PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Versicherer AXA will seinen Gewinn in den kommenden Jahren stärker als zuletzt geplant erhöhen. Konzernchef Thomas Buberl setzt dabei auch auf Künstliche Intelligenz, um die Verwaltungskosten deutlich zu senken. Im Fokus stehen außerdem mehr Abschlüsse im Direktvertrieb sowie der Ausbau von Spar- und Altersvorsorgeprodukten. An der Börse kam die Strategie zunächst bei Anlegern weniger gut an.

AXA will die bisherige Ergebnisplanung spürbar straffen und stellt dafür den Kostendruck an die Spitze seiner nächsten Unternehmensphase. Der französische Versicherer kündigte auf einer Investorenveranstaltung in Paris an, dass die Verwaltungskosten durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz stärker sinken sollen als zuvor gedacht. Parallel soll das Wachstum über breitere Vertriebskanäle und vor allem über mehr Verträge im Direktvertrieb forciert werden. Für das Management zählt dabei nicht primär der Blick auf potenzielle Übernahmen, sondern die Umverteilung der Profitabilität hin zu höheren Ausschüttungen.
Finanziell konkretisiert AXA seine Agenda mit einer klaren Zielkurve: Der bereinigte Gewinn je Aktie soll von 2026 bis 2029 im Jahresschnitt um sieben bis neun Prozent wachsen. Damit liegt die Zielspanne laut Management jeweils um einen Prozentpunkt über dem bisherigen Mittelfristplan. Für das laufende Jahr peilt Konzernchef Thomas Buberl einen bereinigten Überschuss von rund 8,6 Milliarden Euro an; bis 2029 soll daraus mehr als zehn Milliarden Euro werden, wie der AXA-Finanzchef Alban de Mailly Nesle erklärte. Die Strategie ist damit nicht als „one-off“-Maßnahme angelegt, sondern als mehrjähriger Hebel gedacht, der sich sowohl auf das Ergebnis als auch auf die Ausschüttungsfähigkeit auswirkt.
Technisch betrachtet ist der KI-Ansatz vor allem als Kostentransformationsprojekt zu verstehen, nicht als reines Marketing-Thema. Wenn AXA „den Einsatz Künstlicher Intelligenz auf allen Ebenen“ nennt und finanzielle Vorteile von 500 bis 700 Millionen Euro bis 2029 in Aussicht stellt, deutet das typischerweise auf eine breite Automatisierung im Betrieb hin: von datengetriebener Bearbeitung über effizientere Prozesse in der Vertragsverwaltung bis zu Assistenzsystemen für Vertrieb und Kundenservice. Wichtig ist dabei die Verbindung zur Kostenquote: Das Unternehmen will, dass Verwaltungs- und Vertriebskosten einen geringeren Teil der Einnahmen aufzehren. In Versicherungsorganisationen ist genau diese Stellgröße oft ein Engpass, weil Entscheidungen, Dokumente und Fallbearbeitung häufig fragmentiert sind und sich Prozessvarianten im Alltag häufen.
Der zweite große Hebel liegt im Geschäftsmodell. AXA plant, das Geschäft mit Sparprodukten und Altersvorsorge auszubauen und gleichzeitig mehr Verträge im Direktvertrieb zu verkaufen. Ergänzend sollen erschwingliche Versicherungsprodukte für „ärmere Verbraucher“ in Europa adressiert werden; in Schwellenländern will AXA Kunden in der wachsenden Mittelschicht gewinnen. Diese Mischung hat eine praktische Folge: Während der Ausbau in der Lebensversicherung planbares Potenzial für Volumen und Bestandsentwicklung bietet, beeinflusst eine stärkere Direktvertriebsquote die Kostenstruktur, weil zwischen Kunde und Abschluss weniger externe Schnittstellen liegen. Damit kann die Rendite auf das Eigenkapital stabiler gesteuert werden, was AXA auch als Ziel nennt.
Auch die Kapitalallokation bleibt Teil des Versprechens: AXA will in der Zeit bis 2029 weiterhin 75 Prozent des Gewinns in Dividenden und den Rückkauf eigener Aktien stecken. Parallel soll die bereinigte Rendite auf das Eigenkapital von 2027 bis 2029 im Durchschnitt auf 15 bis 17 Prozent steigen. Am Zielkorridor wird deutlich, dass das Management nicht nur an der Spitze der operativen Kennzahlen drehen will, sondern die Wirkung in eine kennzahlenbasierte Ausschüttungslogik übersetzen möchte. Damit richtet sich die Erwartung auch an die Anlegersicht: Wer bereits Dividenden- und Buyback-Politik verfolgt, prüft besonders, ob KI-bedingte Kostenvorteile zuverlässig in Cashflows und in die Renditekennziffern münden.
Marktseitig wurde die neue Planung dennoch zunächst nicht mit breiter Begeisterung belohnt. Die AXA-Aktie verlor am Vormittag rund ein Prozent und lag damit im Mittelfeld des Eurozonen-Index EuroStoxx 50; gegenüber dem Jahreswechsel wurde sie zudem noch rund sechs Prozent teurer gehandelt. Branchenexperte Farooq Hanif von der US-Bank JPMorgan zeigte sich den neuen Zielen gegenüber laut Bericht kaum überrascht, da das höhere Gewinnsteigerungstempo mit seiner Erwartung übereinstimme. Für Anleger bedeutet das: Nicht die Richtung der Strategie stand im Zweifel, sondern eher die Zeithorizonte, die Umsetzungsrisiken und die Frage, wie schnell sich KI-gestützte Effizienzgewinne in der Praxis realisieren lassen.
Für Unternehmen mit ähnlichen Geschäftsmodellen lässt sich aus AXAs Ansatz vor allem eine Umsetzungserwartung ableiten: KI wird in der Versicherungswelt dann strategisch, wenn sie mit Prozesskennzahlen verknüpft ist und nicht bei Pilotprojekten endet. Die Kombination aus Kostenzielen (500 bis 700 Millionen Euro Vorteil bis 2029), Vertriebsfokus (Direktvertrieb, Spar- und Altersvorsorge) und Ausschüttungsquote (75 Prozent) schafft einen Leistungsrahmen, an dem Fortschritt messbar wird. Entscheidend wird zudem, wie AXA die Lebensversicherung als Wachstumsfeld priorisiert und ob die KI-Integration in den Kernprozessen tatsächlich die Kostenquote spürbar entlastet. Wenn die Kennziffern wie geplant anziehen, würde das den Spielraum für Dividenden und Aktienrückkäufe weiter erhöhen; wenn nicht, dürften Märkte sehr schnell nach der Durchsetzungsgeschwindigkeit der KI-Programme verlangen.
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