LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie untersucht, wie „parasoziale“ Bindungen romantisch werden können. Single-Teilnehmer entwickeln beim Filmerlebnis intensivere emotionale Anziehung zu einer Wunschfigur als Personen in Beziehungen. Auch bei langfristigen Bindungen zeigt sich: Fehlende reale Partnerschaft geht mit stärkerer romantischer Zuneigung zu fiktiven Figuren einher. Gleichzeitig wirkt eine anwesende romantische Bezugsperson im Kino dämpfend auf die unmittelbare Anziehung.

Romantische Parasozialität: Single fühlen stärkere Bindung an Filmfiguren
Romantische Parasozialität: Single fühlen stärkere Bindung an Filmfiguren (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer allein ins Kino geht, erlebt den Film nicht nur in Bildern und Sound, sondern offenbar auch emotional stärker. Eine im Journal Psychology of Popular Media veröffentlichte Arbeit zeigt, dass romantische Parasozialität bei Menschen ohne erfüllte reale Beziehung einen größeren emotionalen Sog entwickeln kann. Im Kern geht es um „parasoziale Phänomene“: einseitige psychologische Verbindungen, bei denen Zuschauer das Gefühl haben, mit einer Medienfigur zu interagieren, ohne dass diese zurückwirkt.

Die Ergebnisse knüpfen an die sogenannte Social-Surrogacy-Hypothese an. Diese Annahme beschreibt, dass Medienfiguren soziale Defizite ausgleichen könnten, etwa dann, wenn im echten Leben weniger Anschluss oder weniger Nähe vorhanden ist. Frühere Untersuchungen betrachteten häufig vor allem platonische, eher freundschaftsähnliche parasoziale Kontakte. In dieser Studie verschiebt Nicole Liebers (University of Würzburg) den Fokus gezielt auf die romantische Dimension – also darauf, ob Filme und Serien bei unerfüllten Bedürfnissen nicht nur „Gesellschaft“ bieten, sondern auch romantische Bindung simulieren.

Liebers hat dafür zwei Designs gewählt, die unterschiedliche Zeithorizonte abdecken: unmittelbare Reaktionen während des Schauens und länger anhaltende, nachwirkende Bindungen. In der ersten Studie nahmen 96 Kinobesucher in Deutschland teil, die zuvor einen von drei Filmen gesehen hatten: Wonder Woman, Baywatch oder Transformers 5. Die Filme waren so ausgewählt, dass zumindest eine Figur weiblich und eine männlich im Zentrum steht – damit die Befragten eine Figur auswählen konnten, zu der sie sich am stärksten emotional und sexuell hingezogen fühlten. Direkt nach dem Film füllten die Teilnehmenden ein Smartphone-Formular aus, in dem sie die Figur benannten und Fragen zu ihrer unmittelbaren romantischen parasozialen Interaktion beantworteten.

Die Einteilung erfolgte nach dem sozialen Kontext: Single-Personen mit nicht-romantischer Begleitung, Personen in einer Beziehung mit nicht-romantischer Begleitung und Teilnehmende, die mit dem romantischen Partner ins Kino gegangen waren. Ein wichtiger methodischer Punkt: Personen, die allein teilnahmen, wurden aus der Analyse ausgeschlossen, weil „allein sehen“ die allgemeine Immersion in die Handlung verändern kann. Im Vergleich zeigte sich: Single-Teilnehmende berichteten intensivere romantische parasoziale Momente – sie fühlten mehr emotionales „Verlieben“ und mehr Wunsch, mit der Figur zu interagieren. Gleichzeitig unterschieden sich die Gruppen nicht in der körperlichen Anziehung: Die Unterschiede lagen vor allem in der emotionalen Komponente, nicht zwingend im sexuellen Reiz.

Auch der Ort des Erlebens spielte eine Rolle. Wer mit dem romantischen Partner im Raum saß, zeigte im Vergleich zu Paaren ohne Partner-Präsenz niedrigere emotionale und physische Anziehung zur Medienfigur. Das lässt sich als Hinweis darauf lesen, dass die unmittelbare soziale Situation die Bereitschaft beeinflussen kann, eine romantische Anziehung gegenüber einer fiktionalen Person „voll auszuleben“ oder auch offen zu melden. Praktisch heißt das: Die Umgebung im echten Leben, selbst wenn sie nur durch die Sitznachbarschaft definiert ist, kann die Stärke der kurzfristigen parasozialen Romantik messbar drücken.

Die zweite Studie verschob den Blick weg von Echtzeit-Eindrücken hin zu langfristigen Bindungen. Liebers befragte dafür 358 Freiwillige online und bat sie, sich an eine Medienfigur aus einem kürzlich gesehenen Film zu erinnern, zu der sie romantisch und sexuell hingezogen waren. Danach wurde der Status der realen Beziehung erhoben sowie – bei Personen in Partnerschaften – die allgemeine Zufriedenheit mit dem Partner. Schließlich beantworteten alle Teilnehmenden Fragen zu ihrer fortdauernden romantischen parasozialen Beziehung zu der gewählten Figur, also zu einer Verbindung, die nach dem Abspann im Kopf weiterbesteht.

Im langfristigen Setting bestätigte sich das Grundmuster: Single-Teilnehmende entwickelten stärkere romantische parasoziale Beziehungen. Sie berichteten in dieser breiteren Perspektive sowohl mehr emotionales „Love“-Empfinden als auch mehr physische Anziehung zur Figur. Für Personen in einer Beziehung zeigte sich hingegen ein differenziertes Bild: Je unzufriedener die reale Partnerschaft, desto stärker war die emotionale Zuneigung zur fiktiven Person. Für die körperliche Anziehung ergab sich dagegen kein statistisch signifikanter Zusammenhang mit der Partnerschaftszufriedenheit. Daraus leitet Liebers ab, dass emotionale Nähe in solchen Situationen möglicherweise der entscheidende Treiber ist – weniger die körperliche Stimulation, sondern eher die Suche nach dem Gefühl, emotional gehalten zu sein.

Wie überzeugend sich diese Schlussfolgerung im Alltag übertragen lässt, hängt allerdings von den Grenzen der Studiendesigns ab. Zum einen basieren beide Untersuchungen auf Selbstangaben; insbesondere die Frage nach einem „Crush“ kann je nach sozialer Nähe zur befragenden Person leichter oder schwerer einzugestehen sein. Zum anderen erlaubt das Studiendesign keine endgültigen Aussagen über Ursache und Wirkung. Denkbar ist beides: Menschen greifen eher zu fiktionalen Figuren, weil im echten Leben romantische Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Ebenso könnte eine sehr intensive parasoziale Romantik Erwartungen an die reale Beziehung verändern und so die Zufriedenheit senken.

Für die weitere Forschung benennt Liebers deshalb konkrete Ansatzpunkte: Statt Beziehungstatus als Proxy zu nutzen, sollten subjektive Gefühle romantischer Einsamkeit direkt gemessen werden. Auch ein längsschnittliches Tracking von Mediengewohnheiten könnte klären, ob „fiktionale Heilung“ tatsächlich funktioniert oder ob sie reale Beziehungen zusätzlich verkompliziert. Außerdem könnte die Berücksichtigung von vorheriger Bekanntschaft mit Schauspielern helfen, die Mechanismen präziser zu isolieren. Damit wird sichtbar, wie sich romantische Parasozialität nicht nur als Randphänomen verstehen lässt, sondern als psychologische Schnittstelle zwischen Medienkonsum und dem Bedürfnis nach emotionaler Verankerung.


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