LONDON (IT BOLTWISE) – Zwei unabhängige Analysten sehen den Bitcoin-Boden als erreicht an, ohne dass sie jeweils die Daten des anderen genutzt haben. Beide verweisen auf Signale, nach denen die typischen Bedingungen eines Bärenmarkts nicht mehr vorliegen. Konkrete Messpunkte reichen von der USDT/BTC-Liquidität über gleitende Durchschnitte bis hin zu Kostenbasis-Schwellen. Gleichzeitig sprechen beide nicht von einem schnellen Bullenlauf, sondern von begrenztem Abwärtsdruck im kurzfristigen Rahmen.

Bitcoin-Boden bestätigt: Zwei Charts deuten auf Ende des Bärenmarkts
Bitcoin-Boden bestätigt: Zwei Charts deuten auf Ende des Bärenmarkts (Foto: IT BOLTWISE)
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Während viele Marktkommentare den Begriff „Bitcoin-Boden“ wie ein Startsignal für einen neuen Aufwärtstrend behandeln, ist die aktuelle Argumentation deutlich enger gefasst. Zwei Analysten kamen laut ihren separaten Charts bereits im frühen September zu dem Schluss, dass die Bedingungen, die einen Bärenmarkt definieren, aufgehört haben zu dominieren. Interessant ist dabei der gemeinsame Nenner: Beide sehen nicht „sofort bullisch“ aus, sondern begrenzen vor allem das Abwärtsrisiko in einem überschaubaren Zeithorizont.

Charles Edwards, Gründer von Capriole Investments, stützt seine Einschätzung auf eine Kennzahl, die er als Market Hedge Ratio zwischen USDT und Bitcoin beschreibt. Konkret betrachtet er das Verhältnis der USDT- bzw. Stablecoin-Marktkapitalisierung im Verhältnis zum BTC-Marktwert über ein rollierendes 30-Tage-Fenster. In seinem Signal vom 4. September sei der Wert auf -20,42 % gefallen und habe damit den -20,78 %-Schwellenbereich gestreift, der auf seinem Chart als bullisher Trigger markiert ist. Technisch bedeutet das: Eine sinkende Ratio zeigt, dass Kapital aus Stablecoins in Richtung Bitcoin rotiert – ein Muster, das Edwards in seinen Historiedaten etwa seit Januar 2020 mehrfach wiedererkannt haben will.

In der Rückschau ordnet Edwards die Signale allerdings nicht als Garantie für einen „vollen“ Marktturn ein, sondern als Fenster, in dem negative Dynamiken weniger wahrscheinlich werden. Er markiert für seine Market Hedge Ratio eine klare Bedingung: Das Signal gilt nur, solange der Wert nicht wieder „rot“ wird. Zusätzlich begrenzt er die erwartete Laufzeit seiner Beobachtung auf Wochen statt Monate. Im Kern lautet die Logik daher: Der Markt scheint kurzfristig so positioniert, dass „schlimme Dinge“ für Bitcoin weniger wahrscheinlich sind, bis die Kennzahl erneut kippt und damit die Stabilisierung auf Zeit ausläuft. Genau diese Invalidation ist für Trader und Risikomanager relevant, weil sie das Setup sofort messbar macht, statt es nur narrativ zu begründen.

Der zweite Analyst, der unter dem Namen Root auftritt, gelangt ebenfalls zum gleichen Ausgangspunkt – nämlich „Boden in“ –, nutzt jedoch ausschließlich Preisstruktur statt Stablecoin-Liquidität. Seine Grafik verfolgt den Zeitpunkt, an dem Bitcoin mehrere Schichten gleichzeitig zurückgewinnt: den 200-Tage-Durchschnitt, den 21-Wochen-Durchschnitt sowie die Kostenbasis kurzlaufender Inhaber. Root stellt dabei auf zyklische Abstände ab: Frühere Breakouts seien 1.375 Tage und 1.384 Tage auseinandergelegen gewesen, also in zwei vergleichbaren Abständen innerhalb eines Zeitfensters von rund 7,5 Jahren. Der aktuelle Breakout liege dagegen 1.314 Tage nach dem 2023-Signal, was etwa 65 Tage „vor dem“ üblichen Rhythmus entspricht.

Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, weil Root damit auch eine Abweichung von der erwartbaren Zyklus-Taktung anerkennt. Allerdings argumentiert er, dass die zeitliche Versetzung zwar „substanziell“ sei, aber weniger extrem als der Abstand beim bisherigen Tiefpunkt. Zudem ordnet Root die Prognose bewusst nicht als bullischen Startschuss ein, sondern als einen Bereich, in dem die Bear-Markt-Mechanik bereits aussetzt – auch wenn die Marktseite nicht zwingend in Richtung einer schnellen Rally kippen muss. Parallel dazu liefert die konkrete Momentaufnahme des Preisniveaus eine weitere Plausibilitätsprüfung: Bitcoin werde im beschriebenen Moment bei 79.755 US-Dollar gehandelt, fast durchgängig oberhalb der relevanten gleitenden Bereiche, aber nur mit kleinem Puffer.

Zum Zeitpunkt der Betrachtung liegt Bitcoin demnach lediglich 0,5 % über der 21-Wochen-Linie bei 79.355 US-Dollar, während darunter die Kostenbasis kurzfristiger Inhaber bei 70.853 US-Dollar sowie der 200-Tage-Durchschnitt bei 69.785 US-Dollar liegen. Diese Staffelung ist für die Interpretation entscheidend, weil sie die „Trigger-Zonen“ in unterschiedliche Risikoebenen trennt: Oben geht es um das Halten der Trendbestätigung, darunter um die Frage, ob der Markt die Konsensbewertung wieder unter Druck setzt. Auch die Marktkapitalisierung wird mit rund 1,6 Billionen US-Dollar verortet. Für Unternehmen, die Krypto-Exposure im Treasury oder als strategische Anlage betrachten, bedeutet das in der Praxis: Der bestätigende Moment entsteht weniger aus einer einzelnen Kerze, sondern aus dem Zusammenspiel mehrerer Schwellen – und gerade der geringe Puffer zur 21-Wochen-Linie macht deutlich, wie schnell sich eine „Boden“-These wieder entkräften lassen kann, wenn die Signale kippen.

Unterm Strich zeigt die Gegenüberstellung zweier unabhängiger Ansätze, dass der „Boden“-Begriff hier nicht als Versprechen eines Bullenlaufs verstanden werden sollte. Edwards liefert ein Stablecoin-basiertes Makro-Stimmungsbarometer mit klarer Invalidation, Root ergänzt die Sicht um ein technisches Layering aus Durchschnitten und Kostenbasis, das die Positionierung der Marktteilnehmer sichtbar macht. Für den Markt ist diese Kombination relevant, weil sie unterschiedliche Datenwelten verbindet: Liquiditätsflüsse auf der einen Seite, Trend- und Kostenlogik auf der anderen. Für Leser, die ihre Entscheidungen an Daten koppeln statt an Schlagzeilen, ergibt sich daraus eine brauchbare Leitplanke: „Boden in“ kann bedeuten, dass der Abwärtsdruck nachlässt – aber noch keine Verpflichtung, dass der nächste große Aufwärtsschub bereits begonnen hat.


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