BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Zahl der Apotheken in Deutschland ist weiter gesunken: Ende Juni gab es bundesweit 16.488 Standorte. Das sind 113 weniger als zum Jahreswechsel, nachdem im ersten Halbjahr 2025 noch 238 Apotheken verschwunden waren. Anfang Januar standen 30 Neueröffnungen 143 Schließungen gegenüber. Verband Präsident Thomas Preis warnt, das Apothekensterben habe sich zwar verlangsamt, halte aber weiter an.

Ende Juni zeigte sich in Deutschland erneut ein Schrumpfen der Versorgungslandschaft: Laut Daten der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda) sank die Zahl der Apotheken auf 16.488. Im Vergleich zum Jahreswechsel entspricht das einem Minus von 113. Bemerkenswert ist dabei weniger der Rückgang selbst als sein Tempo – denn im ersten Halbjahr 2025 waren es noch 238 Apotheken weniger, also deutlich stärkerer Druck auf Bestandsapotheken und Filialketten.
Der Blick auf die Dynamik dahinter liefert ein praktisches Bild: Seit Anfang Januar standen 30 Neueröffnungen 143 Schließungen gegenüber. Erfasst werden dabei jeweils Hauptapotheken und Filialen, von denen es pro Standort bis zu drei geben kann. In der Unternehmensrealität bedeutet das: Selbst wenn einzelne Betriebe wieder aufsperren, reicht die Anzahl der Neugründungen aktuell nicht aus, um die Schließungswelle zu kompensieren. Für viele Inhaberinnen und Inhaber ist das ein Liquiditäts- und Investitionsproblem, das sich erst mit Verzögerung in der Bilanz bemerkbar macht.
Thomas Preis, Abda-Präsident, ordnete die Lage als Verlangsamung bei gleichzeitig anhaltendem Trend ein: Das Apothekensterben habe sich zwar „etwas verlangsamt“, halte aber weiter an. Dabei nannte er eine historische Einordnung, wonach inzwischen die niedrigste Apothekenzahl seit fast fünf Jahrzehnten erreicht sei. Genau diese Kombination ist für Entscheider entscheidend: Nicht nur die absolute Zahl zählt, sondern auch, wie schnell die Versorgungsdichte abnimmt und welche regionalspezifischen Lücken daraus entstehen können.
Ein zentraler Hebel ist die Vergütung. Zum 1. Juli wird ein Fix-Bestandteil der Apotheken-Vergütung für rezeptpflichtige Medikamente von 8,35 Euro pro Packung auf 9,00 Euro erhöht. Zum 1. Januar 2027 soll eine weitere Anhebung auf 9,50 Euro folgen. Solche Stufenanpassungen sollen die betriebswirtschaftliche Stabilität verbessern – etwa bei Personal- und Energiekosten sowie bei den laufenden Prozesskosten rund um Lagerhaltung, Beratung und Qualitätsmanagement. Gleichzeitig macht die Debatte deutlich, warum die Branche die Wirkung nicht automatisch als ausreichen betrachtet: Eine Erhöhung kann kurzfristig helfen, aber wenn parallel Kostensteigerungen oder strukturelle Erlösdruck-Faktoren weiterlaufen, kippt die Wirkung schnell zurück.
Der politische Rahmen sieht zudem Maßnahmen vor, die über reines Honorar hinausgehen. Ein Sparpaket zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge, das Ausgabenbremsen im gesamten Gesundheitswesen enthält, bezieht nach den Angaben der Quelle auch die Apotheken mit ein. Zugleich sollen Apotheken nach einem Gesetz aus dem Umfeld der schwarz-roten Koalition künftig mehr Leistungen anbieten können – etwa Impfungen, Vorsorge und Tests. Das verschiebt das Geschäftsmodell potenziell in Richtung stärkerer Versorgungs- und Serviceanteile, die nicht nur um Packungsumsätze kreisen. Preis betonte, die Apothekerinnen und Apotheker seien bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen – dafür brauche es allerdings stabile Rahmenbedingungen und eine faire Dynamisierung des Honorars, um künftige Kostensteigerungen abzufedern.
Damit rückt auch die Frage nach der tatsächlichen Auswirkung auf die Schließungszahlen in den Fokus. Der Verband sieht die Gefahr, dass der Honorar-Nachholeffekt zum „Strohfeuer“ werden könnte, falls er nicht die strukturellen Engpässe trifft. Genau hier ist die zeitliche Logik der Stufenanpassung relevant: Von Juli 2026 bis Januar 2027 ist der Zeitraum zwar kurz genug, um erste Effekte zu spüren, aber lang genug, dass Investitionsentscheidungen, Einstellungspläne und Umbauten in der Regel nicht vollständig „durchbezahlt“ werden. Ob der Effekt reicht, um das Apothekensterben aufzuhalten, wird sich laut Preis erst noch zeigen müssen.
Auf Branchenebene wird das Thema unmittelbar weiterverhandelt: Der Deutsche Apothekertag startet an diesem Dienstag in München. Zur Eröffnung wird der neue Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) erwartet, und am Montag soll die Branche in einer Pressekonferenz über die Lage informieren. Für die Praxis ist das mehr als ein Termin im Kalender: Solche Konferenzen wirken als Verdichtungsort für politische Botschaften, Verbandsforderungen und konkrete Umsetzungsdetails. Wenn die Vergütungslogik und die Erweiterung von Leistungsangeboten zusammen gedacht werden, entscheidet sich daran, ob Apotheken als wohnortnahe Gesundheitsstation wieder nachhaltig planen können – oder ob der strukturelle Rückgang weiter überwiegt.
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