MONTE CARLO / LONDON (IT BOLTWISE) – Munich Re warnt, dass mittelgroße Naturereignisse wie Hagel und Brände künftig deutlich stärker in die Schadensumme schlagen. Nach einem katastrophenarmen ersten Halbjahr steigen die Gefahren insgesamt, und Hitze werde zunehmend zum Schadentreiber. Für 2025 rechnet der Rückversicherer unterhalb großer Naturkatastrophen mit Kosten von rund 104 Milliarden US-Dollar. Parallel verhandeln Marktteilnehmer die Vertragskonditionen, während Daten- und Infrastruktur-Schäden durch Cybervorfälle als weiteres Risiko wachsen.

Beim traditionellen Branchen-Update in Monte Carlo hat Munich Re eine Verschiebung im Schadenprofil betont: Nicht nur große Naturkatastrophen prägen die Entwicklung, sondern auch häufigere, „mittlere“ Ereignisse wie Hagel und Feuer. Der weltgrößte Rückversicherer verwies darauf, dass ein katastrophenarmes erstes Halbjahr das Gesamtrisiko nicht relativiere. Vielmehr würden Hagel, Brände und weitere Wetterextreme inzwischen Schadenniveaus verursachen, die bislang vor allem mit Großereignissen verbunden waren. Damit rückt die Frage in den Fokus, wie Versicherer und Rückversicherer Risiken bepreisen, wenn die Schadenseite weniger von seltenen Spitzen als von einer breiteren Verteilung über das Jahr angetrieben wird.
Technisch und versicherungsmathematisch betrachtet liegt in dieser Entwicklung ein anderes Risikoprofil als früher: Wenn unterhalb der Schwelle „großer Naturkatastrophen“ zunehmend Kosten entstehen, verändert sich die Erwartungswert-Logik in der Prämienkalkulation. Munich Re verbindet das mit einem weiteren Faktor, der in den letzten Jahren zunehmend sichtbar wurde: Hitze. Laut dem Rückversicherer forderten die Folgen von Hitzewellen in den vergangenen Monaten zunehmend Menschenleben, und „außergewöhnlich hohe Temperaturen“ beeinträchtigten Infrastruktur sowie Lieferketten. Dazu kommen erhebliche Schäden in der Landwirtschaft, im Gesundheitswesen sowie an Gebäuden und technischen Anlagen. Die Kernaussage dahinter: Solche Naturgefahren entwickeln sich zunehmend zu ökonomischen Risiken, auch wenn sich Kausalität bei Hitzeschäden nicht immer einfach bis zur direkten Ursache zurückverfolgen lässt.
Diese Mechanik wirkt direkt auf die Preisgestaltung in der Rückversicherung, weil sich die Erwartung zukünftiger Schadenszenarien relativ schneller anpassen muss als in Phasen, in denen nur sehr seltene Großereignisse dominieren. Nach immensen Prämienerhöhungen vor wenigen Jahren sei der Rückversicherungsschutz im Schaden- und Unfallgeschäft für Erstversicherer seit Anfang 2025 wieder schrittweise günstiger geworden. Bei den Erneuerungen seit Anfang 2026 hätten die drei Weltmarktfürder Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück im Schnitt Preisrückgänge von rund fünf Prozent hingenommen, wenn man Inflation und veränderte Risiken berücksichtigt. In der Folge erwarten Ratingagenturen, dass sich die Preise weiter Richtung Entspannung bewegen könnten, und der Markt diskutiert damit faktisch den Übergang von einer harten Underwriting-Phase hin zu einer stabileren Nachkalkulation.
Dass die Entspannung aber nicht automatisch bedeutet, dass Naturrisiken „wieder normal“ werden, zeigt die Argumentation von Munich Re mit Blick auf die Art der Schadenseite. Zwar seien verheerende Hurrikans oder andere Großereignisse weiterhin teuer, doch die Warnung zielt auf die laufend wachsende Relevanz kleinerer Naturgefahren. Als Beispiel nennt Munich Re die verheerenden Waldbrände in Kalifornien Anfang 2025 mit volkswirtschaftlichen Schäden von insgesamt etwa 54 Milliarden US-Dollar; davon habe die Versicherungsbranche rund 40 Milliarden US-Dollar getragen. In Europa nähmen große Waldbrände zuletzt zu, mit Bränden nahe Städten wie Bordeaux, Marseille und Madrid sowie Auswirkungen bis nach Sizilien. Gleichzeitig resümiert der Rückversicherer, dass bislang größere Ballungszentren in Europa verschont geblieben seien – ein Hinweis darauf, dass das Risikoprofil zwar breit ist, aber geografische und städtische Exponierung noch entscheidend bleibt.
Ergänzend zur Naturkomponente rückt Munich Re ein zweites, in der Praxis ebenfalls stark granularer werdendes Thema in den Mittelpunkt: Cyberangriffe und die daraus entstehenden Schäden rund um Computer und Daten. Der Rückversicherer verweist auf Studien, nach denen sich 89 Prozent der Unternehmen nicht ausreichend gegen Cyberkriminalität geschützt sehen. Die Meldung passt zu einem Markttrend, bei dem Cyberrisiken zunehmend nicht nur als „IT-Schaden“ behandelt werden, sondern als Business-Continuity-Problem: Datenvolumen, Betriebsunterbrechungen und Folgeschäden wirken auf Kosten, Prozesse und oft auch auf regulatorische Folgeketten. Zuletzt, so die Darstellung, hätten Hacker Daten aus der Berliner Verwaltung veröffentlicht, darunter 1,44 Millionen Dateien mit einem Umfang von 5,8 Terabyte. Für Versicherer heißt das: Vertragsbedingungen müssen häufiger auch dann reagieren, wenn der Angriff nicht in ein einzelnes klassisches Schadenszenario passt, sondern Systeme, Dienstleister und Lieferketten gleichzeitig betrifft.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die Preisverhandlungen zum Jahreswechsel für viele Marktteilnehmer so sensibel bleiben. Laut einer Umfrage einer Ratingagentur erwarten 86 Prozent der befragten Erstversicherer weiter sinkende Preise, und in der Schadenversicherung rechnen die meisten sogar mit Abschlägen von mehr als 7,5 Prozent. Besonders stark seien Rückgänge demnach in den USA und der Karibik zu erwarten, wo Hurrikans und Wirbelstürme wiederholt Milliardenschäden verursachen. Gleichzeitig zeigt gerade die Kombination aus Naturgefahren und Cyberrisiken, dass „sinkende Preise“ nicht zwingend „sinkende Unsicherheit“ bedeutet. Für Unternehmen in der Versicherungswertschöpfungskette heißt das praktisch: Datengrundlagen, Risikomodelle und Underwriting-Grenzen müssen schneller aktualisiert werden als früher, weil sowohl die Ereignisverteilung als auch die Schadensarten (Wetterextreme, Infrastruktur, Daten) eine breitere Streuung als klassische Großschadenkategorien bilden.
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