LONDON (IT BOLTWISE) – Die BGW baut ihr Lernangebot „Take Care“ für die Pflegeausbildung aus und ergänzt ein Modul zur Gewalt- und Belästigungsvorbeugung. Im Zentrum stehen Deeskalationstechniken für akute Konfliktsituationen sowie klare Meldewege, damit Vorfälle als versicherungsrelevante Ereignisse erfasst werden. Auszubildende sollen früher Handlungssicherheit gewinnen und nicht erst nach belastenden Vorfällen unterstützt werden. Die Materialien werden kostenfrei bereitgestellt und sollen Lehrkräfte sowie Praxisanleitende direkt in ihre Konzepte integrieren.

Gewalt und Belästigung gehören im Pflegealltag zu den gravierenden Belastungen, weil sie oft in Momenten auftreten, in denen Zeitdruck, Personalmangel und emotionale Zuspitzungen zusammenkommen. Genau deshalb erweitert die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) ihr bestehendes Lernangebot „Take Care“ für die Pflegeausbildung um ein neues, spezielles Modul. Wie aus einem Bericht vom 15. September 2026 hervorgeht, zielt die Ergänzung auf eine systematische Vorbereitung von Nachwuchskräften auf Konfliktsituationen in der beruflichen Praxis.
Der Hintergrund ist aus Sicht der BGW eindeutig: Auszubildende in Pflegeberufen treffen im Arbeitsalltag häufig unvorbereitet auf verbale oder körperliche Grenzüberschreitungen. Die Ursache liegt dabei selten nur in „Einzelfällen“, sondern in einem Bündel aus fehlender Routine, Unsicherheiten im Umgang mit psychisch veränderten oder aggressiven Personen und auch in hierarchischen Strukturen im Betrieb. Wenn Auszubildende Gefahrensituationen zu spät erkennen oder sich schwer tun, Grenzen angemessen zu setzen, verschiebt sich die Eskalationskurve häufig nach hinten – und damit in den Bereich, in dem schon körperlicher oder psychischer Schaden entstanden sein kann.
Das neue Modul adressiert diese Lücke bewusst früh in der Ausbildung. Statt erst dann anzusetzen, wenn belastende Vorfälle bereits passiert sind, soll das Lernmaterial vor dem Eintritt in kritische Praxissituationen für Gefährdungen sensibilisieren und konkrete Schutzmechanismen vermitteln. Inhaltlich wird dazu an zwei Hebeln gedreht: erstens an der Deeskalation im Vorfeld, zweitens am formellen Umgang mit Ereignissen, sobald sich Konflikte tatsächlich realisieren. Damit verbindet das Konzept psychologische Handlungsfähigkeit mit organisatorischer Absicherung – ein Ansatz, der in der Praxis oft auseinanderfällt, obwohl beides zusammengehört.
Im Deeskalationsteil vermittelt „Take Care“ nach den Angaben der BGW Methoden, um angespannte Situationen zu beruhigen und ein Aufschaukeln zu verhindern. Entscheidend ist dabei nicht die Vorstellung, Konflikte ließen sich immer „wegreden“, sondern die Fähigkeit, in Stressmomenten strukturiert zu reagieren: Körpersprache, Gesprächsführung und das richtige Timing sollen so funktionieren, dass Pflegebedürftige sowie Angehörige nicht weiter in eine Konfrontationsdynamik rutschen. Parallel dazu wird betont, dass eine professionelle Konfliktbewältigung auch rechtliche Rahmenbedingungen und Meldeketten umfasst, damit im Ernstfall klar bleibt, wer was wann dokumentiert und welche Schritte einzuleiten sind.
Der zweite Schwerpunkt verlagert den Fokus auf die versicherungsrechtliche und bürokratische Absicherung. Ein zentraler Baustein ist dabei die Meldung von Gewaltereignissen als Arbeitsunfall. Gerade dieser Punkt ist aus Ausbildungs- und Präventionssicht besonders relevant, weil viele Vorfälle in der Praxis undokumentiert bleiben. Wenn Grenzverletzungen nicht erfasst werden, fehlen später belastbare Angaben für die Inanspruchnahme von Unterstützungsleistungen – etwa bei psychischen Folgeschäden. Das Modul versucht daher, die richtige Sprache für Meldungen und die korrekten Wege in den Ablauf von Ausbildung und Betrieb zu integrieren, sodass Auszubildende ihre Rechte kennen und Übergriffe als versicherungsrelevante Ereignisse verstehen.
Damit die Umsetzung im Unterricht und in den Praxiseinsätzen gelingt, stellt die BGW die Materialien kostenfrei und ohne vorherige Registrierung bereit. Zielgruppe sind ausdrücklich Lehrkräfte an Pflegeschulen sowie Praxisanleitende, die den praktischen Teil der generalistischen Pflegeausbildung begleiten. Der barrierefreie Zugang soll dabei nicht nur die reine Wissensvermittlung erleichtern, sondern auch die Integration in bestehende Lehrpläne und betriebliche Anleitungsformate. Für Einrichtungen bedeutet das vor allem: Prävention wird weniger zum Zusatzprojekt und mehr zu einem Baustein, der sich in vorhandene Schulungsrhythmen einpassen lässt – einschließlich der Frage, wie neue Auszubildende von Anfang an lernen, Konflikte frühzeitig zu adressieren.
Inhaltlich fügt sich das Gewaltpräventionsmodul in ein breiteres Präventionskonzept der BGW ein, das mehrere Gesundheitsschutz-Dimensionen in der Pflege zusammenführt. Dazu gehören etwa ergonomisches Arbeiten zur Entlastung des Bewegungsapparats, Strategien zur Stressprävention gegen psychische Erschöpfung sowie Maßnahmen zur Hautgesundheit. Gerade bei den letzten beiden Themen wird deutlich, warum die Erweiterung zeitlich und inhaltlich gut passt: Stress und emotionale Belastung wirken häufig gemeinsam mit Konfliktereignissen, und intensive Desinfektions- sowie Reinigungsroutinen erhöhen die Anforderungen an den Hautschutz. „Take Care“ wird damit zu einem modularen Trainingsrahmen, der den betrieblichen Gesundheitsschutz bereits ab Beginn der beruflichen Laufbahn ausbaut.
Aus Markt- und Umsetzungslogik betrachtet ist das Signal vor allem für Pflegeeinrichtungen und Träger relevant, die Präventionsarbeit systematisch in Ausbildung, Dienstplanung und Dokumentationsprozesse übersetzen wollen. Ein kostenloses Modul allein löst noch keine Probleme, aber es senkt die Hürde für standardisierte Schulungsinhalte und schafft eine gemeinsame Grundlage zwischen Pflegeschule und Praxisanleitung. Für die nächsten Schritte liegt der praktische Nutzen damit weniger im „neuen Kurs“, sondern in der Frage, ob Betriebe Deeskalationskompetenz und Meldewege tatsächlich als durchgängige Routine etablieren – einschließlich der konsequenten Erfassung von Vorfällen, sobald sie auftreten. Genau dort entscheidet sich, ob Prävention in der Ausbildung später im Alltag messbar Wirkung entfaltet.
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