PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Karl Lagerfeld machte aus seinen Wohnsitzen mehr als nur Kulissen: Er richtete Häuser und Wohnungen wiederholt komplett neu ein. Von Interieurs im Stil der 30er Jahre in Paris bis zu einem Palais bei Louveciennes dokumentiert der Bildband „Im Hause Lagerfeld“ die Lust am Stilwechsel. Besonders auffällig ist, wie gezielt er Designer-Möbel, Kunstbücher und Designbewegungen wie Memphis kombinierte. Auch seine Wohnbiografie wird bis in die Nachlassabwicklung spürbar, als ein Ensemble 2021 bei Sotheby’s in 4000 Losen versteigert wurde.

Karl Lagerfelds Beziehung zum Wohnen wirkt auf den ersten Blick wie eine Sammlerleidenschaft: Er besorgt sich Möbel, Kunstbücher und einzelne Objekte, ordnet sie an und fängt damit immer wieder neu an. Der entscheidende Punkt liegt aber in der Art, wie er Stil begreift. Das berühmte Zitat „Man muss das Geld zum Fenster rauswerfen, damit es zur Tür wieder reinkommt“ beschreibt weniger eine Provokation als eine Arbeitsweise: Lagerfeld behandelte jeden neuen Wohnsitz wie einen Startpunkt für eine neue Design-Identität. Genau dieses Prinzip macht der Bildband „Im Hause Lagerfeld“ greifbar, der dreizehn Interieurs aus Frankreich, Italien, Deutschland und Monaco zusammenführt.
In Paris beginnt die Reise nicht mit einem „Wohlfühl-Update“, sondern mit einem bewussten Zeitsprung. Lagerfeld zog Ende der 60er-Jahre innerhalb des linken Seine-Ufers um, von der Ruede l’Université an die Place Saint-Sulpice. Dort trafen klassizistische Rahmenbedingungen auf eine Inszenierung, die an die 1930er Jahre erinnert: Wände, Zierleisten und weiß gestrichene Friese bilden den ruhigen Unterbau, während ein auberginefarbener Teppichboden eine klare, fast programmatische Farbsetzung übernimmt. Bemerkenswert ist dabei auch die technische Konsequenz des Designs: Der Ton wurde „eigens für ihn umgesetzt“, wodurch die Einrichtung nicht nachträglich angepasst wirkt, sondern als eigener Entwurf behandelt wird. Dass sich das Ganze in einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert befindet, errichtet vom Architekten Giovanni Servandoni, macht den Kontrast erst richtig spannend. Die muschelförmigen Sessel und Sofas verweisen darüber hinaus auf eine weitere Ebene von Lagerfelds Vorgehen: Er nutzte Interieurs, die bereits eine Geschichte hatten. Diese Möbel stammen aus einem Haus, das Elsie de Wolfe in den 1930er Jahren eingerichtet hatte – eine Referenz, die für den Modemacher offenbar als roter Faden für Eleganz und Formensprache blieb.
Gerade diese Verknüpfung von Referenzen erklärt auch, warum Lagerfeld Projekte oft nicht „durchzieht“, sondern neu komponiert. Laut Patrick Mauriès, Mitautor des Buches, „verließ“ Lagerfeld „ein Universum, um das nächste zu erfinden“. Das passt zu einem wiederkehrenden Muster: War ein Projekt fertig, hatte er häufig bereits genug. Man kann das an konkreten Entscheidungen festmachen. Bereits 1975 ließ Lagerfeld seine Art-déco-Möbel und -Objekte versteigern, und auch von den exzentrischen Memphis-Designs trennte er sich bei einer Auktion. Für die Einordnung ist das mehr als Anekdote: Es zeigt, dass das Wohnen für ihn weniger als dauerhafter Konsens funktioniert, sondern als zyklischer Prozess aus Experiment, Sammlung und anschließendem Weitergeben. Nur wenige Stücke begleiteten ihn dabei länger, etwa Möbel aus den 1920er-Jahren von Sèvres et Mare und Modeaquarelle von Lepape oder Boutet de Monvel. Dazu kamen Kunstbücher in großer Zahl; die Formulierung „Zehntausende Bände“ zeichnet einen Lebensstil, in dem Wissen, Bildästhetik und Ordnung Teil der Möblierung werden.
Mit der letzten großen Wohnstation in Louveciennes wird dann eine andere Facette sichtbar: Lagerfeld als Bauherr und Kurator zugleich. Das Palais „Pavillon de Voisins“ am Rande des Waldes von Marly nahe Paris interessierte ihn mit 81 Jahren so stark, dass er es nach eigenem Geschmack umgestalten und komfortabel ausstatten ließ. Die Bauarbeiten dauerten vier Jahre – auffällig ist jedoch die Entkopplung von Aufwand und Nutzung: Er schlief dort am Ende nur eine Nacht. Dennoch kam er immer wieder zurück, setzte sich in den Musiksalon und betrachtete seine Sammlungen, darunter Art-déco-Möbel, deutsche Werbegrafik aus den 1910er Jahren sowie Arbeiten zeitgenössischer Designer. Das zeigt, dass sein Interesse nicht primär im „Alltag“ lag, sondern im kuratierten Raum als Bühne für Reflexion. Dass das Ensemble 2021 in 4000 Lose aufgeteilt bei Sotheby’s unter den Hammer kam, um postum die Schulden des Designers zu begleichen, bringt zudem eine nüchterne Realität in die sonst so ästhetische Erzählung: Design bleibt nicht nur Lifestyle, sondern kann bis zur Nachlassabwicklung zur materiellen Bilanz werden.
Noch deutlicher als in Louveciennes wird die Technik des Stilwechsels in Monaco. Schon 1981 stand Lagerfeld laut Text „auf Kriegsfuß“ mit dem Fiskus, nachdem er vor drohenden Steuererhöhungen geflohen war. Er bezog eine Luxusresidenz in Monaco, die von Gio Ponti entworfen wurde, und füllte sie anschließend mit revolutionärem Design der Memphis-Gruppe. Diese Kombination ist deshalb interessant, weil Memphis gerade nicht nach „edler Hintergrundarchitektur“ sucht, sondern mit Farben und Formen bewusst irritiert. Lagerfeld reagierte darauf nicht halbherzig: Zehn Jahre später ließ er alles versteigern. Im Auktionskatalog formulierte er seine Stimmung und sein Selbstbild dabei sehr klar: „Ich habe mich auf den ersten Blick in Memphis verliebt. Im September 81 bin ich in eine große Wohnung in Monte-Carlo gezogen (…) Ich hatte noch nie in einem modernen Haus gelebt. Memphis war die perfekte Lösung. Ich liebte es, umgeben von so vielen Farben und so vielen neuen Formen zu leben.“ Der Schlussstrich kam dann jedoch ebenso konsequent: „Mein zweites Haus in Monaco passte einfach nicht zu Memphis.“ Damit liefert die Geschichte auch eine Art Erklärung für Lagerfelds Designlogik: Er ließ Stil nicht „mit Altern“ zusammenlaufen, sondern entschied sich für Kohärenz im jeweiligen Raum.
Die italienische Station im Palazzo-Kosmos lässt sich als Spiegel zu Monaco lesen. In Rom hatte Lagerfeld durch seine lange Zusammenarbeit mit Fendi einen regelmäßigen Reisegrund; statt im Hotel abzusteigen, wollte er dort sein eigenes Habitat. Bald fand sich ein pied-à-terre mit Wohnzimmer und zwei Schlafzimmern. Die Einrichtung sollte nicht nur dekorieren, sondern einen Rahmen bauen, in dem seine Sammlung weiterarbeitet. Als er dieses „Lebenssystem“ suchte, entschied er sich für die Wiener Secession. Überraschend ist das Motiv nicht nur wegen der geografischen Distanz, sondern weil die Secession mit einer Strenge und einem minimalistischen Ambiente assoziiert wird, das in Lagernfelds Biografie nicht als „Standard“ erscheint. Dass ihn dabei Andrèe Putman unterstützte, die enge Freundin und Mitdenkerin, macht deutlich: Lagerfeld vertraute bei solchen Brüchen auf Menschen, die ähnliche ästhetische Denkweisen teilen. Seine eigene Einschätzung zur Wohnung lautet: „Diese Wohnung schafft einen Bruch mit der Stadt“, „wie eine Reihe Schwarz-Weiße-Seiten in einem bunten Buch.“ Genau darin liegt die wiederkehrende Dramaturgie des Buches: Jede Immobilie bekommt ihre eigene visuelle Dramaturgie, und jede Dramaturgie widerspricht der vorherigen.
Für Unternehmen und Kreativschaffende, die sich mit Markenführung über Design beschäftigen, liefert die Wohnbiografie schließlich einen praktischen Lernpunkt. Lagerfeld behandelt Räume wie Produktlinien: Jede neue „Version“ setzt auf eine andere Design-DNA, nutzt Referenzen gezielt und setzt mit dem Wechsel einen klaren Cut. Das ist weniger ein Luxusproblem als eine Methode zur Positionierung: Wer Künstliche Intelligenz oder andere datengetriebene Tools entwickelt, steht zwar vor anderen Anforderungen als bei Möbeln – aber das Prinzip der iterativen, klar abgestimmten Neuausrichtung ist ähnlich. Die Story aus Paris, Louveciennes, Monaco und Rom zeigt jedenfalls, dass Lagerfeld seine Sammlung nicht nur als Reichtum verstand, sondern als Prozess, der Neugier in Material übersetzt. Und sie macht sichtbar, warum am Ende nicht die Immobilie selbst den Ausschlag gab, sondern die wiederholte Entscheidung, Design als lebendigen Zustand zu begreifen, statt als dauerhaftes Display.
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