BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Am Gipsdreieck im Scheunenviertel treffen sich am frühen Abend auffällig viele Gründer, Investoren und Berater zu Drinks, Gesprächen und Deals im informellen Rahmen. Der Skaterpark und die Gastro-Meile rund um das Contadino wirken dabei wie ein sozialer Knotenpunkt, der „Business“ und „Kiez“ zugleich mischt. In der Startup-Szene kursiert sogar die Idee, für das eigene Raising gezielt dort Zeit zu verbringen. Gleichzeitig zeigt der Alltagsverkehr mit Touristen, Lieferdiensten und Pendlerinnen, dass das Dreieck für viele vor allem Heimweg bleibt.

Warum das Gipsdreieck in Berlin zum VC-Spot für Gründer wird
Warum das Gipsdreieck in Berlin zum VC-Spot für Gründer wird (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Berliner Mitte wirkt eine unscheinbare Straßenecke wie ein Magnet: das Gipsdreieck, genauer der Bereich rund um den Skaterpark und das Contadino im Umfeld der Tonnen. Auf einem Donnerstag gegen halb sieben füllt sich die Terrasse, und mit jedem neuen Tisch entsteht ein zweites, leiseres Setting neben dem Sommerbetrieb der Stadt. Draußen suchen Touristen den Weg zurück Richtung Alexanderplatz, Lieferfahrer schlängeln sich auf E-Bikes durch die Menge, und eine ältere Frau balanciert gestresst ihren Einkauf über eine volle Gastfläche. Für die Startup-Szene dagegen ist genau dieses Nebeneinander der Grund, warum hier Networking nicht nach Terminplan klingt, sondern wie ein natürlicher Treffpunkt.

Technisch lässt sich das nicht erklären, aber sozial funktioniert es wie eine Schnittstelle: Statt konzentrierter Pitch-Events entsteht an einem festen Ort ein wiederkehrendes Zeitfenster, in dem Menschen „zufällig“ aufeinandertreffen. Der Punkt ist dabei nicht nur die Adresse, sondern die Laufweite zu mehreren VC-Büros in der Umgebung, unter anderem von Cherry Ventures, Antler und anderen, die in dieser Bubble regelmäßig präsent sind. Die Nähe zur sogenannten „Sand Hill Road“-Idee Berlins wird im Szenejargon gern bemüht, doch die entscheidende Abweichung ist der Alltagsschwerpunkt: Man sitzt nicht zwischen Vorstandssuiten, sondern an einem Platz mit Kopfsteinpflaster-Vibe, Graffiti, Skatern und dem Geräuschpegel einer echten Kiezumgebung. Genau diese Reibung zwischen „normaler Stadt“ und Startup-Welt sorgt dafür, dass Gespräche nicht sofort in Buzzwords abbiegen.

Das lässt sich auch in echten Worten nachzeichnen. Delivery-Hero-Gründer Nikita Fahrenholz beschreibt im Podcast „Royal GS“ sinngemäß, dass man für ein Raising in sonnigem, warmem Wetter einfach Zeit am Gipsdreieck beim „Glas Vino“ verbringen solle; auch in der Milchbar würden seiner Darstellung nach viele Investoren abhängen. Die Szene nimmt damit einen Ort als wiederholbares Muster: Wer hier auftaucht, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich Kontakte nicht erst nach wochenlanger Planung ergeben, sondern während des ersten Glases, zwischen dem Austausch über Pläne und dem beiläufigen Prüfen, ob die Chemie passt. Selbst die Kleidung erzählt etwas von dieser Vermischung. Hornbrillen, Sonnenbrillen, weiße Leinenhosen und Retro-Sneakers dominieren, aber es bleibt nicht bei einem einheitlichen „VC-Hustler“-Schema; alternative Outfits mit Punkband-Referenzen, Tattoos und Birkenstocks tauchen ebenfalls auf.

Dass hier nicht nur Business läuft, zeigen die Gespräche am Rand der Tische. Am Nebentisch geht es etwa darum, ob man für ein Rüstungsstartup wie Helsing arbeiten könnte, ohne sich „in unmoralisches Terrain“ zu begeben; später wechselt die Stimmung in Richtung Karrierepläne, Rollenwechsel und der Frage, wie nah man an der Entstehung eines Unternehmens sein will. Interessant ist dabei weniger die konkrete Firmennotiz als die Haltung: Viele sagen nicht laut „Geld ist der Hauptgrund“, sondern betonen eher die Bedeutung von Arbeit als Selbstverwirklichung und die Attraktivität von Unsicherheit, weil die nächste Woche noch offen ist. Gleichzeitig taucht die erwartbare Distanz zum VC-Klischee auf: Ein Sitznachbar arbeitet nach eigener Aussage als Berater für die Suche nach VC-Kontakten, wird aber als „zu früh“ am Abend an der Schreibtischlogik erkannt – und die Diskrepanz bleibt stehen wie eine kleine Szene für sich.

Auch auf Investorenseite wird die Funktion des Ortes deutlich, wenn auch in unterschiedlichen Tonlagen. Christoph Klink, Partner bei Antler, ordnet das Gipsdreieck als Ort für Freizeit und Business ein, nennt es eine der schönsten Straßen Berlins und hebt hervor, dass es dort nicht so trubelig und verkehrsreich sei wie am Rosenthaler Platz. Franziska Oschmann von Speedinvest betont besonders die Mischung aus Business und Privatleben: „Was ich besonders mag: Business und Privates vermischen sich hier total natürlich.“ Victor Huerbe von Cherry Ventures wiederum bringt es auf den Punkt, wenn er beschreibt, dass in Berlin alles im Wandel ist und das Kiezgefühl – spätestens seit Corona und mit dem Aufkommen von Smartphones – drohte, an spontaner Begegnung zu verlieren. Das Gipsdreieck ist in dieser Sicht eine der wenigen Stellen, an denen man „andere“ Menschen weiterhin ganz selbstverständlich treffen kann.

Die strukturelle Erklärung dahinter ist zugleich simpel und bemerkenswert: Der Ort ist beliebt, weil er immer wieder Möglichkeiten zum Verweilen schafft. Milch Halle, Contadino und Hackbarth’s gelten als zentrale Stationen rund um das Dreieck, die zeitlich oft wie in einer kleinen Tour funktionieren – zuerst Kaffee, dann italienisch, danach Kneipe. Die Topografie unterstützt die Dramaturgie. Die Hypotenuse des Dreiecks entlang der Gipsstraße ist rund 100 Meter lang, die Seiten bilden Joachim- und Auguststraße; damit gibt es mehrere Blickachsen und Übergänge, in denen Gruppen entstehen und sich auflösen können, ohne dass jemand „die Runde“ offiziell moderiert. Dazu kommt ein praktischer Effekt: Noch sitzen viele Gäste draußen, und die Ruhezeit wird zwar ab etwa 22 Uhr eingefordert, aber selbst dann ziehen sich Gespräche an die Skateranlage im Park aus. Eine niedrige Mauer dient dabei als Sitzkante – und genau solche Mikro-Infrastrukturen entscheiden im Alltag darüber, ob ein Treffpunkt nur „dabei“ ist oder tatsächlich das Zentrum des Abends wird.

Am Ende bleibt trotzdem die Gegenperspektive, die verhindert, dass die Startup-Szene sich selbst zu sehr romantisiert. Für manche ist das Gipsdreieck kein Ort für Networking, sondern schlicht Heimweg nach einem Arbeitstag. Und genau diese Koexistenz – VC-Brille neben Lieferfahrer, Gründerpläne neben Touristenstaus – macht den Reiz wahrscheinlich aus. Berlin produziert hier nicht nur Events, sondern eine dauerhafte Kontaktlogik: Dort, wo sich unterschiedliche soziale Welten nicht vollständig entkoppeln, entstehen Gespräche, die weniger wie „Dealmaking“ und mehr wie Fortsetzung eines Abends wirken. Ob man das als Businessstrategie betrachtet oder als Kiezkultur beschreibt, ändert am Effekt wenig: Die nächste Begegnung ist nicht angekündigt, aber sie ist wahrscheinlicher geworden.


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