LONDON (IT BOLTWISE) – Chinesische Militärfachautoren sehen in den „Marine Stand-In Forces“ (SIF) eine wachsende Bedrohung für Chinas Seezugänge im westpazifischen Raum. Sie argumentieren, dass das USMC seine SIF-Logik und den operativen Einsatz so verfeinere, dass Chinas seeseitige Handlungsfreiheit sinke. Im Fokus steht dabei auch der Einsatz von marschflugkörperähnlichen Fähigkeiten, unbemannten Unterwasserfahrzeugen und der Kampf gegen die gegnerische Unterwasseraufklärung. Gleichzeitig leiten die Autoren Gegenmaßnahmen ab, darunter der Ausbau vorwärtsgerichteter Unterseefähigkeiten und Angriffe auf Befehlsketten im Cyber- und elektromagnetischen Raum.

Die „Marine Stand-In Forces“ (SIF) sind weniger ein einzelnes Waffensystem als vielmehr ein Konzept zur Abschreckung und Behinderung im Inselraum. Hintergrund ist das „Force Design 2030“-Programm des US Marine Corps, das seit 2020 die klassische, stark mechanisierte Marine-Doktrin der großen Frühphasen-Konflikte hinterfragt. Statt großer, schwerer Verbände setzt das Programm auf eine leichtere Infanterie-Struktur mit kleinen, schwer auffindbaren Marine-Teams, die von pazifischen Inseln aus operieren sollen. Der operative Kern: Sensoren und konventionelle Marschflugkörper- beziehungsweise Raketenfähigkeiten sollen gegnerische Seewege erschweren, während gleichzeitig Aufklärungs- und Zielinformationen für US Navy- und Luftoperationen bereitgestellt werden.
Genau an diesem Punkt setzt die chinesische Kritik an. In einer 2023 verfassten, in eine englische Übersetzung übertragenen Analyse, die im Rahmen einer Übersetzungssammlung am U.S. Naval War College verfügbar gemacht wurde, wird argumentiert, dass die kontinuierliche Ausgestaltung des SIF-Ansatzes die „landbasierten Vorteile“ im Bereich der Seeverweigerung (sea denial) erodieren könne. Dabei geht es nicht nur um das generelle Abschreckungsnarrativ, sondern um konkrete Wirkpfade: Wenn Inselkettenblockaden durch die schnellere Einleitung von Operationen schwerer zu durchbrechen seien, geraten die gegnerischen Ressourcen in eine Art zügigen Abnutzungsprozess. Die Autoren sehen zudem, dass sich dadurch das Einsatzumfeld insgesamt „kompliziere“ – ein Begriff, der in solchen sicherheitspolitischen Texten häufig für wachsende Unsicherheit in Planung und Bedarf an zusätzlicher Aufklärung steht.
Besonders deutlich wird die Stoßrichtung im Unterwasserbereich. Die Analyse beschreibt SIF-Einheiten als potenzielle Träger nicht nur von Raketen, sondern auch von unbemannten Unterwasserfahrzeugen. In Krisen und im bewaffneten Konflikt könne es demnach zu großvolumigen UUV-Einsätzen kommen oder – alternativ – zu U-Boot-gestützten Starts kleiner UUVs, die nahe an die eigenen Schifffahrtsrouten herangeführt und dort länger „liegen“ könnten. Das ist sicherheitspraktisch relevant, weil solche Systeme weniger eine punktuelle Störung als vielmehr eine verlängerte Such-, Überwachungs- und Bedrohungsdomäne erzeugen: Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass jede Unterwasserbewegung unter Beobachtung steht und dass Kräfte für Gegenmaßnahmen gebunden werden. Die Autoren formulieren dabei sogar die Erwartung, dass UUVs zum Hinterhalt oder für „Suicide Attacks“ gegen Unterwasserkräfte und große Schiffe eingesetzt werden könnten – also nicht nur zur passiven Abdeckung, sondern zur gezielten Eskalation.
Die Gegenstrategie, die aus Sicht der chinesischen Autoren daraus folgt, ist entsprechend mehrschichtig. Erstens plädieren sie dafür, die SIF-Einheiten der USMC im Falle eines regionalen Gefechts mit hoher Intensität anzugehen. Zweitens nennen sie einen offensiven Ausbau der Reichweite: Dazu gehöre, Kräfte vorzuverlegen und „unterseeische Kampf“-Fähigkeiten so weit wie möglich nach vorn zu bringen. Drittens soll nach ihrer Darstellung auch an „unterseeisch vorpositionierten Waffensystemen“ gearbeitet werden – ein Hinweis auf die Idee, nicht erst in der Krise zu reagieren, sondern bereits im Vorfeld wirksam zu sein. Ergänzend wird gefordert, Radar, Satelliten, Unterwasser-Sensoren und Patrouillenflugzeuge stärker für die Überwachung auszubauen und militärische, paramilitärische und zivile Schiffe besser zu integrieren, um „fragmentierte, redundante und ineffiziente“ Küstenüberwachungsanstrengungen zu vermeiden. Diese Perspektive wirkt wie ein technologisch-operatives Gesamtsystem: Mehr Quellen, bessere Fusion, weniger Reibung in der Informationskette.
Parallel dazu betonen die Autoren, dass die Bedrohung nicht nur aus militärischen Plattformen kommen könnte. Sie erwähnen die potenzielle Wirkung eines großen Verbands kommerzieller chinesischer Schiffe als Risiko für die Marine-Kräfte – und koppeln das an die Idee von maritimer Täuschung, um U.S.-SIFs mit „massivem Informationsüberfluss“ zu überwältigen. Aus technischer Sicht ist das eine Warnung vor einem realen Problem jeder datengetriebenen Zielerfassung: Wenn zu viele Signale, Kontakte oder Meldungen gleichzeitig eintreffen, steigt die Gefahr, dass Entscheidungsketten langsamer werden oder dass Priorisierung fehlschlägt. Zusätzlich empfehlen sie, die Nutzung unbemannter US-Systeme durch günstige eigene Drohnen-Entwicklungen zu kontern – und nennen sogar den Aufbau von Gegen-UAS-Optionen wie Laser- und Mikrowellen-Wirkmechanismen. Schließlich geht es ihnen auch um die „späten Zugriffs“-Vorteile (late-mover advantage) Chinas in Cyber- und elektromagnetischen Technologien: Sie schlagen vor, offensive Fähigkeiten zu entwickeln, um maritime Kommando- und Kontrollnetzwerke der USA zu lähmen oder zu neutralisieren.
Damit rückt auch die sicherheitspolitische Gesamtdeutung in den Vordergrund. Lyle Goldstein, Direktor der China Initiative am Watson Institute der Brown University, wird in dem Beitrag sinngemäß so eingeordnet, dass die Analyse von grundlegenden Sorgen über die US-Strategie geprägt sei – insbesondere im Umgang mit Drohnen und kleineren Kampfverbänden, die Ressourcen umlenken oder langfristige Zielgebung für Schlüsselressourcen, einschließlich U-Boote, ermöglichen könnten. Er hebt außerdem hervor, dass die chinesische Sicht stark auf den Unterwasserwettbewerb fokussiert und sensibel auf die Frage ist, wie sich USMC-Deployments auf die Ausfahrt chinesischer U-Boote auswirken könnten. „It is also interesting that the article seems to place a very high premium on China’s ability to wield UUVs, along with the related undersea acoustic detection arrays off of Chinese ports and key waterways.“ Auch die nachfolgende Unterzeile deutet auf einen Zielkonflikt hin: Wer sich auf UUVs und akustische Detektionsarrays stützt, muss gleichzeitig deren Verletzlichkeit gegenüber Gegenmaßnahmen und Täuschung einpreisen – ein technisches Thema, das in beiden Lagern zunehmend in die Operationsplanung diffundiert.
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