HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Zahl der deutschen Großinsolvenzen mit mindestens 50 Millionen Euro Jahresumsatz ist im ersten Halbjahr deutlich gestiegen. Insgesamt wurden 33 Firmenpleiten erfasst, zehn Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, so eine Auswertung von Allianz Trade. Besonders häufig trifft es die Automobilbranche, die in dem Zeitraum sieben Großinsolvenzen verzeichnete. Der Kreditversicherer rechnet auch für 2026 nicht mit einer spürbaren Entspannung, weil Investitions- und Energiekosten sowie geringe Preissetzungsspielräume weiter belasten.

Die Insolvenzwelle trifft derzeit vor allem die großen Unternehmen, deren Ausfall nicht bei einer einzigen Firma endet, sondern durch Wertschöpfungsketten durchschlägt. Laut einer Untersuchung von Allianz Trade steigt die Zahl der deutschen Großinsolvenzen mit einem Jahresumsatz von mindestens 50 Millionen Euro weiter an: Im ersten Halbjahr wurden insgesamt 33 Firmenpleiten registriert. Das entspricht einem Plus von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und setzt den Negativtrend fort, der bereits im vergangenen Jahr zu beobachten war.
Dass 2025 mit 94 Großinsolvenzen der höchste Stand seit Beginn der Auswertungen im Jahr 2015 erreicht wurde, wirkt dabei wie ein Warnsignal für den laufenden Zyklus. In der Detailbetrachtung fällt auf, dass 2024 noch 87 Großpleiten und im Jahr zuvor 64 zu verzeichnen waren, der Weg bis zum aktuellen Niveau also in mehreren Schritten beschleunigt wurde. Aus der gleichen Quelle kommt außerdem der Befund, dass der kumulierte Jahresumsatz der insolventen Großunternehmen im ersten Halbjahr um drei Prozent auf 4,5 Milliarden Euro zulegte, während der durchschnittliche Umsatz insolventer Großunternehmen um knapp sieben Prozent auf rund 137 Millionen Euro sank. Für Unternehmen bedeutet das: Es gibt nicht nur mehr Ausfälle, sondern offenbar auch eine Verschiebung hin zu etwas kleineren, aber weiterhin großen Firmen, deren Risiko überproportional steigt.
Besonders deutlich ist die Betroffenheit in der Automobilbranche. Dort wurden im ersten Halbjahr sieben Großinsolvenzen gezählt; danach folgten der Einzelhandel mit fünf Fällen sowie Maschinenbau und Dienstleistungen mit jeweils vier Großpleiten. Gerade diese Branchenstruktur erklärt, warum sich der wirtschaftliche Druck in der Praxis häufig schneller ausbreitet als viele zuletzt angenommen hatten. Fällt ein Player dieser Größenordnung aus, geraten typischerweise auch Zulieferer, Dienstleister und andere Geschäftspartner in Zugzwang, weil Zahlungsziele, Bestellmengen, Projektkalkulationen und Sicherheitsleistungen neu verhandelt werden müssen.
Technisch betrachtet lässt sich das Risiko in vielen Fällen als Kombination aus Finanzierungs- und Betriebsrisiken verstehen: Hohe Investitionskosten etwa für Produktionskapazitäten oder Modernisierungen treffen auf Energiekosten, die sich kurzfristig kaum wegoptimieren lassen. Wenn dann zusätzlich die Preissetzungsmacht begrenzt ist, kann ein Unternehmen steigende Kosten nicht vollständig an den Markt weitergeben. Genau in diese Richtung argumentiert Allianz Trade für die weitere Entwicklung und hält fest, dass es auch im Jahresverlauf 2026 keine nachhaltige Entspannung gebe. Branchen mit hohen Investitions- und Energiekosten sowie Unternehmen mit geringer Preissetzungsmacht blieben demnach anfällig für finanzielle Schieflagen.
Der Blick über Deutschland hinaus bestätigt zudem, dass es sich nicht um ein rein nationales Problem handelt. Weltweit wurden im ersten Halbjahr 247 Großinsolvenzen verzeichnet, das entspricht einem Plus von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. In vielen Regionen verläuft die Entwicklung ähnlich, während Westeuropa als Hotspot heraussticht: Dort bleiben mehr als 60 Prozent der erfassten Fälle gebündelt. Besonders häufig traten Großpleiten im Einzelhandel, im Dienstleistungssektor sowie im Baugewerbe auf; zusammen mit der europäischen Ballung ergibt sich damit ein klares Bild für die Risikolage in kapitalintensiven und margenabhängigen Geschäftsmodellen.
Für Entscheider in Unternehmen folgt daraus weniger ein reines „Insolvenz-News“-Narrativ, sondern eher eine operative Konsequenz: Wer Lieferketten, Projektportfolios oder Forderungsbestände steuert, muss damit rechnen, dass sich Ausfallrisiken nicht gleichmäßig verteilen, sondern konzentriert in bestimmten Branchen und Regionen auftreten. Gerade weil Großunternehmen oft Knotenpunkte komplexer Wertschöpfungsketten sind, lohnt sich ein engerer Blick auf Abhängigkeiten entlang der gesamten Prozesskette. In der Praxis heißt das auch, Zahlungs- und Sicherungsmechanismen frühzeitiger zu prüfen, Szenarien für Nachfragerückgänge oder Kostenanstiege systematisch zu aktualisieren und die Risikoexponierung nach Umsatzsegmenten zu staffeln, statt sich nur an historischen Durchschnittswerten zu orientieren. Solange die Zahl der Großinsolvenzen auf erhöhtem Niveau bleibt, wird der Anpassungsdruck damit ein zentrales Thema für Finanzierung, Beschaffung und Vertragsgestaltung bleiben.
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