LONDON (IT BOLTWISE) – Anleger kaufen thematische KI-ETFs oft in der Annahme, sie würden das KI-Wachstum erst richtig „abholen“. Laut Morningstar-Analyst Dan Sotiroff ist das Thema aber bereits über breite Indexfonds stark im Markt: Große Tech-Werte treiben dort einen erheblichen Teil der Performance. Wer zusätzlich auf einen thematischen KI-ETF setzt, geht nach dieser Einordnung gleich mehrere Wetten zugleich ein, insbesondere auf die richtige Titelauswahl und auf Bewertungsniveaus. Gleichzeitig bleiben solche Fonds kleiner, teurer und volatiler als breit gestreute Strategien.

Der KI-Boom sorgt an der Börse nicht nur für Schlagzeilen rund um neue Modelle, sondern auch für eine spürbare Verschiebung in der Portfoliowahl. Thematische KI-ETFs versprechen eine fokussierte Exponierung auf die Infrastruktur und die Profiteure des Trends. Gleichzeitig zeigt die Einordnung von Dan Sotiroff von Morningstar im Podcast „Investing Insights“, dass viele Anleger dieses KI-Exposure bereits heute über breite Indexfonds mitnehmen. Der Kernpunkt: Wer einfach den S&P 500 oder einen breiten US-Gesamtmarkt hält, ist nach Sotiroff bereits „deutlich“ im KI-Thema engagiert, weil die Marktperformance in den großen Indizes zunehmend von wenigen sehr großen Technologieaktien getrieben wird.
Technisch lässt sich dieses Verhalten über die Indexmechanik erklären: In kapitalgewichteten Benchmarks bestimmen Marktkapitalisierung und Liquidität, welche Werte den stärkeren Einfluss auf die Rendite haben. Wenn sich ein Marktsegment wie KI-gebundene Halbleiter- und Plattformwerte über längere Zeit massiv aufbläht, spiegelt sich das in der Gewichtung breiter Indizes häufig schneller wider, als es Anleger bei der eigenen Portfolio-„Intention“ wahrnehmen. In der Morningstar-Perspektive werden dabei nicht nur US-Titel genannt: Große Werte an ausländischen Börsen wie SK hynix, Samsung Electronics und Taiwan Semiconductor Manufacturing sind ebenfalls eng mit dem KI-Ausbau verknüpft. Damit wird das Thema nicht auf „ein Land“ reduziert, sondern wirkt über globale Lieferketten und Rechenzentrumsinvestitionen in verschiedene regionale Indexkörbe hinein.
Interessant wird es für die Frage, was Anleger überhaupt zusätzlich kaufen, wenn sie neben dem breiten Markt noch einen thematischen KI-ETF aufsetzen. Sotiroff beschreibt das als drei parallele Wetten. Die erste betrifft die Entwicklung des KI-Themas selbst, die aus seiner Sicht inzwischen bereits weitgehend bestätigt ist. Die zweite Wette richtet sich auf die konkrete Fondszusammenstellung: Je nach Auswahlmethode können thematische ETFs sehr unterschiedliche Wertkörbe bilden und damit auch unterschiedliche Ergebnisse liefern. Die dritte und laut Sotiroff schwierigste Wette liegt in der Erwartungshaltung des Marktes: Dass die positiven Erwartungen noch nicht vollständig eingepreist sind. Gerade dieser Punkt ist schwer zu beurteilen, weil bei vielen KI-Titeln die Bewertungen bereits hoch wirken und ein großer Teil der Nachrichtenlage zum Thema längst öffentlich bekannt ist.
Die Fondscharakteristik verstärkt diesen Zielkonflikt. Sotiroff ordnet thematische KI-Fonds als kleiner, teurer und volatiler ein als breite Indexfonds. Das hat mehrere praktische Ursachen: Zum einen ist die Titelauswahl enger, dadurch steigt die Sensitivität gegenüber Stimmungsumschwüngen in einem Segment. Zum anderen sind die Verwaltungsgebühren für spezialisierte Strategien meist höher, was bei kleinen Fonds zusätzlich ins Gewicht fällt. Sotiroff verweist außerdem darauf, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Fonds über mehrere Jahre hinweg bestehen bleibt, im Vergleich zu breiter aufgesetzten Produkten geringer sein kann. In der Konsequenz zahlen Anleger nicht nur für Fokus, sondern tragen auch stärkeres Produkt- und Marktrisiko.
Für die Portfolio-Praxis stellt sich damit auch die Frage, ob ETFs überhaupt die richtige Fahrzeugform sind. Sotiroff bevorzugt Engagements über ETFs gegenüber Einzelaktien, weil ETFs Diversifikation ermöglichen und zusätzlich steuerliche Vorteile bieten können; der Preis dafür ist zwar eine Verwaltungsgebühr, aber eben nicht das Klumpenrisiko einer einzelnen Aktie. Bei aktiv verwalteten Fonds im Large-Growth-Segment fällt sein Fazit deutlich aus: Passive Strategien schneiden nach seiner Einschätzung häufig besser ab. Der Hintergrund ist weniger „Wettbewerbsneid“, sondern Geschwindigkeit und Informationsverarbeitung im Markt: Die großen und liquiden Werte des Segments stehen ohnehin täglich in den Schlagzeilen, entsprechend fließen Informationen rasch in die Kurse ein. Damit bleibt für aktive Manager schwerer, dauerhaft eine Überrendite zu erzielen, die die Kostenstruktur rechtfertigt.
Als konkrete Reihenfolge schlägt Sotiroff eine gestufte Annäherung vor. Zuerst sollten Anleger bei einem breiten Indexfonds auf den Gesamtmarkt bleiben, weil dieser ohnehin bereits stark von den größten KI-getriebenen Titeln geprägt ist. Wer die Positionierung gezielter gestalten will, kann als nächsten Schritt auf einen Indexfonds mit Fokus auf Wachstumswerte setzen, der stärker auf große Technologietitel ausgerichtet ist. Erst danach kommt aus seiner Sicht ein thematischer KI-ETF infrage, dessen größte Positionen typischerweise in Halbleiter- und Technologieunternehmen wie SK Hynix, Micron Technology, AMD, Broadcom und NVIDIA liegen. Genau dort steigt die Konzentration – entsprechend auch Kosten und Volatilität – sodass sich der „Mehrwert“ eines thematischen Fonds erst dann plausibel begründet, wenn Anleger bewusst das zusätzliche Risiko einer engeren Wette tragen wollen.
Für viele Bestandsportfolios führt diese Logik zu einer einfachen Schlussfolgerung: Wer bereits einen breiten Indexfonds mit US-Aktien hält, benötigt für die langfristige Teilhabe am KI-Thema nach Sotiroff keinen zusätzlichen thematischen Fonds. Ausschlaggebend ist seine Annahme, dass sich die Technologie im Zeitverlauf in immer mehr Branchen und Unternehmen ausbreitet. Damit könnte ein thematischer Mehrkauf zwar kurzfristig stärker fokussieren, langfristig aber teilweise nur das ersetzen, was ohnehin über breite Marktengines schrittweise in die Renditeprofile der Indizes „hineinwächst“. Für Anleger bleibt damit vor allem die Disziplin, nicht nur die Story zu bewerten, sondern konkret zu prüfen, welche Wetten sie mit dem jeweiligen Produkt tatsächlich abschließen.
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