LONDON (IT BOLTWISE) – Die aktuelle Musikwunschdatenbank erweitert ihren Katalog um mehrere neue Musicalaufnahmen, die sich wie ein roter Faden um Zugehörigkeit, Erinnerung und Bruchlinien drehen. Den Start macht „13 Going on 30“ mit dem Erwachsenwerden als zentraler Konflikt – nicht als Wunsch, sondern als Frage. Dazu kommen Stoffe von der Baukrise in „Empire“ bis zur Überlebensgeschichte „Der Pianist“. Besonders auffällig: „Evita“ wurde live im London Palladium aufgenommen, während der neue „This Ain’t No Disco“-Score erstmals als Album erscheint.

Wer sich musikalische Erzählungen als „Soundtrack fürs Leben“ vorstellt, findet im aktuellen Update der Musikwunschdatenbank fast durchgehend Figuren, die irgendwo zwischen Anspruch und Wirklichkeit stehen. Das beginnt schon bei 13 Going on 30: Jenna Rink will mit dreizehn eigentlich nur dazugehören – ausgerechnet dann, wenn die Welt die eigene Unsicherheit nicht mehr überspielen lässt. Am nächsten Morgen wacht sie als Dreißigjährige auf, hat zwar Arbeit, Wohnung und Stadtleben in greifbarer Form, aber eine Lücke in der Erinnerung, die sich wie ein doppelter Identitätsverlust anfühlt. Genau dadurch wirkt das Thema „Erwachsenwerden“ hier weniger als Happy End, sondern als Versprechen, das man vielleicht nicht einfach überspringen sollte.
Von dort aus zieht sich die gleiche Dramaturgie – Zugehörigkeit gegen Selbstbehauptung – in sehr unterschiedliche musikalische Welten. Empire verlagert den Blick in die Weltwirtschaftskrise, wo der Bau des damals ehrgeizigsten Hochhauses zur Bühne für drei Generationen wird. Entscheidend ist dabei, dass das Musical nicht nur Visionäre und Industrielle beschreibt, sondern die Menschen auf den Stahlträgern in den Mittelpunkt stellt: eingewanderte Arbeiter, die mit umgangssprachlichen Spitznamen wie „Mohawk-Skywalker“ eine eigene kulturelle Identität mitbringen, und eine Organisatorin, ohne die auf der Baustelle kein Takt läuft. So wird aus dem Großprojekt eine Geschichte über Trotz und Aufbruch, selbst wenn die Wirtschaft um die Häuser fällt.
Auch Evita erzählt den Aufstieg aus einem konkreten Umfeld heraus, allerdings mit einem skeptischen Kommentator als erzählerischem Gegengewicht. Eva Duarte arbeitet sich aus der Provinz über Radio und Film nach oben, doch ihr Weg zur mächtigsten Frau des Landes wird nicht schlicht romantisiert. „Che“ wägt jede Geste der Volksnähe gegen das Machtkalkül ab und reißt Heiligenmythen auf, bevor sie zu bequem werden. Andrew Lloyd Webber und Tim Rice stellen damit weniger die Frage, ob Eva Perón „gut“ oder „schlecht“ war, sondern wie Popularität überhaupt entsteht und welche Kosten sie innerhalb einer politischen Bühne verlangt. Die neue Aufnahme entstand zudem live im London Palladium und bringt damit eine zusätzliche Schicht Authentizität ins Dokument, das viele Fans eher als Momentaufnahme denn als Studioabmischung lesen.
Stärker in den existenziellen Kern geht Jane Eyre. Die Waise, erzogen im strengen Internat, tritt als Gouvernante in Thornfield Hall an und erlebt zwischen sich und Edward Rochester eine Nähe, die für beide überrascht. Gerade weil das Haus Geheimnisse birgt, kippt der soziale Rahmen: Was sich im ersten Moment wie eine Entdeckung anfühlt, wird zum Risiko, sobald das Verborgene alles zerstören kann. Charlotte Brontës Roman war schon 1847 ungewöhnlich, weil er eine Frau ohne Vermögen, Schönheit oder „offizielle“ gesellschaftliche Anbindung in den Mittelpunkt rückt – eine Perspektive, die im Musical weitergeführt wird. Dass John Caird und Paul Gordon die Geschichte nach der Broadway-Premiere 2000 auch als Kultalbum tragen konnten, zeigt: Das Material funktioniert nicht nur als Bühnenstück, sondern auch als überdauernde musikalische Erzählung, die sich wiederholt anfühlt.
Mit Murder at the Gates und Night Side Songs wird das Update dann bewusst tonal breiter. Im ersten Fall führt die Ausgangslage in eine abgeschottete Vorstadtsiedlung: Cameron hat Mutter und Freund verloren, und der Vater organisiert ausgerechnet eine Mörderspiel-Party. Aus einem Gesellschaftsspiel wird echter Ernst – und damit eine Abrechnung mit Trauer, Privilegien und der Frage, wer man in der sozialen Inszenierung eigentlich sein will. Die musikalische Seite kommt vom ehemaligen Busted-Mitbegründer James Bourne, während der Stoff über ein Jahrzehnt entwickelt wurde; das Ergebnis ist eine schwarze Komödie mit Rock-Score, die auf ein Ensemble um Gaten Matarazzo, Joy Woods, Milo Manheim und Ramin Karimloo setzt. Night Side Songs dagegen nimmt Susan Sontags Satz „Krankheit ist die Nachtseite des Lebens“ als Haltung und erzählt in 90 Minuten von Patientinnen, Angehörigen und Ärzten. Dort zählen nicht die großen Gesten, sondern die kleinen Zuwendungen im Krankenhausalltag. Die Folk-Partitur setzt dabei auf gemeinsames Singen statt auf reines Pathos, und auch die Aufnahme ist entsprechend „mit Publikum“ im Studio entstanden.
Den Abschluss bildet eine Mischung aus historischer Schwere und Clubnähe, die zeigt, wie breit das musikalische Spektrum im Katalog geworden ist. Stiletto verlegt das Geschehen ins Venedig des Winters 1730/31, wo Marco als kastriertes Kind seine Knabenstimme behielt und auf dem Weg zum Opernstar ist. Treffen und Liebe mit Gioia, einer begabten Sängerin aus der Tochter einer Sklavin, kollidieren dabei mit festen gesellschaftlichen Rollen; ein Mord bringt die Ordnung zum Wanken, und Marco muss sich seiner Vergangenheit stellen, um Gioia zu retten. The Pianist führt hingegen in ein zerstörtes Warschau: Władysław Szpilman überlebt in den Ruinen, unterstützt zuletzt durch den Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld. Zwar wurde das Werk bereits filmisch adaptiert, doch die Bühnenfassung von Thom Southerland geht eigene Wege: Sie erzählt die Geschichte mit Szpilmans eigener Musik, ergänzt durch neue Texte eines internationalen Autorenteams, darunter sein Sohn Andreas Szpilman. Dadurch rückt nicht nur das Leben in den Mittelpunkt, sondern auch der Umstand, dass das musikalische Werk selbst zum Zeugnis wird. Komplettiert wird das Update durch This Ain’t No Disco: New York 1979 zwischen Glamour und Underground, Stephen Trask als Autor, und ein Score, der nach der Uraufführung 2018 erstmals als Aufnahme erscheint. So entsteht über alle Titel hinweg ein Bild, das weniger „Show“ als vielmehr Identitätssuche liefert – ob auf der Bühne, im Krankenhaus oder im Nachtleben.
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