SHANGHAI / LONDON (IT BOLTWISE) – Chinas STAR Market öffnet den Weg an die Börse für unprofitable Unternehmen aus Hochrisikosektoren. Ab Dezember gelten für kommerzielle Raketenbauer konkrete Hürden, darunter eine erfolgreiche Orbit-Platzierung eines Nutzlast-Systems mit einem wiederverwendbaren Mittel- bis Großträger. Damit wird die technische Flugleistung direkt mit dem Kapitalmarktfortschritt verknüpft. Gleichzeitig beschleunigt die Reform die IPO-Vorbereitung mehrerer Launch-Startups, während andere bereits Rückschläge melden.

Wer in China einen Börsengang als Raketenunternehmen anstrebt, muss offenbar zuerst einen Flug nachweisen. Genau dieses Prinzip steckt hinter einer Regel, die die Shanghaier Wertpapierbörse im Dezember im Rahmen von Markt- und Regulierungsreformen konkretisiert hat: Technische Meilensteine auf der Startrampe werden zum Gradmesser, ob ein Unternehmen den Weg zu einer Listung auf dem STAR Market fortsetzen darf. Der STAR Market positioniert sich dabei als Pendant zum Nasdaq-Ansatz für Technologie- und Wachstumsfirmen – mit einem klaren Fokus auf Industrien, die oft lange vor der Profitabilität stehen. Für den kommerziellen Raumfahrtsektor bedeutet das nicht nur mehr Kapitaloptionen, sondern auch ein neues Tempo zwischen Entwicklung, Tests und Kapitalmarktzugang.
Im Kern geht es um eine reformierte Bewertungslogik für Unternehmen ohne laufende Gewinne. Laut den beschriebenen Anpassungen im STAR-Market-Zugang, die im Juni 2025 mit der sogenannten „1+6“-Reform auf den Weg gebracht wurden, orientieren sich die Zulassungskriterien für unprofitable Firmen mit Kerntechnologien nicht an klassischen Umsatz- oder Gewinnschwellen. Stattdessen verlangt das Regelwerk mehrere nicht-finanzielle Nachweise: nationale Genehmigungen, ein ausreichend großes Marktpotenzial und zudem stufenweise Fortschrittsresultate des Unternehmens. Für den Raumfahrtbereich wurde dieser Rahmen im Dezember durch spezifischere Leitlinien verdichtet, die für kommerzielle Raketenfirmen eine Erfolgsbasis festlegen.
Die entscheidende technische Schwelle: Antragssteller müssen eine erfolgreiche Orbit-„Insertion“ für eine Nutzlast nachweisen – und zwar mit einem mittel- bis groß dimensionierten wiederverwendbaren Träger. Damit rückt ein Parameter in den Mittelpunkt, der für Investoren schwerer zu beurteilen ist als eine rein buchhalterische Kennzahl: Ob ein Startsystem die geforderte Bahn erreicht und ob es zugleich so entwickelt ist, dass Wiederverwendung als Leistungsversprechen plausibel bleibt. In der Praxis verändert das die Planungslogik vieler Teams, weil die Entwicklungsphase stärker von Testkampagnen und Flugdemonstrationen getaktet wird. Der „Pad-to-prospectus“-Gedanke lässt sich in der Folge direkt an der zeitlichen Reihenfolge von Unternehmensmeilensteinen und IPO-Schritten ablesen.
Besonders weit im Verfahren soll LandSpace sein. Das Unternehmen befindet sich nach den Angaben im Text am weitesten vorne beim Versuch, am STAR Market zu listen, und hat dafür mit technischen Highlights vorgelegt: So brachte der Zhuque-3-Raketenfirst-Stage den beschriebenen Sprung in die Historie, indem er erfolgreich landete und damit als drittes Unternehmen nach SpaceX und Blue Origin einen orbitalen Booster auf Standbeinen absetzte. Auch CAS Space, ein kommerzielles Spin-off aus dem Umfeld der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, wird als Beispiel genannt: Kinetica-2 erreichte im März erfolgreich den Orbit; unmittelbar danach soll der nächste Schritt erfolgt sein, denn die Shanghaier Börse nahm laut Darstellung die IPO-Anmeldung an. Ähnlich wird Galactic Energy eingeordnet, das zuletzt mit Pallas-1 erstmals in diese Klasse von Trägertests eingestiegen ist und damit den technischen Nachweis für den weiteren IPO-Weg vorbereitet.
Dass die Reform nicht automatisch zu Erfolg führt, zeigt die Parallelität von Fortschritt und Rückschlag bei anderen Wettbewerbern. Space Pioneer etwa habe beim ersten Start eines medium-lift-Systems, Tianlong-3, im April einen Fehlschlag erlitten, bleibe aber weiterhin in der Phase der IPO-Vorbereitung über den beschriebenen „IPO counselling“-Prozess. Gleichzeitig werden die Finanzierungswege sichtbar, die entstehen, wenn Profitabilität als kurzfristiges Ziel wegfällt. Mehrere chinesische Raumfahrt- und Satellitenunternehmen haben in den vergangenen Monaten laut den Angaben Kapitalrunden kommuniziert: SpaceSail, ein Betreiber für Satelliteninternet, soll rund 57B Yuan (entsprechend etwa 1B USD) in einer Series B eingesammelt haben, um den Ausbau eines Projekts zu beschleunigen, das als Konkurrenz zu einem bekannten Low-Earth-Orbit-Ansatz positioniert wird. iSpace wird mit einer weiteren Finanzierung in der Größenordnung von 1B Yuan und einer zusätzlichen D++-Runde im Februar genannt und soll bereits IPO counselling abgeschlossen haben; der Text ordnet an, dass eine STAR-Market-Listung in der zweiten Hälfte von 2027 anvisiert werde.
Für die Marktstruktur ist vor allem die Kopplung von strategischer Finanzierung und staatlich nahen Investitionsstrukturen relevant. In den beschriebenen Kapitalrunden wird hervorgehoben, dass mehrere Teilnehmer aus dem Umfeld staatlich gestützter Investoren stammen, etwa über Asset-Investment-Gesellschaften, die mit staatlichen Banken verbunden sind. Das passt zu der im Text herausgestellten strategischen Gewichtung der kommerziellen Raumfahrt: Wer Zugang zu wiederverwendbaren Trägersystemen, Konstellationsaufbau und Startfenstern anstrebt, braucht nicht nur Technik, sondern auch eine Finanzierung, die lange Entwicklungszyklen aushält. Gleichzeitig erweitert sich der Wettbewerb nicht nur in der Starttechnik, sondern auch in der Satellitenindustrie, etwa bei Konstellationen mit hoher Stückzahl. Insgesamt entsteht so ein Markt, in dem Kapitalmarktregeln den Entwicklungsrhythmus mitbestimmen – und damit auch, welche Unternehmen in den nächsten Jahren tatsächlich „von der Rampe“ in den Handel wechseln.
Technisch betrachtet verlagert die neue Hürde den Fokus stärker auf reproduzierbare Systemleistungen: Ein wiederverwendbarer Träger ist nicht nur eine Frage des ersten Landetests, sondern ein Paket aus Nachweis, Sicherheit, Konstruktionsreife und Betriebslogik. Politisch und investorenseitig kommt hinzu, dass das STAR-Market-Design offenbar bewusst das Risiko von frühen Unternehmensphasen akzeptiert, solange definierte Ergebnisstufen und Genehmigungen erfüllt werden. Für europäische und internationale Zulieferer ergeben sich daraus zwei praktische Konsequenzen: Erstens steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Entwicklungsverträge und Komponentenlieferungen zeitlich enger an testbasierte Meilensteine koppeln. Zweitens wächst die Bedeutung von Mess- und Qualitätsnachweisen, weil die Börsenlogik in den Regeln indirekt das belohnt, was im Flugversuch als „erfolgreich“ gilt.
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