WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf einem Fachkongress der European Federation for ColoRectal Cancer rückte die Kombination aus Immuntherapie und modernen OP-Ansätzen in den Fokus. Die Phase-III-ATOMIC-Studie liefert für dMMR-Tumoren eine 3-Jahres-DFS-Rate von 86,3 Prozent statt 76,2 Prozent unter mFOLFOX6 allein. Gleichzeitig sorgen Nebenwirkungen in der Kombinationsgruppe für eine Abwägung in der klinischen Praxis. In Deutschland bleibt zudem die Debatte um das richtige Startalter für das Screening besonders relevant.

Wer heute über Darmkrebs spricht, landet schnell bei zwei parallelen Entwicklungen: Einerseits verbessern neue systemische Therapien messbar die Verläufe. Andererseits verändert die operative Seite zunehmend, wie schnell Patientinnen und Patienten wieder in den Alltag zurückkehren können. Auf dem Fachkongress der European Federation for ColoRectal Cancer (EFR), der vom 10. bis zum 12. September 2026 im Teaching Center der MedUni Wien stattfand, wurde genau diese Doppelstrategie betont – nicht als Hoffnungsstory, sondern mit Studienzahlen, die sich in der onkologischen Entscheidungsroutine einordnen lassen.
Technisch und klinisch besonders greifbar sind die Daten aus der ATOMIC-Studie, einer Phase III mit 721 Teilnehmenden mit reseziertem Kolonadenokarzinom im Stadium III und einer definierten genetischen Ausprägung (dMMR). Im Kern ging es um die Frage, ob die Immuntherapie den bekannten Chemotherapie-Standard mFOLFOX6 verstärken kann. Die Kombination aus Atezolizumab und mFOLFOX6 erreichte nach drei Jahren eine krankheitsfreie Überlebensrate (DFS) von 86,3 Prozent. In der Vergleichsgruppe, die nur mFOLFOX6 erhielt, lag dieser Wert bei 76,2 Prozent – ein Unterschied, der nicht nur statistische Signifikanz verspricht, sondern im Alltag vor allem die erwartete Zeit bis zum Auftreten eines erneuten Krankheitsereignisses beeinflusst.
Mit der besseren Wirksamkeit kommt allerdings die klinische Praxisfrage: Welche Belastung entsteht dafür? In der Kombinationsgruppe wurden bei 72,5 Prozent der Teilnehmenden Nebenwirkungen der Grade 3 oder 4 beobachtet. Damit verschiebt sich das Nutzen-Risiko-Profil gegenüber der alleinigen Chemotherapie, auch wenn die langfristige Wirksamkeit das Signal klarer macht. Genau hier wird der Kongressbericht anschlussfähig an die robotische Chirurgie: Wenn die systemische Therapie häufiger Nebenwirkungen auslöst, gewinnt eine Operationsstrategie an Bedeutung, die die Gesamttherapie möglichst gut verträgt – etwa durch standardisierte perioperative Abläufe, frühere Mobilisierung und eine feinere Planung der Rekonvaleszenz.
Neben den Therapien rückte auf der Veranstaltung auch die Präventions- und Risikoseite in den Mittelpunkt, weil sich die beste Behandlung nicht gegen eine zu späte Diagnose „nachrüsten“ lässt. Laut einer Analyse in der Fachzeitschrift „Gastroenterology“ wurden Daten aus 43 Studien mit insgesamt knapp 48,7 Millionen Menschen ausgewertet. Die Auswertung legt nahe, dass eine Infektion mit Helicobacter pylori mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko zusammenhängt; der Bericht nennt ein etwa 1,6-fach höheres Risiko. Als weitere Einordnung wurde genannt, dass weltweit möglicherweise rund 22 Prozent der Darmkrebsfälle mit dieser Infektion assoziiert sein könnten, während für Deutschland der Anteil mit etwa 30 Prozent der Bevölkerung veranschlagt wird.
Damit verschiebt sich auch die Diskussion um das Screening: Nicht jede Region und jedes Gesundheitssystem findet sofort denselben Kompromiss zwischen Nutzen, Belastung und statistischer Evidenz. Prof. Dr. Mehmet Ali Güleçelik verwies darauf, dass die Inzidenz von Kolorektalkarzinomen bei Personen unter 50 Jahren ansteige. In einigen Ländern sei deshalb das Screening-Alter bereits auf 45 Jahre gesenkt worden. Für Deutschland entschied der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) Ende August 2026 jedoch, das organisierte Früherkennungsprogramm vorerst nicht auf Personen unter 50 Jahren mit familiärem Risiko auszudehnen, weil die Evidenz dafür als nicht ausreichend bewertet wurde.
Die Fachgesellschaft DGVS ordnete diesen Beschluss als nachvollziehbar ein, fordert aber weiterhin eine risikoadaptierte Früherkennung. Prof. Seufferlein von der Uniklinik Ulm empfahl in diesem Zusammenhang, bei familiärem Risiko früher zu starten – konkret zehn Jahre vor dem Erkrankungsalter des jüngsten betroffenen Angehörigen. Die Message ist damit für Betroffene und Versorger praktisch: Auch wenn das organisierte Screening in Deutschland aktuell keine pauschale Ausweitung für unter 50-Jährige mit familiärem Risiko vorsieht, kann ein individueller Zeitplan sinnvoll sein, der sich am familiären Auftreten orientiert. Im gleichen Atemzug wurden internationale Modelle vorgestellt, etwa ein Zentrum in Eindhoven und Veldhoven, das jährlich über 1.000 Patientinnen und Patienten behandelt und vor Operationen Prehabilitations-Programme nutzt, um die Genesung zu beschleunigen.
Für die nächsten Wochen kündigt die Region zudem konkrete Informationsformate an, die Patientinnen und Patienten sowie medizinische Teams zusammenbringen sollen. In Köln ist am 24. September 2026 eine Fachveranstaltung mit Fokus auf Vorsorge und robotische Chirurgie geplant, ergänzt durch Beiträge von Ärztinnen und Ärzten wie Dr. Sibbing und Prof. Ströhlein. Bereits am 19. September 2026 findet in Ludwigsburg eine Aktion mit einem begehbaren Darmmodell statt; außerdem sollen immunologische Stuhltests an Personen im Alter zwischen 45 und 49 Jahren ausgegeben werden. Insgesamt zeigt sich: Während die Therapie in Richtung mehr Präzision und bessere Langzeitergebnisse läuft, entscheidet der richtige Zeitpunkt der Vorsorge oft darüber, ob diese Fortschritte überhaupt greifen können.
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