BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt rechnen große Wahlforschungsinstitute diesmal nicht mit einem Überraschungseffekt wie 2021. Der Chef der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, verweist auf einen schwächeren Mobilisierungsschub in den letzten Tagen. Nach seiner Einschätzung verteilen sich die AfD-Gegner dieses Mal breiter auf mehrere Parteien. Gleichzeitig beobachten die Institute Bewegungen bei Grünen und teils auch bei der SPD, was auf taktische Wahlentscheidungen vor der Wahl hindeuten könnte.

Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt steht weniger die Frage im Raum, ob Umfragen „Recht“ behalten, sondern wie stark sich das Wählerverhalten in den letzten Tagen noch verändert. Großes Wahlforschungspersonal erwartet nach übereinstimmenden Einschätzungen keine Wiederholung des besonders auffälligen Musters aus 2021: Damals schloss die AfD schwächer ab als in den Umfragen, während die CDU deutlich besser abschnitt als erwartet. Der Kern der aktuellen Erwartung lautet deshalb: Ein so großer Mobilisierungseffekt wie 2021 sei diesmal nicht zu erwarten, obwohl die Dynamik kurz vor dem Wahltermin generell schwer kalkulierbar bleibt.
Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen, begründet das vor allem mit der unterschiedlichen Struktur der Gegenbewegung gegen die AfD. Er rechnet nicht mit einem so großen Mobilisierungsschub in den letzten Tagen wie vor fünf Jahren, weil sich die AfD-Gegner diesmal breiter auf verschiedene Parteien aufteilen. Genau diese Verteilung verändert die Prognoselogik: Wenn sich die „Nicht-AfD“-Stimmen stärker segmentieren, wirkt die letzte Phase der Kampagnen weniger wie ein einheitlicher Impuls zugunsten einer einzelnen Partei. Zudem verweist Jung darauf, dass auch die Methodik der Umfrage nicht allein das Problem war, sondern die Zeitdynamik zwischen Messung und Wahltag 2021 besonders stark gewesen sein dürfte.
Aus dem Blickwinkel der letzten Wahl folgt daraus eine zweite, deutlich praktischere Erkenntnis: Nicht die Frage „Wie gut ist die Umfrage?“ steht im Vordergrund, sondern „Wie stark verschiebt sich das Meinungsbild noch?“ Jung stellt dabei ausdrücklich klar, dass das Problem beim letzten Mal nicht die Methodik gewesen sei. Die Umfragen hätten das Meinungsbild ein paar Tage vor der Wahl 2021 abgebildet, doch bis zum Wahltag habe sich dieses deutlich geändert. Solche zeitlichen Verschiebungen sind auch deshalb schwer prognostizierbar, weil Bindungen an Parteien regional ungleich ausgeprägt sein können. Jung beschreibt, dass ostdeutsche Wähler sich weniger an einzelne Parteien gebunden fühlten als westdeutsche Wähler; genau das mache Wahlen schwerer vorhersagbar, weil kurzfristige Faktoren dann stärker ins Gewicht fallen können.
Auch bei Insa und Infratest-dimap wird diese Perspektive nicht als Zufall, sondern als wiederkehrendes Muster diskutiert: Hermann Binkert, Insa-Chef, ordnet den 2021-Effekt vor allem als Folge von Personen- und Stimmungsdynamik ein. Reiner Haseloff sei als Ministerpräsident „sehr populär“ gewesen, und er habe im Wahlendspurt viele Stimmen für die CDU gewonnen. Das aktuelle Personengefüge wirkt für Binkert hingegen nicht so ähnlich: Zwar bleibt die CDU als politische Kraft relevant, aber einen Effekt dieser Größenordnung erwartet er beim aktuellen Ministerpräsidenten Sven Schulze nicht. Damit verschiebt sich die Erwartung von einem „Kampagnenendspurt als Katalysator“ hin zu einem Wahlkampf, der zwar Bewegung bringt, aber weniger sprunghaft.
Technisch betrachtet sind solche Einschätzungen indirekt auch ein Hinweis auf die Grenzen klassischer Erhebungsansätze. Wenn sich Wählerentscheidungen in den letzten Tagen beschleunigen, gerät selbst die beste Umfrage in zeitliche Distanz zu den tatsächlichen Entscheidungen am Wahltag. Gleichzeitig lässt sich aus den Aussagen der Institute ablesen, dass sie nicht nur auf Stimmungswerte schauen, sondern auf die Mechanik der Mobilisierung. Roland Abold von Infratest-dimap beschreibt hierfür eine typische Mobilisierungsrichtung: Vor Wahlen mobilisierten Parteien von Linken bis CDU besonders stark, wenn die AfD hohe Umfragewerte habe. In Sachsen-Anhalt sei dieses Muster bisher allerdings kaum sichtbar. Dass dennoch Bewegung beobachtet wird, ist deshalb politisch und statistisch interessant: In den letzten Wochen habe sich etwas bei den Grünen getan, in geringerem Ausmaß auch bei der SPD, und beide stabilisierten sich in Umfragen über der Fünf-Prozent-Hürde.
Hinter dieser Stabilisierung steckt nach Abold und Binkert vermutlich nicht allein Überzeugungsarbeit, sondern auch taktisches Wählen. Taktisches Wählen bedeutet hier: AfD-Gegner wählen nicht zwangsläufig die Partei, die sie am liebsten hätten, sondern jene, von der sie hoffen, dass ihr Einzug in den Landtag eine Mehrheit für die AfD verhindern kann. Abold formuliert als mögliche Schlussfolgerung, dass es noch Dynamik geben könnte; Binkert sieht zwar keine CDU-Dynamik mehr in Richtung des 2021-Ausmaßes, hält aber zumindest in gewissem Ausmaß Verschiebungen zwischen Parteien jenseits der AfD für möglich. Konkret nennt er als Option, dass Anti-AfD-Wähler „diesmal vielleicht taktisch Grüne und SPD“ wählen könnten. Genau diese Art der Wahlentscheidung macht Prognosen besonders anspruchsvoll, weil sie nicht linear mit Sympathiewerten laufen, sondern von Erwartungslogik abhängt: Welche Mehrheitskoalitionen sind aus Sicht vieler Wähler „realistisch“?
Für Unternehmen, Verbände und politische Stakeholder ist das mehr als ein Wahlkampf-Narrativ. Solche Institute wirken mit ihren Prognosen in die Planung hinein: Medien- und Kommunikationsstrategien, Personal- und Budgetentscheidungen in der Verwaltungsauslastung oder auch die Frage, welche Themen in den nächsten Wochen Priorität erhalten, orientieren sich oft an erwarteten Mehrheiten. Außerdem zeigt sich hier ein Trend, der über die Tagespolitik hinausreicht: Auch wenn klassische Umfragen die Grundlage bleiben, wächst in der Analyse- und Modellierungswelt der Einsatz KI-gestützter Verfahren, um zeitliche Effekte, Antwortverhalten und Kampagnenimpulse besser zu simulieren. Das ersetzt jedoch keine politische Realität, sondern kann nur helfen, Muster wie kurzfristige Mobilisierung oder taktische Verschiebungen in der Datenarbeit transparenter zu machen. Entscheidend bleibt am Ende, dass die „entscheidenden letzten Tage“ in Wahlprozessen nicht nur einen politischen, sondern auch einen methodischen Stresstest darstellen.
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