FIJI / LONDON (IT BOLTWISE) – Fidschi hat einen nationalen HIV-Notstand erklärt, nachdem die Fallzahlen deutlich ansteigen. Schätzungen zufolge haben inzwischen rund 1 von 60 Erwachsenen im Inselstaat das Virus, bei gleichzeitig hoher Dunkelziffer. Auslöser ist laut Angaben aus dem Land vor allem eine beschleunigte Übertragung über injizierenden Drogenkonsum, ergänzt durch sexuelle Transmission und Stigma. Die Regierung kündigt jetzt eine rasche Ausweitung von Tests, Therapie und PrEP sowie ein Programm für Nadeln und Spritzen an.

Fidschi setzt ein deutliches Signal, indem der Inselstaat einen nationalen HIV-Notstand ausgerufen hat. Hintergrund sind stark steigende Diagnosen, die sich mit dem bisherigen globalen Trend sinkender HIV-Raten schwer vereinbaren lassen. Laut den vom Gesundheitsministerium genannten Zahlen kamen im Jahr 2025 allein 2.060 neue HIV-Diagnosen hinzu. Damit wächst der Druck auf ein Gesundheitssystem, das gleichzeitig durch eine sich verschärfende Drogenkrise belastet wird.
Die Größenordnung der Epidemie lässt sich auch an Kennzahlen festmachen: In Fidschi leben Schätzungen zufolge etwa 1 von 60 Erwachsenen mit HIV. Das stellt einen Bruch gegenüber früheren Schätzungen dar; vor fünf Jahren lag die Quote noch bei etwa 1 von 167. Zudem stützt sich die Einschätzung nicht nur auf registrierte Fälle: Mit Blick auf die Unsicherheit über den Status vieler Betroffener erklärt die UNAIDS-Beratungsperson Renata Ram, die Sorge gelte insbesondere der Geschwindigkeit der Ausbreitung und der Zahl der Menschen, die möglicherweise infiziert sind, aber es nicht wissen („What concerns me most is the speed of the epidemic and the number of people who may be living with HIV without knowing it“, sagte Ram).
Besonders kritisch ist die Lage bei der Versorgung und der frühen Erkennung. Nur rund 39% der Menschen in Fidschi, die mit HIV leben, kennen ihren Status; und weniger als ein Viertel (22%) befindet sich in Behandlung. Unbehandelt kann HIV zum Krankheitsbild AIDS führen und damit das Risiko für schwere, teils tödliche Begleiterkrankungen erhöhen. Auch die Sterblichkeit zeigt den Trend: Für 2025 werden 117 HIV-bezogene Todesfälle genannt, gegenüber 25 im Jahr 2021, gestützt auf nationale Gesundheitsstatistiken.
Der Notstand hängt zudem eng mit mehreren Übertragungswegen zusammen. Nach Angaben von Renata Ram beschleunigt injizierender Drogenkonsum die Ausbreitung besonders stark; es sei zudem verbreitet, Nadeln zu teilen. In 2025 machten Menschen, die injizierenden Drogengebrauch haben, grob die Hälfte der neuen HIV-Fälle aus, bei denen ein Übertragungsmodus identifiziert wurde; die andere Hälfte entfiel auf sexuelle Transmission. Zusätzlich werden niedrige Kondomnutzung, mehrere Sexualpartner, begrenztes Testen und Stigma als Faktoren genannt. Das Ministerium verweist außerdem auf die gesundheitliche Konsequenz, dass HIV über den Austausch von Körperflüssigkeiten in den Blutkreislauf übertragen wird.
Die Krise erreicht in Fidschi sogar Säuglinge. Laut Save the Children Fiji wurde ein zwei Monate altes Baby als jüngster identifizierter Patient mit gleichzeitiger HIV- und Tuberkulose-Infektion bekannt. Die Begründung liegt medizinisch auf der Hand: HIV greift das Immunsystem an und kann dadurch das Risiko erhöhen, an Tuberkulose zu erkranken. Der UNICEF-nahe Kontext wird hier nicht weiter ausgeführt, aber die Zahlen aus dem Land sind eindeutig: Letztes Jahr hätten 59 Babys HIV von ihren Müttern erworben. Bei schwangeren Frauen nennt der Gesundheitsminister Joeli Colati nicht, sondern Dr. Atonio Lalabalavu selbst: 1 von 50 Schwangeren sei infiziert; eine Übertragung könne während Schwangerschaft, Geburt und auch beim Stillen erfolgen.
Politisch und sozial steht damit nicht nur Medizin, sondern auch der Zugang zu Hilfe auf dem Prüfstand. Joeli Colati, Executive Director der Community-Organisation Fiji Network Plus, stellt Stigma als zentralen Engpass heraus („It’s also connected to stigma, poverty, transport, confidentiality, fear.“). Colati lebt selbst seit 19 Jahren mit HIV und beschreibt ein Muster: Die Hürde für eine Behandlung sei nicht immer fehlender Wille, sondern oft Angst vor Wiedererkennung in der HIV-Klinik („The reason is not always that somebody does not want treatment … It can be fear of being recognized at the HIV clinic.“). Vor diesem Hintergrund kündigt die Regierung Schritte an, die zugleich Prävention, Testung und Versorgung adressieren sollen.
Konkrete Maßnahmen sollen jetzt beschleunigt werden. In seiner Ansprache erklärte Gesundheitsminister Dr. Atonio Lalabalavu, Fidschi werde „quickly“ reagieren und Testung, Therapie und den Zugang zu PrEP (Präexpositionsprophylaxe) ausweiten; außerdem soll ein formelles Programm zum Austausch von Nadeln und Spritzen eingeführt werden. Gleichzeitig richtet sich die Aufforderung an Menschen, die möglicherweise exponiert waren – etwa durch geteilte Injektionsausrüstung oder Sex ohne Kondom – sich testen zu lassen („I ask anyone who may have been exposed to HIV, including through sharing needles or other injecting equipment, or sex without a condom, to come forward for testing. Do not wait until you feel unwell.“). Der Minister appelliert zudem, niemanden wegen des Status zu beschämen oder auszuschließen, weil Stigma Menschen von genau jenen Leistungen fernhält, die ihnen helfen könnten.
Im breiteren globalen Vergleich wirkt die Entwicklung wie ein Gegenbeispiel zu vielen Erfolgsstorys der letzten Jahre. UNAIDS schätzt, dass die Zahl der neuen HIV-Infektionen weltweit zwischen 2010 und 2025 um rund 42% zurückgegangen ist; gleichzeitig verweist Ram auf die „außerordentliche“ Zunahme in Fidschi über praktisch denselben Zeitraum. Besonders entscheidend scheint dabei das Zusammenspiel aus mangelnder Kenntnis des eigenen Status, niedriger Behandlungsquote und fehlender Präventionsinfrastruktur zu sein. Für Betreiber von Kliniken, öffentliche Träger und Organisationen der Zivilgesellschaft bedeutet der Notstand vor allem: kurzfristige Kapazität für Diagnostik und Therapie aufbauen, gleichzeitig aber Prävention so organisieren, dass Menschen nicht aus Angst vor Stigmatisierung zurückbleiben.
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