NEW ORLEANS / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach der Entfernung von fünf Wissenschaftlern auf der ADA-Jahrestagung im Juni eskaliert der Streit: Unterzeichner eines offenen Briefs boykottieren die American Diabetes Association. Sie stoppen die Prüfung eingereichter Grants und neuer Artikel für das ADA-Flaggschiff Diabetes Care. Zudem wollen sie weder an Meetings der ADA-Führung noch an der Planung von Treffen teilnehmen und weitere ADA-Aktivitäten aussetzen. Im Kern ringen sie um die Glaubwürdigkeit einer internen Untersuchung und fordern eine formale unabhängige Neubewertung.

Nach dem Juni-Vorfall auf der Jahrestagung der American Diabetes Association (ADA) hat sich aus einem regel- und kommunikationsgetriebenen Konflikt schnell eine Institutionenkrise entwickelt: Eine Gruppe um den Diabetes-Care-Editor-in-Chief Steven Kahn kündigt in einem offenen Brief einen Boykott an, der sich auf zentrale wissenschaftliche Prozessschritte auswirkt. Konkret geht es nicht nur um symbolische Distanz; die Unterzeichner wollen die Prüfung von Grants und die Begutachtung neuer Artikel, die bei der ADA-„Flaggschiff“-Zeitschrift Diabetes Care eingereicht werden, vorerst stoppen. Damit treffen sie die ADA an einer Stelle, die für Forschungsgemeinschaften unmittelbar spürbar ist: an der Schnittstelle zwischen Mitgliedschaft, Finanzierung und Publikationspipeline.
Der Boykott entsteht nach der Entfernung von fünf Wissenschaftlern von der Konferenz, nachdem sie laut ADA-Bericht „fünf Teilnehmende“ wegen Verhaltens, das die Veranstaltung störte, aus dem Programm genommen wurden. Diese Begründung bezieht sich ausdrücklich auf die Einhaltung des ADA Attendee Code of Conduct und soll nach Angaben der ADA keinen Bezug zu den Inhalten haben, die die fünf Personen während ihres Auftritts oder ihrer Verteilungstätigkeit an der Konferenz adressierten. Kahn, der zugleich Editor-in-Chief von Diabetes Care ist, beschreibt die interne Untersuchung dagegen aus einer Perspektive, die die Zustimmung zur Ergebnislage verweigert: Er interpretiert die Schlussfolgerungen so, dass die Polizei oder das Umfeld laut Untersuchung keinen Fehltritt begangen habe, und dass man keine Erlaubnis zur Materialverteilung eingeholt habe. Diese Lesart sei für ihn nicht deckungsgleich mit dem, was die Betroffenen als Problem der Situation und Kommunikation ansehen.
Technisch betrachtet ist der Kern des Streits damit auch eine Frage der Governance-Mechanik. Die ADA hatte am 1. September mitgeteilt, der Audit- und Review-Ausschuss, der dem Board berichtet, habe die Vorfälle abschließend bewertet und dabei den Entzug von fünf Teilnehmenden an den Code of Conduct geknüpft. Bereits fünf Tage später korrigierte die Organisation den Anspruch dieser ersten Mitteilung jedoch teilweise: In einer weiteren Veröffentlichung hieß es, die „initial findings“ hätten nicht die gesamte Bandbreite der Untersuchung abgebildet, weitere Fakten stünden noch aus. Für den späteren Boykott ist gerade diese Sequenz entscheidend, weil sich Unterzeichner offenbar darauf berufen, dass zeitlicher Ablauf, Aussageumfang und Zusammensetzung von Gremien (inklusive aktueller und ehemaliger ADA-Board-Mitglieder im Review-Kontext) Zweifel an der unabhängigen Bewertung nähren.
Für die beteiligten Wissenschaftler geht es deshalb nicht mehr allein um die Frage, ob Regeln eingehalten oder verletzt wurden, sondern um die Legitimation des Untersuchungsprozesses selbst. Im offenen Brief heißt es, die Unterzeichner wollten eine formale Neubewertung der „overall structure and function“ der ADA, geleitet von einer unabhängigen akademischen Führungsperson. Das Ziel formulieren sie als Sicherstellung, dass die Organisation ihre professionelle Mitgliedschaft „properly represent[s]“. Kahn sagt zugleich, er sei nicht zuversichtlich, dass die ADA den Forderungen nachkommt, und überlegt weitere Maßnahmen, die über den Boykott hinausgehen könnten. In seiner Darstellung bleibt damit ein Risiko: Wenn akademische Communities die Begutachtung und Beitragsprüfung abkoppeln, verschiebt sich die wissenschaftliche Autoritätsstruktur, weil andere Netzwerke und Gesellschaften Publikations- und Einflusskanäle übernehmen.
Historisch ist die ADA zwar tief in den Diabetes-Forschungs- und Versorgungskontext eingebettet, doch solche Konflikte zeigen, wie schnell sich Organisationskonflikte in die wissenschaftliche Infrastruktur verlagern. Kahn verweist auf seinen persönlichen Hintergrund und setzt das Thema Freiheit der wissenschaftlichen Meinungsäußerung in einen größeren Zusammenhang: Er sagt, er kenne aus Südafrika unter der Apartheid, wie es sei, wenn es keine freie Rede gebe. Auf dieser Grundlage kritisiert er, die ADA verhalte sich wie staatliche Akteure, die Entscheidungen ohne ausreichende Rücksicht auf die Menschen treffen, denen sie dienen sollen. Obwohl diese Aussagen politisch gefärbt sind, sind sie organisatorisch verwertbar, weil sie die ADA-Führungs- und Board-Ebene direkt adressieren – und nicht nur eine konkrete Regelanwendung.
Markt- und Ökosystemeffekte entstehen zudem durch die timing-nahe Wechselwirkung mit anderen Fachgesellschaften. Kahn nennt als denkbare Alternative, dass Diabetes-Expertinnen und -Experten sich von der ADA abspalten oder sich anderen Organisationen anschließen könnten, etwa der Endocrine Society oder der American Heart Association. In seinem Argument spielt auch der GLP-1-Boom eine Rolle: Wenn Aufmerksamkeit, Förderströme und klinische Studien zu dieser Wirkstoffklasse weiter zunehmen, steigt die Attraktivität von Plattformen, die Diabetes-Forschung und verwandte Indikationen inhaltlich und organisatorisch bündeln. Für die ADA bedeutet das: Der Boykott ist nicht nur ein Zwischenfall mit publizistischen Folgen, sondern könnte die Position der Organisation in einem gerade stark wachsenden Segment des medizinisch-wissenschaftlichen Wettbewerbs relativieren.
Unterm Strich wirkt die Auseinandersetzung wie ein Stresstest für die Fähigkeit der ADA, Konflikte in ihren Gremien so zu lösen, dass Vertrauen in Prüf- und Begutachtungsprozesse erhalten bleibt. Der Abzug von fünf Wissenschaftlern ist bereits ein sichtbarer Einschnitt; die Ankündigung, weitere Begutachtungsschritte auszusetzen, verschiebt aber die Last in Richtung der wissenschaftlichen Verlässlichkeit. Ob die ADA diesen Vertrauensverlust noch in der laufenden Saison abfedern kann, hängt nach Kahns Einschätzung vor allem von den executive und lay leadership-Entscheidungen ab. Für die Community bleibt die nächste Frage deshalb nicht, ob eine interne Untersuchung abgeschlossen wurde, sondern ob sie als transparent und unabhängig genug wahrgenommen wird, um die Begutachtungsgeschwindigkeit und den wissenschaftlichen Austausch wiederherzustellen.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die ADA die Lücke schließt, indem sie entweder überzeugend auf die Kritik eingeht oder ob sich die betroffenen Akteure tatsächlich breiter neu organisieren. Sollte es beim Boykott bleiben, würden sich nicht nur Begutachtungsströme verlagern, sondern auch die in Fachgemeinschaften so entscheidenden Signale: Welche Standards gelten für Kommunikation auf Konferenzen, wer entscheidet über Eskalationen, und wie wird der Umgang mit Mitgliedern in hitzigen politischen Kontexten geregelt. Gerade weil Diabetesforschung eng mit klinischen Entscheidungen verknüpft ist, kann ein solcher Vertrauensbruch langfristig die Geschwindigkeit beeinflussen, mit der neue Erkenntnisse in Leitlinien und Versorgungspraxis gelangen.
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