MONTE CARLO / LONDON (IT BOLTWISE) – Rückversicherer wie Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück versuchen beim Branchentreffen in Monaco, den Preisverfall im Schaden- und Unfallgeschäft zu bremsen. Gleichzeitig wächst der Druck, Risiken neu zu kalkulieren, weil Überschwemmungen, Dürren, Hagel, schwere Gewitter und Waldbrände weiter deutlich teurer werden. An den Börsen kamen die Nachrichten für die Titel der Rückversicherer zunächst negativ an. Der Ausblick deutet darauf hin, dass 2027 eher weitere Abschläge als ein stabiles Preisniveau folgt.

Beim traditionellen Rückversicherer-Treffen in Monaco drehen sich die Gespräche um eine nüchterne Frage: Wie viel Prämie bleibt noch, um steigende Naturkatastrophenrisiken zu decken, ohne dass Erstversicherer die Erneuerungskonditionen zu stark nach unten drücken? Laut Angaben der großen Weltmarktteilnehmer Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück steht das Schaden- und Unfallgeschäft aktuell unter dem Spagat aus zunehmend belastenden Ereignissen und gleichzeitig spürbarer Preisbereitschaft der Gegenseite. Im Fokus stehen dabei nicht nur Großschäden durch Hurrikans und ähnlichen Wetterextreme, sondern auch die stetige Häufung mittelgroßer Naturereignisse wie Hagel, Überschwemmungen und schwere Gewitter.
Technisch betrachtet ist diese Mischung entscheidend, weil Rückversicherungspreise in der Praxis stark an Schadenhäufigkeit, Schadenverteilung und die Annahmen für Schadenentwicklung gekoppelt sind. Wenn viele Schadenszenarien im oberen Mittelbereich anziehen, steigen zwar die Belastungen pro Vertragspaket, doch die Preisreaktion hängt davon ab, wie stark das Kapital der Branche gerade für neue Risikoübernahmen verfügbar ist. Genau hier setzt der Marktmechanismus an, der in den Berichten aus Monaco immer wieder betont wird: Erstversicherer erhalten bei Erneuerungsrunden typischerweise dann günstigere Konditionen, wenn das Angebot an Rückversicherungskapazität wächst und die Anbieter zugleich in der Lage sind, günstiger zu zeichnen.
Die Angebotslage wirkt besonders deutlich in den Zahlen, die mit Blick auf das Branchenkapital genannt werden: Ende März habe die Rückversicherungsbranche auf einem Kapital von fast 650 Milliarden US-Dollar gesessen, und zusammen mit zusätzlichem alternativen Kapital über Katastrophenanleihen sowie weitere Vehikel summiere sich das Rückversicherungskapital auf 790 Milliarden US-Dollar. Dieses Kapital ringt um Geschäft – und das macht sich bei Preisverhandlungen bemerkbar. Für die jüngeren Erneuerungsrunden seit Anfang 2026 melden die großen Rückversicherer im Schnitt Preisrückgänge von rund fünf Prozent, wenn man Inflation und veränderte Risiken berücksichtigt. Gleichzeitig deutet der Ausblick von Hannover Rück an, dass der Druck nicht schlagartig abreißt: Vorstandschef Clemens Jungsthöfel erwartet zum 1. Januar leicht sinkende Preise, will aber die übrigen Konditionen „überwiegend stabil“ halten. Damit verschiebt sich die Debatte in Richtung Strukturfragen, etwa wie viel Risiko Erstversicherer selbst in ihren eigenen Büchern behalten und ab welcher Summe bis zu welcher Schadenhöhe Rückversicherer einspringen.
Historisch ist diese Gemengelage nicht neu, aber der Takt hat sich verändert. Nachdem die Preise für Rückversicherungsschutz 2017 einen langjährigen Tiefpunkt erreicht hatten, stiegen sie danach zunächst in kleinen Schritten, bevor 2023 ein kräftiger Preissprung folgte. Ab 2025 setzte erneut ein Preisrückgang ein, der sich 2026 verstärkte. Für 2027 liefern die Stimmen aus dem Markt allerdings keine Entwarnung: „Wir glauben, dass wir 2027 eine ähnliche Entwicklung haben werden wie 2026“, sagt Johannes Bender, der Branchenexperte von der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P). Dazu passt auch die Erwartungshaltung, die aus einer Umfrage der Ratingagentur Moody’s hervorgeht: 86 Prozent der befragten Erstversicherer rechnen mit weiter sinkenden Preisen. In der Sparte Schadenversicherung wird sogar von Abschlägen von mehr als 7,5 Prozent gesprochen, besonders für Regionen wie die USA und die Karibik, wo Hurrikans immer wieder Milliardenschäden auslösen können.
Die eigentliche Risikofrage liegt dabei jedoch nicht nur in der Frage, ob ein „ganz großer“ Schadenereignistyp eintritt, sondern in der Frage, welche Schadenprofile über die Zeit dominieren. In den Berichten aus Monaco wird betont, dass selbst größere Einzelereignisse nach Einschätzung von S&P-Analyst Bender nicht ausreichen könnten, um Preise wieder spürbar nach oben zu bringen. Stattdessen sehen Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück besonders mittelgroße Naturereignisse als Treiber: Hagel, Überschwemmungen und Gewitter erzeugen häufiger Schadenserien und lassen die Kosten in die Breite laufen. Für das vergangene Jahr wird ein Schadenvolumen von rund 104 Milliarden US-Dollar genannt, das solche Ereignisse die Versicherungsbranche gekostet haben soll. Munich Re verweist dabei unter anderem auf Waldbrände: Anfang 2025 habe es in Kalifornien volkswirtschaftliche Schäden von etwa 54 Milliarden US-Dollar gegeben, wovon rund 40 Milliarden auf die Versicherungsbranche entfallen seien; die Führung nennt dies als teuerste Katastrophe dieser Art in der Geschichte. In Europa wiederum steigen die versicherten Waldbrandrisiken ebenfalls: Die Swiss Re spricht von einem Anstieg der versicherten Waldbrandschäden in Europa um geschätzte 8 bis 11 Prozent pro Jahr über die vergangenen Jahrzehnte, mit dem Grund, dass mehr Menschen und Vermögenswerte in waldbrandgefährdeten Gebieten angesiedelt sind.
Für Unternehmen mit Versicherungs- oder Rückversicherungsbezug ergibt sich daraus ein praktischer Handlungsdruck: Wer nur auf kurzfristige Schlagzeilen zu Großkatastrophen schaut, verfehlt den eigentlichen Preisbildungsmechanismus. Erstversicherer werden in den nächsten Erneuerungsrunden voraussichtlich stärker zwischen Selbstbehalten, Treppenstrukturen und Rückversicherungsansätzen optimieren, während Rückversicherer die Konditionen nicht allein über den Preis, sondern auch über die Risikoabgrenzung und die Kapazitätsbereitstellung steuern. Dass die Aktien von Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück am Montagvormittag jeweils gut anderthalb Prozent verloren, zeigt zudem, wie schnell Kapitalmärkte auf jede Tendenz zu sinkenden Preisen reagieren – selbst wenn die operative Nachricht gleichzeitig auf wachsende Gefahren im Underwriting hindeutet. Unterm Strich bleibt der Markt in Monaco damit weniger eine Geschichte über neue Risiken allein, sondern vor allem über die Preisarchitektur, mit der die Branche diese Risiken unter massiver Kapitalverfügbarkeit neu verteilt.
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