LONDON (IT BOLTWISE) – Ab 2027 ersetzt das Altersvorsorgedepot die Riester-Rente und verlagert die Altersvorsorge stärker an den Kapitalmarkt. Für das Standarddepot gelten gesetzliche Effektivkosten von maximal 1 Prozent pro Jahr, während einzelne Anbieter darunter oder darüber hinausgehen können. Die Deka zeigt im Standarddepot 0,1 Prozent Kosten für die zugrunde liegenden ETFs und demonstriert damit, wie stark die Produktwahl über Jahrzehnte wirken kann. Zugleich bringt das neue System eine ausgebauten staatliche Förderung ohne verpflichtende Beitragsgarantie.

Mit dem Start des Altersvorsorgedepots zum 1. Januar 2027 fällt eine der bisher prägenden Besonderheiten der Riester-Rente: Die staatlich geförderte Anlage entfällt künftig ohne verpflichtende Beitragsgarantie, dafür werden die Produkte stärker auf Marktmechanismen ausgerichtet. Der Gesetzgeber ersetzt Riester durch ein neues Fördersystem, dessen Kern das Altersvorsorgedepot ist. Der Bundestag beschloss die Reform am 27. März, der Bundesrat stimmte am 8. Mai zu. Für viele Haushalte ist das vor allem deshalb spürbar, weil der Anlagefokus im Standardfall deutlich stärker in Richtung Aktien- und ETF-Strukturen geht als bei klassischen Garantie-orientierten Konzepten.
Entscheidend ist dabei nicht nur die Aktienquote, sondern die Kostenlogik, die der Gesetzgeber über ein Standarddepot erzwingt. Für dieses Standardprodukt muss jeder Anbieter ein vergleichbares Angebot bereithalten, und die Effektivkosten sind gesetzlich gedeckelt: maximal ein Prozent pro Jahr. Ursprünglich sah der Entwurf 1,5 Prozent vor, kurz vor der Verabschiedung senkte der Finanzausschuss die Obergrenze. Der politische Hintergrund dahinter ist klar: Über Jahrzehnte wirken kleine Kostendifferenzen nahezu “kumulativ”, weil Gebühren dem Kapital dauerhaft entzogen werden. Dazu kommt die staatliche Förderung, die bei kleineren und mittleren Einkommen deutlich ausfällt: Für die ersten 360 Euro Eigenbeitrag gibt es 50 Cent pro eingezahltem Euro, danach für weitere Beiträge bis 1.800 Euro noch 25 Cent. Daraus ergibt sich eine maximale Grundzulage von 540 Euro pro Jahr, ergänzt um bis zu 300 Euro Kinderzulage je Kind sowie einen einmaligen Berufseinsteigerbonus von 200 Euro für unter 25-Jährige.
Wie stark Produktwahl und Kosten konkret auseinanderlaufen können, macht die Deka als bislang größter Anbieter an ihren eigenen Konditionen fest. Am 9. September veröffentlichte das Wertpapierhaus der Sparkassen die Details für das Standarddepot: Depotführung und Zulagenverwaltung bleiben dort kostenlos. Für die ETFs nennt die Deka Effektivkosten von 0,1 Prozent pro Jahr; investiert wird in einen weltweit anlegenden Aktienfonds sowie einen europäischen Rentenfonds. In der klassischen Variante fließt das Kapital zu Beginn vollständig in den Aktienfonds, die Umschichtung folgt aber einem fest definierten Zeitplan: Fünf Jahre vor dem geplanten Rentenbeginn reduziert die Deka den Aktienanteil auf 50 Prozent, zwei Jahre davor um weitere 20 Prozentpunkte. Wer statt der automatischen Zielgewichtung lieber selbst steuert, kann die Aufteilung über die Sparkassen-App zu den gleichen Konditionen anpassen.
Neben dem Standarddepot existiert bei der Deka auch ein aktiv gemanagtes Individualdepot. Hier setzt das Unternehmen auf bis zu drei Fondsbausteine, die entlang eines Lebenszyklusmodells umgeschichtet werden: In jungen Jahren ist das Modell vollständig auf Aktien ausgerichtet, später erfolgt eine schrittweise Verlagerung in Richtung Renten- und zuletzt Geldmarktfonds. Die Effektivkosten liegen je nach Vertragslaufzeit zwischen 1,0 und 1,5 Prozent pro Jahr. Der wichtige Unterschied zum Standarddepot: Der gesetzliche Kostendeckel greift ausschließlich für das Standardprodukt. Bei frei gestalteten Varianten mit individuellem Fondsmanagement ist deshalb eine Kostenhöhe oberhalb von einem Prozent möglich. Ob sich das im Ergebnis massiv auswirkt, lässt sich an einer vereinfachten Modellrechnung nachvollziehen: Bei 30 Jahren Einzahlung von monatlich 200 Euro (also 2.400 Euro pro Jahr), einer angenommenen Bruttorendite von 7 Prozent und identischen Einzahlungen von 72.000 Euro in allen Szenarien führt eine Differenz in der Kostenquote zu einem Endvermögen mit rund 54.000 Euro Abstand zwischen günstigstem und teuerstem Szenario. Zulagen, Steuern sowie Kursschwankungen werden in dieser Betrachtung bewusst ausgeklammert, damit der Kosteneffekt allein sichtbar bleibt.
Dass der Wettbewerb um günstige Konditionen bereits in der Einführungsphase anspringt, deutet auch die Preisstrategie anderer Anbieter an. Mehrere Neobroker haben in den Wochen vor dem Start eigene Konditionen angekündigt und den gesetzlichen Kostendeckel teils deutlich unterboten. Smartbroker+ etwa erstattet im Standarddepot nach eigenen Angaben die laufenden ETF-Kosten für die ersten drei Jahre vollständig, begrenzt auf ein Anlagevolumen von 25.000 Euro; ab einem späteren Zeitpunkt hängt die Erstattung weiter von einer Mindestzahl von Transaktionen im Hauptdepot ab. Wichtig ist aber: Verbindlich sind die Konditionen erst, wenn die Verträge nach dem Altersvorsorgevertrags-Zertifizierungsgesetz zertifiziert wurden; die Zertifizierung soll erst nach dem gesetzlichen Start zum 1. Januar 2027 vollständig abgeschlossen sein. Wer sich frühzeitig entscheidet, trifft daher möglicherweise nicht die endgültigen Preis- und Umsetzungsbedingungen.
Für Verbraucher ergibt sich daraus eine pragmatische Handlungslogik: Ein vorschneller Vertragsabschluss ist nicht zwingend nötig, weil die Förderung nicht nur zum Jahreswechsel relevant ist, sondern grundsätzlich das ganze Jahr über erhalten bleibt. Wer bis Ende 2027 ein Altersvorsorgedepot eröffnet, kann die volle staatliche Förderung für das jeweilige Jahr weiterhin in Anspruch nehmen. Zugleich zeigt die Informationslage, dass Aufklärung und Vergleichskompetenz noch nicht bei allen Zielgruppen angekommen sind: Eine Befragung des Verbraucherportals eines Geldratgebers ergab, dass 36 Prozent der Bevölkerung das Altersvorsorgedepot bislang kennen, während 57 Prozent noch nie davon gehört haben. Selbst unter denjenigen, die es kennen, kann sich nach der Erhebung nur ein rundes Drittel vorstellen, es künftig tatsächlich zu nutzen. Als häufige Hürde werden dabei nicht primär die erwarteten Schwankungen an den Kapitalmärkten genannt, sondern vor allem Sorge vor späteren politischen Regeländerungen und negative Erfahrungen mit der Riester-Rente.
Für die Umsetzung in der Praxis bedeutet das: Unternehmen und Beratungsstellen müssen beim Altersvorsorgedepot stärker als bisher über Kostenstrukturen und Umschichtungsmechaniken sprechen. Denn das Standarddepot ist nicht automatisch immer “das beste”, aber es schafft eine Vergleichbarkeit über den Kostendeckel und einen klar definierten Rahmen. Gleichzeitig bleibt das Feld für Anbieter mit Standardangebot und günstiger ETF-Kostenbasis besonders spannend, weil sich die langfristige Vermögenswirkung über Jahrzehnte sichtbar unterscheidet. Wer die Auswahl trifft, sollte daher nicht nur auf die Aktienquote schauen, sondern auf die konkrete Kostenformel, den Zeitplan der Umschichtung und darauf achten, ob das eigene Wunschmodell tatsächlich in den gesetzlichen Kostendeckel fällt oder als Individualdepot darüber hinausgeht. Genau diese Differenz entscheidet im Alltag am Ende nicht selten mehr als die “gefühlte” Renditeerwartung vor Kosten.
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