HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die SMM in Hamburg ist mit mehr als 50.000 Teilnehmenden aus 134 Nationen zu Ende gegangen. Rund 2.300 Unternehmen aus 66 Ländern präsentierten ihre Neuheiten. In den Gesprächen vor Ort verschiebt sich der Fokus: Sicherheit auf See und der Schutz der Seewege stehen derzeit ganz oben. Zugleich wird der Ausbau unbemannter Systeme als Weg genannt, Einsatzbereitschaft und Beschaffungsprozesse zu beschleunigen.

Die Weltleitmesse der maritimen Wirtschaft SMM in Hamburg ist laut Veranstalter mit einer Rekordbeteiligung von mehr als 50.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 134 Nationen ausgelaufen. Bemerkenswert ist dabei weniger die Zahl allein, sondern die Themenverschiebung, die sich über die vier Messetage hinweg abgezeichnet hat: Während Dekarbonisierung weiterhin als strategisches Ziel präsent war, rückt die operative Sicherheit auf See in den Mittelpunkt der laufenden Entscheidungen. In einer Branche, die ohnehin unter Druck durch Lieferketten, Energiepreise und regulatorische Anforderungen steht, wirkt das wie ein Signal, dass „Betriebssicherheit“ gerade zum Engpass-Thema geworden ist.
Für die Messe zeichnet sich das Bild vor allem durch die Neuheiten von rund 2.300 Unternehmen aus 66 Ländern. Diese Dichte an Produkt- und Technologieankündigungen führt typischerweise dazu, dass sich Prioritäten schneller konsolidieren: Wer auf mehreren Hallensegmenten gleichzeitig Lösungen zeigt, adressiert meist konkrete Anforderungen aus Flotte, Hafenlogistik und maritimer Infrastruktur. Laut Messe wurden darüber hinaus 26 Nationenpavillons eingerichtet, ergänzt um Delegationen aus etwa 30 Ländern. Erstmals hätten den Angaben zufolge unter anderem Indien, Zypern und Brasilien eigene Pavillons gezeigt. Das stärkt nicht nur den internationalen Charakter, sondern beeinflusst auch die Bandbreite der technologischen Ansätze, weil sich Sicherheitskonzepte in Reedereien und Häfen häufig an sehr unterschiedliche Einsatzprofile anpassen müssen.
Besonders deutlich wurde die Neubewertung der Prioritäten durch Aussagen von Industrie und Marine: Claus Ulrich Selbach von der Hamburg Messe und Congress ordnete das Messeerlebnis als Branchenwille ein, trotz geopolitischer und regulatorischer Unsicherheiten weiter zu investieren. Reintjes-Chef Klaus Deleroi hob laut Messe hervor, dass Dekarbonisierung wichtig bleibt, „aber die Sicherheit auf See und der Schutz der Seewege“ im Moment Thema Nummer eins seien. Ähnlich positionierte sich Vizeadmiral Jan Christian Kaack in seiner Funktion als Inspekteur der Deutschen Marine: Er nannte die Notwendigkeit höherer Einsatzbereitschaft, kürzerer Beschaffungsprozesse und eines verstärkten Einsatzes unbemannter Systeme. Für die Technikdebatte bedeutet das: Sicherheitsfunktionen werden nicht mehr nur als „nice to have“ im Hintergrund betrachtet, sondern als Teil der kurzfristig umsetzbaren Fähigkeitsentwicklung.
Technisch lässt sich diese Verschiebung gut über die Rolle unbemannter Systeme einordnen. Unbemannte Plattformen – etwa für Inspektionen, Such- und Aufklärungsaufgaben oder die Unterstützung bei der Überwachung von Seewegen – können Risiken reduzieren, weil sie bestimmte Tätigkeiten aus der Gefahrenzone heraus verlagern. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Kommunikation, Navigation und Datenintegration: Wenn Sensorik (Kameras, Radar, Funkpeiler oder andere Modalitäten) kontinuierlich Daten liefert, muss die Verarbeitung so gestaltet sein, dass Betreiber die Lageeinschätzung schnell und nachvollziehbar erhalten. Genau hier treffen maritime Sicherheit, IT-Architektur und Produktentwicklung zusammen, weil robuste Datenflüsse und definierte Schnittstellen entscheidend sind, damit Ergebnisse aus Pilotprojekten in den Regelbetrieb übergehen.
Auch organisatorisch ist die Forderung nach kürzeren Beschaffungsprozessen ein Hinweis darauf, dass klassische, lange Entwicklungs- und Integrationszyklen für sicherheitsrelevante Komponenten nicht mehr ausreichen. In der Praxis konkurrieren dabei zwei Ziele: Einerseits soll Technik schnell verfügbar sein, andererseits dürfen Sicherheitsfunktionen keine „Halbreife“ erreichen. Der Messekontext legt nahe, dass Anbieter zunehmend modular denken, damit sich Systeme schneller konfigurieren und aktualisieren lassen – etwa indem Software- und Sensor-Updates getrennt geplant werden oder Betriebsdaten in späteren Iterationen nutzbar bleiben. Für Reedereien und Betreiber maritimer Infrastrukturen heißt das: Die Auswahl von Lösungen wird stärker danach beurteilt, wie gut sich neue Funktionen in bestehende Flotten- und Hafenprozesse integrieren lassen.
Der internationale Zuschnitt der SMM dürfte diese Entwicklung zusätzlich beschleunigen. Wenn mehr als 70 Prozent der Aussteller aus dem Ausland kommen und mehrere Länder mit Pavillons sichtbar präsent sind, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass technische Standards und Betriebsansätze nicht nur regional gedacht werden. Gleichzeitig entstehen Wettbewerbsvorteile für Unternehmen, die Lösungen liefern können, welche in unterschiedlichen regulatorischen und operativen Umgebungen funktionieren – vom Flottenbetrieb bis zur Hafenüberwachung. Die nächste SMM ist laut Plan für den 5. bis 8. September 2028 in Hamburg angesetzt. Bis dahin wird entscheidend sein, ob sich der aktuelle Sicherheits-Fokus in wiederkehrenden Use Cases niederschlägt und unbemannte Systeme tatsächlich so weit operationalisiert werden, dass Einsatzbereitschaft und Beschleunigung nicht nur als Ziel, sondern als messbarer Betriebsvorteil ankommen.
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