DAYTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf der Startup Week in Dayton stellt Mark Fogel die gängigen Führungsideen rund um „Grit“ und „Authentizität“ infrage. Er argumentiert, dass Leidenschaft nicht automatisch Talent ersetzt und dass echte Professionalität sich in sachlicher Kompetenz zeigt. Daneben ordnet Scott Koorndyk die Veranstaltung als etabliertes Netzwerk für Finanzierung, Marketing und Talentverbindungen ein. Die Diskussion bringt Gründerinnen und Gründer dazu, gezielt umzuschwenken – nicht nur durchzuhalten, sondern zum richtigen Zeitpunkt zu pivotieren.

Startup Week in Dayton: Warum Führung eher Kompetenz als „Grit“ braucht
Startup Week in Dayton: Warum Führung eher Kompetenz als „Grit“ braucht (Foto: IT BOLTWISE)
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In Dayton wird Führung aktuell weniger als Motivationsslogan verhandelt, sondern als praktische Managementaufgabe. Auf der Startup Week, die als dreitägige Konferenz Gründerinnen und Gründer mit Ressourcen wie Finanzierung, Marketing, Talent und Arbeitsflächen zusammenbringen soll, setzte Mark Fogel auf eine bewusst unbequeme Botschaft: „Passion does not beat talent“ – also Leidenschaft schlägt Talent nicht. Der Ansatz zielt auf einen Kernkonflikt, den viele Startups in frühen Phasen kennen: Wer gerade unter Druck steht, sucht oft nach der einen Eigenschaft, die alles erklärt. Fogel verlagert die Diskussion jedoch weg von Durchhalteparolen und hin zu dem, was im Alltag messbar entscheidet: Können, Erfahrung und die Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Fogel, der als Director of Talent Development and Communication bei dem Verteidigungsdienstleister Mile Two arbeitet, richtete sich in seinem Session-Block ausdrücklich gegen das, was er als Mythenbildung versteht. Er wies die Idee zurück, „grit“ – also das gepriesene Durchhaltevermögen – sei gegenüber Expertise, Kompetenz und Talent im Vorteil: „That’s absolute BS“ und „That’s not validated anywhere. It’s simply not true.“ Solche Aussagen wirken wie rhetorische Zuspitzung, sind aber im Kern ein methodischer Hinweis: Wenn Führungserfolg auf bloße Haltung reduziert wird, bleiben technische und organisatorische Fähigkeiten zu oft unberücksichtigt. Um seine Gegenposition zu untermauern, nutzte er konkrete Analogien aus der Praxis: In Gesundheitssystemen schneiden nach seiner Darstellung Teams eher dann besser ab, wenn Ärztinnen und Ärzte Führungsrollen übernehmen statt reine Karriereverwaltungen. Auch in Rennsport-Settings seien Teams mit erfahrenen Fahrerinnen und Fahrern erfolgreicher, weil das Leistungsprofil handfester ist als das Narrativ hinter dem Training.

Technisch lässt sich das Argument als Verschiebung von „psychologischer Konsistenz“ zu „operativer Passung“ lesen. Fogel sagte sinngemäß, Unternehmen profitierten besonders von Führung durch Personen, die in ihrem Kerngebiet echte Expertise besitzen. Das setzt im Startup-Kontext eine klare Priorität: Wer Verantwortung übernimmt, muss nicht nur kommunizieren, sondern die Arbeit im Detail verstehen – damit er oder sie Ziele realistisch definieren, Risiken erkennen und Entscheidungen beschleunigen kann. Besonders deutlich wurde das bei seiner Aussage zur Mitarbeiterzufriedenheit: „The No. 1 predictor of employee satisfaction is a boss who’s competent.“ Dahinter steckt ein Governance-Thema, das für KI-Teams und Software-Organisationen gleichermaßen gilt: Kompetenz entscheidet nicht nur über Produktqualität, sondern auch über Klarheit in Prioritäten, über verlässliche Feedbackzyklen und über die Fähigkeit, Konflikte in einer Roadmap nicht eskalieren zu lassen. Wer diese Grundlage schafft, kann dann auch mit einer klaren Strategie für Veränderungen arbeiten.

Genau an dieser Stelle kommt der zweite Teil des Myth-Bustings ins Spiel: Pivot statt stures Durchhalten. Fogel betonte, er wolle niemanden entmutigen. Er riet aber dazu, offen zu bleiben für einen Wechsel des Vorgehens – „Or maybe a Plan B“. Inhaltlich übersetzt sich das in eine pragmatische Führungspraxis, die Gründerteams oft erst lernen, wenn die ersten Annahmen kippen. Seine Empfehlung, „when you need to pivot – and when you need to stop“ lautet, wirkt wie eine präzise Entscheidungshilfe, statt wie ein allgemeiner Motivationsspruch. Der Nutzen liegt für Unternehmen und Tech-Organisationen in der Planbarkeit: Ein bewusstes Pivoting setzt voraus, dass Teams früh Signale aus Kundenfeedback, Engineering-Kennzahlen oder Validierungs-Experimenten ernst nehmen und nicht nur in der Energie der Vision investieren. Wer dagegen „Grit“ als Ersatz für Lernfähigkeit interpretiert, riskiert, Zeit in eine Richtung zu drücken, in der das Systemkennzeichen längst „no signal“ meldet.

Auch beim Thema Authentizität zog Fogel eine scharfe Linie. Er griff die verbreitete Vorstellung an, die „best leaders“ seien automatisch „authentic“. Seine Gegenfrage bringt dabei einen Organisationsrealismus: „What if you’re an authentic jerk?“ Stattdessen empfahl er: „Rather than bringing your whole authentic self to work, bring your best self to work.“ Das ist weniger ein Plädoyer gegen Persönlichkeit als eine Anleitung zur professionellen Steuerung von Verhalten. In der Praxis heißt das: Führung muss durch Standards ergänzt werden – etwa durch klare Erwartungen an Zusammenarbeit, durch respektvolle Kommunikation und durch eine konsistente Art, Konflikte zu lösen. Gerade in frühen Startup-Teams, in denen viele Entscheidungen informell fallen, kann der Ruf nach „Authentizität“ sonst bedeuten, dass schlechtes Verhalten zur Marke wird. Fogel verschiebt den Fokus daher auf Wirkung, nicht auf Selbstdarstellung.

Rahmenbedingungen für solche Diskussionen liefert die Veranstaltung selbst. Launch Dayton versteht sich als Netzwerk von Organisationen, die neue Unternehmen mit vielversprechenden Ideen fördern. Startup Week ist dabei nicht nur ein Podium, sondern ein Mechanismus zur Vernetzung: In diesem Jahr läuft sie als Konferenz mit Sessions über drei Tage und verbindet Teilnehmende mit konkreten Ansprechpartnern für Finanzierungswege, Marketingplanung, Talentgewinnung und passende Arbeitsräume. Scott Koorndyk, Präsident des Entrepreneurs Center, ordnete ein, dass das Event in seinem 11. Jahr knapp 1.000 Registrierungen erreicht habe und ursprünglich als „grassroots effort“ gestartet sei, um die Community zusammenzubringen. Er formulierte außerdem, warum der Ort wichtig ist: Die Startup-Gemeinschaft funktioniere am besten, wenn sie zusammenarbeite, und nicht, wenn einzelne Teams das Gefühl haben, sie müssten „allein“ durchkommen.

Die Frage, wie sich dieses Mindset in den Alltag überträgt, zeigt auch die Entwicklung der Veranstaltungsorte. Laut Koorndyk wurde Launch Dayton zuvor in Kirchen, in unfertigen Gebäuden, in der Steam Plant am Third Street und an weiteren Stellen abgehalten, bevor man sich 2024 auf den Hub im Dayton Arcade konzentrierte. Diese Ortswechsel sind mehr als Nebensache: Sie spiegeln den Charakter der Startup Week als flexible Schnittstelle zwischen Ideenwelt und operativer Realität. Für Gründerteams ist das relevant, weil viele Probleme nicht in Präsentationsräumen entstehen, sondern in Übergängen – etwa zwischen Prototyp und erster Nutzergruppe, zwischen Rekrutierung und Rollenklärung oder zwischen einer Teamsprache und tatsächlichen Entscheidungen. Wenn die Community diese Übergänge regelmäßig begleitet, steigt die Chance, dass Pivot-Entscheidungen rechtzeitig getroffen werden und nicht erst, wenn das Budget knapp wird.

Für die Tech-Praxis bedeutet die in Dayton gezeigte Perspektive vor allem eins: Führung wird weniger durch eine einzelne Haltung erklärt, sondern durch Kompetenz, Feedbackfähigkeit und eine klare Lernlogik. Die Aussagen von Mark Fogel lassen sich dabei als Leitfaden lesen, wie Teams ihre Erwartungshaltung kalibrieren können – weg von „Durchhalten um jeden Preis“ und hin zu „Verstehen, entscheiden, anpassen“. Kombiniert mit dem Veranstaltungsziel von Launch Dayton entsteht so ein pragmatischer Rahmen für Gründerinnen und Gründer: Sie bekommen nicht nur Kontakte, sondern auch ein Denken in Rollen und in belastbaren Fähigkeiten. Wie sich das in den kommenden Tagen der Startup Week weiter konkretisiert, zeigt sich im laufenden Programm, das Mittwoch und Donnerstag fortgesetzt wird und bei Bedarf jederzeit online genutzt werden kann.


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