TERUEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Aus Ostspanien stammt ein ungewöhnlich gut erhaltener Diplodocus-Fund aus dem späten Jura. 14 Schwanzwirbel und mehrere Chevronknochen werden anatomisch und per zwei phylogenetischen Methoden der Gattung Diplodocus zugeordnet. Damit reicht das sicher belegte Verbreitungsgebiet erstmals von Nordamerika bis auf die Iberische Halbinsel. Die Forscher sehen darin einen Hinweis auf Faunenaustausch über den früh geöffneten Atlantik, nicht nur lokale Verwirrungen im Fossilbericht.

Diplodocus-Fund aus Spanien: Nachweis einer Nordamerika-Europa-Verbindung
Diplodocus-Fund aus Spanien: Nachweis einer Nordamerika-Europa-Verbindung (Foto: IT BOLTWISE)
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Bislang galt Diplodocus in der Paläontologie als eine Dinosauriergattung, deren eindeutig zuordenbare Fossilien praktisch ausschließlich aus Nordamerika bekannt waren. Gerade weil Diplodociden in Europa schon als verwandte Linien auftauchten, fehlte lange der belastbare Gattungsnachweis für genau diese ikonische Artengruppe. Der neue Befund aus dem Fossilfundort La Tejería bei El Castellar in der ostspanischen Provinz Teruel verschiebt diese Einordnung spürbar: 14 außergewöhnlich gut erhaltene Schwanzwirbel und mehrere Chevronknochen, die an der Unterseite des Schwanzes saßen, liefern erstmals eine zusammenhängende Serie, die mehr als nur ein isoliertes Indiz ist.

Im Kern entscheidet sich die Zuordnung nicht an einem einzelnen Merkmal, sondern an der Kombination mehrerer anatomischer Signaturen. Das Team der Fundación Conjunto Paleontológico de Teruel-Dinópolis hat die Wirbel und Chevronknochen mit anderen Sauropoden verglichen und dabei sowohl die Formdetails der Knochen als auch ihre Einordnung in Evolutionsanalysen geprüft. Auffällig sind unter anderem große luftgefüllte Hohlräume in den Wirbeln, tiefe Längsfurchen auf der Unterseite sowie gegabelte Chevronknochen mit charakteristischen Vertiefungen. Zusätzlich spielen die langgestreckten Wirbelkörper ohne seitliche Leisten eine Rolle. Erst diese Mischung grenze den Fund, so die Interpretation der Forschenden, verlässlich gegen andere Sauropoden ab, bei denen einzelne Merkmale zwar ähnlich wirken können.

Um die Gattungsebene abzusichern, liefen zwei voneinander unabhängige phylogenetische Auswertungswege: eine Analyse nach dem Prinzip der maximalen Parsimonie und eine mit einem bayesschen Verfahren. Beide Methoden ordnen das spanische Fossil innerhalb von Diplodocus ein und sehen den Fund als nahen Verwandten von Diplodocus hallorum, einer aus Nordamerika bekannten Art. Dass unterschiedliche mathematische Entscheidungslogiken zum gleichen Ergebnis führen, wirkt dabei wie ein Stabilitätscheck für die Hypothese: Die Zuordnung hängt damit nicht nur an einer einzigen Modellannahme oder Rechenstrategie. Bei solchen Datensätzen, in denen oft fragmentarisches Material die Auswahl der Merkmale begrenzt, ist genau diese methodische Übereinstimmung ein entscheidender Punkt.

Mit dem Alter des Materials – rund 150 Millionen Jahre, also aus dem späten Jura – lässt sich auch die biogeografische Bedeutung schärfer fassen. Der Fund erweitert das sicher belegte Verbreitungsgebiet von Diplodocus damit erstmals über Nordamerika hinaus bis zur Iberischen Halbinsel. Das ist mehr als eine reine Kartierung: In Europa wurden zwar bereits Fossilien anderer Diplodociden gefunden, doch ein Nachweis der Gattung selbst fehlte bisher. Der neue Befund schließt damit eine Lücke, die für die Rekonstruktion der damaligen Dinosaurierfaunen zentral ist, weil sie Fragen nach Verwandtschaft, Ausbreitungsrouten und regionaler Isolation beantwortet.

Die Forschenden leiten daraus auch eine ökologische und geologische Erzählung ab, die an den Proto-Atlantik anknüpft. Im späten Jura hatte sich zwischen Nordamerika und den heutigen Kontinenten bereits der Proto-Atlantik geöffnet, doch die Tierwelt war offenbar nicht vollständig voneinander getrennt. In der Studie wird als mögliche Erklärung diskutiert, dass zeitweise sinkende Meeresspiegel zeitliche Landverbindungen entstehen ließen. Über solche Korridore hätten großwüchsige Landtiere während bestimmter Phasen wandern können, ohne dass eine einzelne, fest definierte „Wanderroute“ im engeren Sinn nachgewiesen werden muss. Der spanische Diplodocus liefert somit einen paläontologischen Anhaltspunkt für Faunenaustausch – weniger ein Routenplan als vielmehr ein belastbarer Hinweis auf Durchlässigkeit.

Auch die Größenordnung macht den Fund für das Fachpublikum greifbar: Aus dem erhaltenen Teil des Skeletts lässt sich die Gesamtlänge nur abschätzen, Koautor Alberto Cobos nennt jedoch etwa 25 Meter. Das entspricht einer Größenordnung, die auch zu nordamerikanischen Diplodocus-Funden passt. Trotz des fragmentarischen Charakters zählt der Fund nach Angaben der Forschenden zu den vollständigsten bekannten Skelettfunden eines Diplodociden in Europa. Gerade das unterstreicht zugleich ein zweites Problem: Der europäische Fossilbericht dieser Gruppe ist offenbar lückenhaft. Werden solche Fundserien häufiger entdeckt, wird sich nicht nur die Verbreitung von Diplodocus präzisieren, sondern auch die Frage, wie gut oder schlecht wir die tatsächliche Diversität im Jura bisher abbilden.

Die Knochen werden im Museo Aragonés de Paleontología bei Dinópolis in Teruel aufbewahrt und vor Ort ausgestellt. Wissenschaftlich entscheidend bleibt jedoch ihre systematische und biogeografische Aussagekraft: Die Wirbel liefern einen belastbaren Gattungsnachweis von Diplodocus außerhalb Nordamerikas und stützen damit die Vorstellung, dass Dinosaurierfaunen auf beiden Seiten des frühren Atlantiks im späten Jura stärker verknüpft waren als der bisherige Fossilbericht vermuten ließ. Für die weitere Forschung bedeutet das vor allem eins: Wenn Europa schon jetzt einen klaren Diplodocus-Beleg liefert, lohnt sich der Blick auf weitere Fundhorizonte entlang vergleichbarer Zeitfenster besonders, weil dort bisher möglicherweise „versteckte“ Verwandtschaften auf eine genauere Diagnose warten.


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