DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Kunstsammlung NRW (K20) startet eine große Franz-Marc-Ausstellung mit mehr als 120 Gemälden und Papierarbeiten. Die Schau „Auf der Suche nach einer besseren Welt“ ordnet Marcs Werk als Weg von späten impressionistischen Tierbildern bis zu kubistisch inspirierten, zunehmend abstrakten Kompositionen ein. Kuratorin Susanne Meyer-Büser stellt den emotionalen Kern heraus: Marcs Suche nach Harmonie und Ruhe. Gleichzeitig kreist die Präsentation auch um die bis heute nachwirkenden Spuren von nationalsozialistischem Kunstraub, darunter Werke aus dem „Kunstfund Gurlitt“ und das bis heute verschollene Schlüsselbild „Der Turm der blauen Pferde“.

Wer Marcs Bilder zum ersten Mal im Kopf hat, denkt meist an Farbe: blaue Pferde, rote Kühe, schimmernde Tiere, die über die Bildfläche „atmen“. Genau an diesem Wiedererkennungswert setzt die Ausstellung in der Kunstsammlung NRW (K20) in Düsseldorf an. Ab Samstag, dem 12. September, sind dort mehr als 120 Arbeiten zu sehen – Gemälde und Papierarbeiten –, darunter Werke des Mitbegründers der Künstlergruppe „Blauer Reiter“. Damit stellt die Schau nach Angaben der Kunstsammlung die erste große Franz-Marc-Ausstellung in Deutschland seit rund 20 Jahren dar, und sie folgt dem Anspruch, nicht nur einzelne Ikonen zu zeigen, sondern den gesamten künstlerischen Prozess lesbar zu machen.
Die Dramaturgie beginnt bei Marcs frühen Bildwelten und führt konsequent bis in die späte, stark verdichtete Bildsprache. Kuratorin Susanne Meyer-Büser bringt es auf den Punkt: Sobald der Name Franz Marc fällt, stehen die blauen Pferde im Vordergrund. Dass das Werk dennoch mehr ist als ein Stilmittel, zeigt der Blick auf die schmale, aber intensive Gesamtsumme: Insgesamt umfasst es nur 244 Gemälde sowie etwa ebenso viele Aquarelle und Zeichnungen, entstanden in wenigen Jahren zwischen 1904 und 1914. In Düsseldorf wird Marcs Weg daher als kontinuierliche Entwicklung vom spätimpressionistischen Ausgangspunkt hin zu Tierbildern erzählt, die später von kubistischer Inspiration zu einer „vollständigen Abstraktion“ hinführen. Der rote Faden bleibt dabei überraschend stabil: Tiere sind nicht bloß Motive, sondern Träger von Stimmung, Blickrichtung und Weltdeutung.
Technisch und motivisch wird das im Saal immer wieder greifbar – etwa, wenn Marcs Pferde nicht frontal gezeigt werden, sondern in ungewöhnlichen Perspektiven erscheinen. Ein Beispiel ist ein blaues Pferd in Rückenansicht: Es blickt von einem Hügel aus in eine weite, bunte Landschaft. Meyer-Büser verweist dabei auf ein Sehnsuchtsmotiv, das als romantische Bildidee wiedererkennbar ist und eine Brücke zu Caspar David Friedrich schlägt, insbesondere zu dessen „Wanderer über dem Nebelmeer“. Auch Frauenakte, bei denen der Einfluss von Paul Gauguin zu erkennen ist, und später abstraktere Kompositionen ergänzen das Bild. Gerade in den letzten Arbeiten rücken Tiere zunehmend in den Hintergrund, während Form und Farbe immer stärker die eigentliche Bildlogik übernehmen. Dass Marcs Arbeit nicht im „ruhigen Atelierzustand“ verharrte, sondern sich spürbar mit politischen und persönlichen Umbrüchen verschob, macht die Ausstellung ebenfalls deutlich: Schon 1913 habe eine Reise in das politisch zerrissene Südtirol dazu geführt, dass harmonische Landschaftsvorstellungen in dystopische Szenarien übergingen – mit einsamen, ausgemergelten Tierkreaturen. Auf einem Gemälde wird das gelbe Pferd nicht mehr als stolzes, muskulöses Tier gezeigt, sondern als Klepper, bei dem die Rippen hervortreten.
Auch der Einschnitt durch den Ersten Weltkrieg wird nicht als Bruch mit Ansage präsentiert, sondern als Veränderung, die sich an Motiven und Tonlagen ablesen lässt. Marc fiel 1916 im Alter von nur 36 Jahren in Verdun; doch selbst auf dem Schlachtfeld, so die Beschreibung in der Ausstellung, zeichnete er noch Bilder von friedlich grasenden Pferden sowie von Rehen und Schwalben – nicht jedoch das Kampfgeschehen und den Tod. Meyer-Büser verbindet diesen Spannungsbogen mit biografischen Erfahrungen und nennt als Kontext die Freundschaft zu August Macke, der kurz nach Kriegsbeginn ebenfalls fiel. Daraus ergibt sich eine plausible These für die Ausstellungserzählung: Wenn Marcs Sicht auf den Krieg sich veränderte, dann könnte der Zeitpunkt genau dort gelegen haben, wo viele Literaten und Künstler „anfangs begeistert“ in den Krieg zogen. Die Schau nutzt dafür nicht die große Geste, sondern die genaue Gegenüberstellung von Bildstimmungen – und macht so nachvollziehbar, weshalb Marcs Suche nach einer besseren Welt auch heute anschlussfähig wirkt.
Der Titel „Auf der Suche nach einer besseren Welt“ wird in Düsseldorf zudem als Kommentar auf einen modernen Zeitgeist gelesen. Meyer-Büser beschreibt dabei ein „Gefühl, was in der Luft liegt“: die Sehnsucht nach einem Ort der Harmonie und der Ruhe. Dieses Bedürfnis wird in der Ausstellung als zeitlich übergreifende Linie gezeigt, obwohl Marcs eigene Umgebung von technischen Neuerungen geprägt war. In ihrer Darstellung heißt es, dass Menschen überwältigt gewesen seien von den Neuerungen durch Industrialisierung und Technik und zugleich keinen Ort für sich gefunden hätten. Gerade vor diesem Hintergrund wirkt Marcs Weg von Tierbildern zur Abstraktion nicht wie ein bloßes Stilrad, sondern wie der Versuch, das, was nicht in eine klassische Landschaft passt, in Farbe und Form neu zu ordnen. So wird die Moderne in der Ausstellung nicht nur als ästhetisches Kapitel erzählt, sondern als ernsthafte Suche nach Haltung.
Besonders brisant wird die Ausstellung dort, wo sie den Blick auf die Geschichte des Kunsthandels öffnet. Marcs Werk steht bis heute exemplarisch auch für Kunstraub im nationalsozialistischen Regime. In Düsseldorf werden deshalb zwei Grafiken aus dem spektakulären Kunstfund Gurlitt gezeigt: Die Werke waren 1937 als „entartet“ aus Museen beschlagnahmt worden. Zudem erinnert die Ausstellung an das Schicksal von „Blaues Pferd II“, das 1937 aus einem Museum entfernt wurde. Der größere Mythos betrifft jedoch „Der Turm der blauen Pferde“, das seit 1945 verschollen ist. Es war 1937 in der „Entartete Kunst“-Ausstellung in München gezeigt worden und geriet danach in den Besitz von Reichsmarschall Hermann Göring, der es gegen Bilder Alter Meister tauschen wollte; in den Wirren der letzten Kriegstage verlor sich dann jede Spur. Geblieben sind lediglich einige kolorierte grafische Vorarbeiten, die in Düsseldorf zumindest eine Vorstellung vom „Schlüsselwerk des Expressionismus“ vermitteln sollen. Damit macht die Schau nicht nur Kunstgeschichte sichtbar, sondern auch die offene Wunde, die verlustige Biografien von Werken hinterlassen haben.
Für das Publikum ist die Kombination aus ästhetischem Rundgang und historischer Kontextualisierung ein klares Signal: Die Ausstellung will mehr sein als eine nostalgische „Best-of“-Sammlung. Möglich wird das auch durch Leihgaben aus deutschen und internationalen Museen sowie aus Privatsammlungen, die nur äußerst selten auf Reisen geschickt werden. Zeitlich läuft die Schau in Düsseldorf vom 12. September bis zum 24. Januar 2027; anschließend wird sie vom 26. Februar bis 4. Juli 2027 im Kunstmuseum Bern gezeigt. Wer aus Unternehmens- oder Bildungsperspektive auf solche Projekte schaut, erkennt zudem den Mehrwert der kuratorischen Detailarbeit: Marcs Werk lässt sich hier als frühes Beispiel dafür lesen, wie künstlerische Innovation aus neuen Perspektiven, radikalem Farbempfinden und zugleich aus existenziellen Brüchen entsteht. Gerade deshalb dürfte die Ausstellung auch bei einem Publikum wirken, das weniger „Kunst im engeren Sinn“ konsumiert – denn der rote Faden führt vom Motiv bis zur Abstraktion und erklärt dabei, warum Marcs Suche nach einer besseren Welt bis heute Fragen an uns stellt.
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