BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Potsdamer Platz ist erneut mit DGNB-Gold ausgezeichnet worden und knüpft damit an die erste Gold-Zertifizierung aus dem Jahr 2011 an. Die aktuelle Bewertung lief im Rahmen der Pilotphase des neuen DGNB-Systems für Bestandsquartiere und wurde bis September 2025 abgeschlossen. Neben dem Quartier selbst wurden fünf konkrete Gebäude wie Potsdamer Platz 1 und der Atrium Tower ebenfalls ausgezeichnet. Damit zeigt sich, wie Nachhaltigkeit nicht nur im Neubau, sondern auch im laufenden Betrieb etablierter Immobilien gesteuert werden kann.

Der Potsdamer Platz in Berlin geht in Sachen Nachhaltigkeit in die nächste Runde: Nachdem das Stadtquartier bereits 2011 als erstes Stadtquartier Deutschlands die DGNB-Gold-Zertifizierung erhalten hatte, wurde es nun erneut auf Gold-Niveau bewertet. Ausschlaggebend ist dabei nicht die klassische Logik „Neubau zuerst“, sondern die aktuelle Zertifizierung innerhalb der Pilotphase eines neuen DGNB-Systems, das gezielt Bestandsquartiere adressiert. Der Prozess startete im Oktober 2023 und endete im September 2025. Für das Quartier ist das mehr als eine Auszeichnung mit Symbolcharakter: Es dokumentiert, dass Zielbilder für Energie, Ressourcen und Betrieb über Jahre hinweg in messbare Maßnahmen überführt wurden.
Technisch betrachtet liegt ein Schwerpunkt der Bewertung auf der Struktur des Quartiers und der daraus abgeleiteten Betriebslogik. Der Potsdamer Platz umfasst eine Zertifizierungsfläche von 12,7 Hektar und eine Bruttogrundfläche von rund 459.000 Quadratmetern, verteilt auf 17 Gebäude. Diese Kombi aus Büro-, Einzelhandels-, Gastronomie-, Hotel- und Wohnnutzung macht das Thema Effizienz besonders komplex, weil sich Lastprofile, Nutzerverhalten und Instandhaltungszyklen unterscheiden. Hinzu kommt ein denkmalgeschütztes Gebäude aus dem Jahr 1912, das die Planung in Richtung Bestandsschutz und technische Nachrüstung zwingt. Die Zertifizierung greift damit genau das auf, was viele Nachhaltigkeitskonzepte in der Praxis zuletzt ausbremste: nicht das „Bauen mit Zielwerten“, sondern das „Betreiben unter realen Randbedingungen“.
Auch die konkreten Infrastruktur- und Umweltbausteine zeigen, warum DGNB-Gold im Bestand anspruchsvoll ist. Das Quartier betreibt ein Regenwassermanagement, das Wasser für Bewässerung und teilweise Toilettenspülung wiederverwendet. Ergänzt wird das durch ein unterirdisches Ver- und Entsorgungszentrum, das die Versorgung und Rückkopplung von Prozessen im Betrieb strukturiert. Im Gebäudebereich wurden Klimaschutzfahrpläne etabliert, die Klimaneutralität bis 2045 anstreben, inklusive Maßnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen sowie zur effizienten Ressourcennutzung. Ergänzend zur Quartierszertifizierung wird der Ansatz über weitere Systeme sichtbar: Im GRESB-Assessment 2025 erreichte der Potsdamer Platz 90 von 100 Punkten und damit die höchste Bewertungsstufe von fünf Sternen. In der Markenarchitektur der ESG-Kommunikation ist das relevant, weil solche Benchmarks häufig die Sprache liefern, in der Investoren und Asset Manager Operativität und Reporting bewerten.
Neben der Quartiersbewertung wurden auch fünf Einzelgebäude mit DGNB-Gold ausgezeichnet: Potsdamer Platz 1, Potsdamer Platz 11, das Haus Huth (Alte Potsdamer Straße 5), der Atrium Tower (Eichhornstraße 3) sowie einer der Roger Twins (Linkstraße 2). Für die Umsetzung tragen laut Angaben die Eigentümervertreter und Asset Manager BGRE Germany die Verantwortung. Dass diese Gebäudeselektion sowohl Adresse- und Typenvielfalt als auch unterschiedliche Bau- und Nutzungsprofile abdeckt, macht die Zertifizierung besonders glaubwürdig: Wer mehrere Standorte innerhalb eines Quartiers konsistent auf Gold-Niveau bringt, muss die Nachhaltigkeit nicht nur auf Quartiersebene ausrollen, sondern auch in standortspezifischen Betriebs- und Sanierungsentscheidungen abbilden. Damit passt die Meldung auch in den Markttrend, dass Nachhaltigkeitsanforderungen zunehmend entlang der gesamten Wertschöpfungskette ausgerollt werden, statt lediglich in Bauphasen zu investieren.
Ein weiterer Hebel ist die vertragliche und operative Verzahnung über Green-Lease-Klauseln. Seit 2023 ergänzt der Potsdamer Platz die baulichen Maßnahmen durch solche Klauseln in neuen Mietverträgen: Vermieter und Mieter legen gemeinsam Ziele fest, die Energie- und Ressourcenverbräuche senken und die Umweltbilanz der Immobilien verbessern sollen. Ein Kernpunkt ist der mindestens jährliche Austausch über Nachhaltigkeitsmaßnahmen, etwa im Bereich Energieverbrauch sowie Wasser- und Abfallmanagement. Dazu gehört auch der Austausch von Verbrauchsdaten zu Energie, Wasser und Abfall, der in ESG-Ratings und Benchmarks einfließt. Selbst der Mieterbetrieb wird einbezogen, etwa durch Förderung energieeffizienter Geräte, LED-Beleuchtung, Mülltrennung und umweltfreundliche Reinigungsmittel. Auffällig ist außerdem, dass die Verpflichtungen mehrheitlich als Bemühungspflicht formuliert sind – das zielt offenbar auf Kooperation statt auf harte einseitige Vorgaben.
Im laufenden Betrieb werden die Maßnahmen laut den Angaben auch durch messbare Kennzahlen untermauert. Der Grünstromanteil im gesamten Quartier, inklusive des Mieterverbrauchs, liegt bei 74 Prozent; in Gemeinschafts- und Leerflächen wird seit 2019 zu 100 Prozent Grünstrom bezogen. Beim Abfall werden im Jahr 2025 über 94 Prozent recycelt, entsprechend 1326 Tonnen. Eine Dehydrierungsanlage reduziert anfallende Speiseabfälle von drei auf eine Tonne und spart dadurch rund 6.000 Lkw-Kilometer sowie entsprechende CO2-Emissionen ein. Zusätzlich liefern Gründächer auf einem Viertel der Dachfläche, rund 50.000 Quadratmeter, jährlich etwa 27.000 Kubikmeter Regenwasser für Bewässerung, Seenachspeisung und Toilettenspülung. Schließlich wurde ein insektenfreundliches Lichtkonzept eingeführt, das zu einer Zunahme der Tierpopulation um 14 Prozent beigetragen haben soll.
Für die Einordnung ist wichtig, dass Quartierszertifizierung nicht nur als „Selbstzweck“ gedacht ist: Die effiziente Nutzung von Energie und Wasser kann Betriebskosten senken, während sie zugleich die Attraktivität und den Wert der Immobilien im Quartier unterstützt. Bislang war die DGNB-Quartierszertifizierung vor allem auf Neubauprojekte beschränkt. Mit dem Abschluss der Pilotphase im Jahr 2025 öffnet sich nun erstmals der Weg, Bestandsquartiere und Quartiere in Transformation zu zertifizieren – mit spezifischen Profilen für Stadtquartiere, Businessquartiere, Gewerbequartiere und Industriestandorte. Für Betreiber und Eigentümer ist das besonders relevant, weil Bestandsimmobilien in vielen Portfolios den größten Flächenanteil ausmachen und eine Zertifizierung im Betrieb häufig den Unterschied zwischen „guter Absicht“ und „nachweisbarer Umsetzung“ macht.
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