen jedoch in Tätigkeiten vorstoßen, die nicht eindeutig in genau eine dieser Schubladen passen – etwa Satellite Servicing, In-Space-Manufacturing, Orbital Computing, kommerzielle Space Stations oder lunar getriebene Operationen – können dieselben Aktivitäten mehrere Genehmigungslogiken berühren, ohne dass eine einzelne Agentur „sauber“ den gesamten Rest abdecken müsste.
Der rechtliche Rahmen dahinter ist nicht zufällig. Die Initiative verweist auf Artikel VI des Outer Space Treaty, der für nichtstaatliche Raumfahrtaktivitäten eine staatliche Autorisierung und fortlaufende Aufsicht verlangt. Ergänzend nimmt das OSC Bezug auf eine Executive Order vom August 2025, die das Department of Commerce auffordert, individuelle Mission Authorizations für solche Aktivitäten zu entwickeln, die nicht klar und eindeutig von bestehenden Regelwerken erfasst sind. Der entscheidende Punkt: Das OSC schreibt seine Antwort nicht als neue verpflichtende Lizenz. Stattdessen soll eine freiwillige, opt-in Zertifizierung entstehen, die vom Department of Commerce als konsolidierender Ansprechpartner genutzt werden kann, ohne das Pflichtsystem der vorhandenen Agenturen zu verdrängen.
Wie das im Alltag funktionieren soll, beschreibt das Zertifizierungsmodell als zweistufigen Behördenprozess. Betreiber reichen bei OSC Angaben zur Mission, zu Raumfahrzeugspezifikationen, zu geplanten Operationen sowie Informationen ein, die für nationale Sicherheit, Außenpolitik, internationale Verpflichtungen und Sicherheit relevant sein können. Danach läuft eine Due-Diligence-Prüfung an, und die Unterlagen werden in eine interagency review überführt. Der Rahmen sieht außerdem eine „Präsumption of Approval“ vor: Grundsätzlich soll OSC innerhalb von 120 Tagen zu einer Entscheidung kommen. Für die Streitbeilegung ist eine Verlängerung um bis zu 60 zusätzliche Tage vorgesehen; eine Ablehnung soll auf definierte Gründe begrenzt werden, etwa wenn sich unlösbare Fragen zu nationaler Sicherheit, internationalen Pflichten, Auslandsbeziehungen oder Safety abzeichnen.
Im Kern positioniert sich das OSC damit als Clearinghouse, das Informationen einmal einsammelt und dann behördenübergreifend bewertet. Wenn eine Mission ohnehin eine FAA-, FCC- oder CRSRA-Erlaubnis benötigt, bleibt diese gesetzliche Anforderung maßgeblich. OSC betont sogar ausdrücklich, dass seine freiwillige Zertifizierung nicht automatisch die separaten, rechtlich notwendigen Permissions ersetzt, sondern darin liegen soll, Wiederholprüfungen zu reduzieren. Die Beschreibung nennt als Beispiele, dass die FCC für bestimmte Aspekte bei Orbital-Debris-Anforderungen auf die Zertifizierung zurückgreifen könnte und die FAA Teile des Payload-Reviews über die interagency-Prüfung nutzen kann. Unterm Strich entsteht dadurch ein Ansatz, der Effizienz verspricht, aber dennoch die formale Zuständigkeit der jeweiligen Agentur beibehält.
Dass es um mehr als Theorie geht, wurde im parlamentarischen Kontext am 15. Juli 2026 sichtbar, als eine Anhörung des House Science, Space, and Technology Subcommittee auf das OSC und den Zertifizierungsplan fokussierte. OSC-Direktor Taylor Jordan erläuterte dabei, dass einige Missionen weiterhin zwingend FAA- oder FCC-Lizenzen brauchen, stellte aber den Zweck der Certification klar in den Vordergrund: neuartige In-Space-Aktivitäten dort abzusichern, wo bisherige Zuständigkeiten nicht nahtlos greifen. In der Anhörung wurde auch ein konkretes Muster diskutiert, wonach vorhandene Regulierer an die Grenzen ihrer gesetzlichen Befugnisse gebunden sind; als Beispiel wurde eine kürzlich lizenzierte Satellitenmission genannt, bei der Bedenken hinsichtlich des Zwecks außerhalb des FCC-Zuständigkeitsbereichs verortet worden seien. Jordan brachte zudem die systemische Logik auf den Punkt: Funkkommunikation oder bestimmte regulatorische Teilaspekte lassen sich prüfen, aber die Frage, wer die zugrunde liegende neuartige In-Space-Aktivität autorisieren und fortlaufend beaufsichtigen soll, folgt nicht automatisch derselben Behördenlogik.
Auch die Implementierung soll pragmatisch beginnen und bleibt zugleich politisch „verwundbar“. OSC argumentiert, dass es innerhalb seiner Title-51-Autoritäten im Department of Commerce bereits einen opt-in Zertifizierungsmechanismus aufbauen kann, ohne dafür sofort zwingend neue, umfassende gesetzliche Vollmachten zu benötigen. Jordan räumte allerdings ein, dass das vollständige Schließen von regulatorischen Lücken möglicherweise zusätzliche gesetzgeberische Grundlage erfordert, insbesondere wenn Durchsetzungsmechanismen stärker ausgestaltet werden sollen. Interessant ist zudem, dass die Behörde laut Darstellung mit reiferen Missionen starten möchte, um aus frühen Anwendungen zu lernen, statt den Prozess von Beginn an über konventionelles Rulemaking zu „versteinern“. Gleichzeitig wurden in der Anhörung laufende Baustellen sichtbar, darunter die Ausgestaltung von öffentlicher Beteiligung, die Beteiligung weiterer Behörden, Haftungsfragen sowie die Reichweite unabhängiger OSC-Enforcement-Befugnisse. Für öffentliche Beiträge sieht das Programm einen Mechanismus über „expressions of interest“ vor, die bis zum 5. Oktober 2026 eingereicht werden sollen. Für Unternehmen bedeutet das vor allem: Die Zertifizierung soll einen direkten staatlichen Pfad bieten, wenn sonst unklar bleibt, welche Agentur den gesamten Novel-Mission-Charakter rechtlich sauber abdeckt. Ob daraus dauerhaft ein stabiler US-Mission-Authorization-Standard wird, hängt nun an den ersten Zertifizierungen – und daran, ob der Kongress dem freiwilligen Clearinghouse eine klarere, durchsetzungsfähigere gesetzliche Basis gibt.
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