LONDON (IT BOLTWISE) – Novartis meldet nach einem späten klinischen Test zum Lp(a)-Wirkstoff Pelacarsen einen Misserfolg bei den Herz-Kreislauf-Ergebnissen. Der Wirkstoff senkte zwar eine besonders riskante Form des Cholesterins, verbesserte aber keine kardiovaskulären Endpunkte signifikant. Damit rücken die Programme der Rivalen Amgen und Eli Lilly stärker in den Fokus. Gleichzeitig verknappt sich die wissenschaftliche Debatte um die Frage, ob weniger Lp(a) tatsächlich Herzinfarkte und Schlaganfälle senkt.

Novartis liefert mit dem Misserfolg bei Pelacarsen einen Dämpfer für eines der teuersten und wissenschaftlich am engsten verfolgten Entwicklungsfelder der Pharmaindustrie: Medikamente, die das Lipoprotein(a), kurz Lp(a), gezielt senken sollen. In der späten Phase einer klinischen Studie reduzierte Pelacarsen zwar Lp(a) in einem Maße, das als biochemisches Signal zählt. Entscheidend für den eigentlichen Nutzen ist aber die Frage, ob sich daraus messbar bessere klinische Endpunkte ableiten lassen. Genau hier blieb der Konzern laut seiner Mitteilung nach Börsenschluss am Freitag hinter den Erwartungen zurück, und die Aktie reagierte direkt mit einem Kursrutsch von 3% am darauffolgenden Montag.
Technisch betrachtet trifft die Studie damit einen neuralgischen Punkt der Wirkstoffhypothese: Lp(a) wird mit erhöhten kardiovaskulären Risiken in Verbindung gebracht, wobei das Risiko grob für etwa eine von fünf Personen weltweit als erhöht eingeschätzt wird. Lp(a) wurde bereits 1963 entdeckt; dennoch gilt es bis heute als schwer greifbar, weil die Spiegel nahezu vollständig genetisch bestimmt sind und sich typischerweise kaum durch klassische Lebensstilmaßnahmen wie Ernährung oder Bewegung verändern lassen. Novartis hat außerdem betont, dass mehr als 8.000 Teilnehmende bereits eine optimierte Standardversorgung erhielten. Gerade diese Ausgangslage macht es im Studiendesign besonders anspruchsvoll, einen zusätzlichen klinischen Mehrwert überhaupt noch statistisch sichtbar zu machen.
Für die Einordnung ist auch wichtig, wie die Branche auf Lp(a)-Programme blickt. Pelacarsen war das erste große klinische Setback in einem Rennen, das bislang von der Erwartung getragen wurde, Lp(a)-Senkung könne die Zahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen deutlich reduzieren. Analysten greifen dabei nicht nur das „Ob“, sondern auch die Größenordnung an: In einem Research Note wurde betont, dass Details zur Stärke der Lp(a)-Senkung und zur tatsächlichen Risikoreduktion über die „Topline“-Ergebnisse hinaus noch fehlen. Die Schlussfolgerung: Der Befund schwäche die Lp(a)-Hypothese, stelle sie aber noch nicht endgültig infrage. Dafür sprechen auch mögliche Einflussfaktoren, etwa ob das Studiendesign, der konkrete Wirkmechanismus oder eine generelle Herausforderung der Annahme „Lp(a) senken, Events senken“ ursächlich waren.
Der Rückschlag trifft damit nicht nur Novartis, sondern auch den gesamten Markt für Lp(a)-Therapien. Im Handel zeigte sich das direkt: Amgen verlor rund 5% im erweiterten Handel am Freitag, Ionis Pharmaceuticals musste sogar einen Rückgang von 10% hinnehmen. Der Druck auf die verbleibenden Programme steigt, weil Analysten späteren Studien eine klare Zielmarke abverlangen: Aus dem Citi-Papier geht hervor, dass später nachgewiesen werden müsse, ob „deeper lowering“ tatsächlich zu einer klinisch relevanten Reduktion von Major Adverse Cardiovascular Events führt, in der Größenordnung von etwa 15%. Gleichzeitig ist das Timing für Lp(a)-Entwicklungen auch deshalb so empfindlich, weil sich viele Investoren auf Umsatzspitzen im Milliardenbereich einstellen: Für Pelacarsen waren Spitzenjahresverkäufe von etwa 4 bis 5 Milliarden US-Dollar modelliert, falls der Erfolg eingetreten wäre.
Amgen und Eli Lilly stehen nun vor einer zweigeteilten Herausforderung: Technologie und Zielpopulation. Amgen entwickelt mit Olpasiran einen Wirkstoff, der einem anderen Ansatz folgt als Pelacarsen, und Analysten sehen hier den klarsten „Readthrough“ aus den Novartis-Daten. Bei Eli Lilly dagegen läuft Lepodisiran in einer breiteren Patientengruppe, darunter auch Menschen ohne bereits etabliertes kardiovaskuläres Krankheitsbild. Genau diese Zusammensetzung könnte den direkten Vergleich zum Novartis-Resultat verwässern, weil die Ereignisraten und die erwartbare zusätzliche Effektgröße in unterschiedlichen Risikoprofilen variieren. Dazu kommt eine weitere ökonomische Ebene: Lepodisiran ist laut Analysten weniger materiell für die Bewertung von Lilly als andere Programme, weshalb der Markt vermutlich auch anders auf Nachrichten reagiert, je nachdem, welche Pipeline-Komponente im Vordergrund steht.
Daneben spielt der Kontext der kardiovaskulären Standardversorgung eine Rolle. Jefferies verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass sich die Versorgungsqualität verbessert und damit kardiovaskuläre Ereignisse häufiger vermieden werden. Wenn die Baseline-Rate dadurch sinkt, wird es in klinischen Studien schwieriger, einen zusätzlichen Nutzen neuer experimenteller Medikamente statistisch „zu zeigen“, und es steigen zugleich die Anforderungen an Studiendesign und Event-Anzahl. Auch Barclays ordnete die Reaktion ein: Erwartet wurde eher ein moderater Nutzen als ein „transformationaler“ Durchbruch; ein Nutzen von 13% hätte in der Gesamtpopulation statistisch signifikant sein können. Aus den veröffentlichten Zeilen las Barclays dabei, dass der tatsächliche Abstand zur erwarteten Schwelle möglicherweise zu gering war.
Für andere Lp(a)-Wirkstoffentwicklungen ist der Dominoeffekt bereits sichtbar. NewAmsterdam Pharma, ebenfalls mit einem Programm zur Senkung von Lp(a) gegen kardiovaskuläre Ereignisse im Portfolio, verlor im erweiterten Handel etwa 12%. Zugleich bleibt aber eine Tür offen: Wenn andere experimentelle Wirkstoffe Lp(a) stärker oder über andere biologische Pfade senken können, wäre ein erneuter klinischer Erfolg weiterhin plausibel. Analysten von William Blair formulierten dieses Risiko als „bedeutend“ für künftige Lp(a-getriebene Studien, aber nicht als Abschied vom Feld. Am Ende entscheidet sich das Thema weniger in Biomarker-Updates, sondern in harten Outcome-Daten – und genau dort wird der Markt für Amgen und Eli Lilly nun einen wesentlich strengeren Maßstab anlegen.
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