LONDON (IT BOLTWISE) – Die UN-Generalversammlung hat für den Austausch der traditionellen Weltkarte gestimmt, die Afrika auf vielen Darstellungen verzerrt zeigt. Für die von Togo eingebrachte Resolution „Correct the map“ votierten 164 Staaten, nur die USA stimmten als einzige Nation dagegen. Die Abstimmung ist zwar nicht bindend, soll aber weltweit zu Karten-Updates führen, unter anderem hin zu „Equal Earth“. Damit rückt die Frage nach einer flächentreuen Darstellung direkt in Unterricht, Medien und digitale Produkte.

Die UN-Generalversammlung hat eine Debatte über Kartenprojektionen politisch sichtbar gemacht: Eine neue Version der traditionellen Weltkarte soll die Größenverhältnisse auf der Fläche besser abbilden. Hintergrund ist die seit langem verbreitete Mercator-Projektion, die zwar besonders für die Seefahrt taugt, aber bekannte Verzerrungen erzeugt. In der Diskussion geht es nicht um Symbolik, sondern um Wahrnehmungseffekte, die sich in Bildung, Medien und Entscheidungsprozessen festsetzen können.
Für die von Togo eingebrachte und von Mitgliedern der Afrikanischen Union unterstützte Resolution „Correct the map“ stimmten 164 Staaten. Sechs Länder enthielten sich, und die USA votierten als einzige Nation dagegen. Die UN-Abstimmung ist nach den Angaben in der Vorlage nicht bindend; sie soll jedoch dazu beitragen, dass Karten weltweit aktualisiert werden. Entscheidend ist dabei die Richtung der Empfehlung: Wenn es auf relative Größenverhältnisse ankommt, sollen Regierungen, Schulen, internationale Organisationen und auch Technologieunternehmen flächentreue Alternativen wie „Equal Earth“ verwenden.
Technisch lässt sich die Problematik der Mercator-Projektion relativ klar erklären: Die 3D-Form der Erde wird auf eine 2D-Fläche übertragen, und dabei nimmt die Flächenverzerrung zu, je weiter eine Region vom Äquator entfernt liegt. Schon in historischen Kontexten war das Problem bekannt. Laut Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG) entwickelte Gerardus Mercator die Projektion im Jahr 1569 für die Seefahrt, gleichzeitig wusste man demnach, dass sie die Größe der Länder nicht flächentreu wiedergibt. Als anschauliches Beispiel taucht in manchen Darstellungen Grönland so groß auf wie der gesamte Kontinent Afrika.
Ein wichtiger Punkt der Argumentation lautet deshalb: Betrachtet man statt einer Kartenprojektion einen Globus, verändert sich der Eindruck deutlich. In der Vorlage wird das Verhältnis mit einer konkreten Größenordnung belegt: Die Fläche Afrikas sei demnach fast 14-mal so groß wie die von Grönland. Genau diese Art von Schieflage ist für viele Diskussionen rund um Karten zentral, weil sie die visuelle Gewichtung von Regionen verschiebt. Wenn dauerhaft mit einer verzerrenden Darstellung gearbeitet wird, kann sich daraus in der Gesellschaft eine falsche Erwartung an Proportionen entwickeln – selbst wenn niemand die Projektionsformel bewusst kennt.
Für Togo und die beteiligten Akteure ist der Moment zugleich ein politisches Signal. Toguos Außenminister Robert Dussey schrieb nach der Abstimmung auf der Plattform X von einem „historischen Moment“ und verknüpfte die Kartenfrage mit Gerechtigkeit, Würde und Gleichberechtigung. Die USA lehnten die Resolution als einziges Land ab und ordneten die Initiative als Teil eines radikalen ideologischen Projekts ein. Damit prallen zwei Sichtweisen aufeinander: Die Befürworter sprechen von einer Korrektur, die die Welt sichtbarer und gerechter abbilden soll; die Kritiker sehen eine politische Instrumentalisierung einer eigentlich fachlichen Vorlage.
Die Afrikanische Union hatte bereits im vergangenen Jahr öffentlich beklagt, die Mercator-Projektion stelle Afrika nicht angemessen dar und präge dadurch ein verzerrtes Weltbild. Um gegenzusteuern, entwickelten Kartographen schon 2018 eine flächentreue Karte namens „Equal Earth“. Laut AU soll diese Projektion die Größe der Kontinente, insbesondere Afrikas, genauer abbilden. Der relevante Unterschied zur Mercator-Darstellung besteht nicht in einzelnen Details, sondern im Grundprinzip: Während Mercator die Flächen vor allem in höheren Breiten systematisch vergrößert, setzt „Equal Earth“ darauf, die Flächenverhältnisse möglichst konsistent zu halten.
Praktisch stellt sich nun die Frage, wie schnell der Wechsel in reale Produkte überspringt – und wo er zuerst spürbar wird. Empfohlen wird ausdrücklich, dass Regierungen, Schulen, internationale Organisationen und Technologieunternehmen die „Equal Earth“-Projektion und andere flächentreue Karten nutzen, wenn Größenverhältnisse im Vordergrund stehen. Für die KI- und Datenwelt bedeutet das: Weltkarten sind häufig Bestandteil von Geodaten-Portalen, Visualisierungen in Apps und Trainingsmaterial für KI-gestützte Systeme, etwa bei Geoklassifikation oder Analytik. Sobald neue Karten als Referenz gelten, müssen Datenpipelines, Layout-Templates und Geometrietransformationen entsprechend aktualisiert werden, damit Maßstabs- und Flächenangaben nicht ungewollt „zurück in“ die alten Verzerrungen kippen.
Langfristig könnte die Abstimmung damit weniger an der einzelnen Resolution hängen als an der Erwartung, welche Karten als Standard gelten. Selbst ohne Verbindlichkeit wirkt eine klare Empfehlung auf Beschaffungsprozesse, Schulmaterialien und mediale Workflows, weil viele Organisationen nach bewährten Referenzen arbeiten. Gleichzeitig bleibt offen, wie ein „flächentreuer“ Standard in der Praxis umgesetzt wird: Unterschiedliche Projektionen sind je nach Anwendungsfall unterschiedlich gut, und flächentreue Darstellung kann andere Eigenschaften wie Winkel- oder Distanztreue beeinflussen. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob die Weltkarte künftig stärker als technisch überprüfbares Werkzeug verstanden wird – oder weiterhin vor allem als kulturelles Bild.
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