LONDON (IT BOLTWISE) – Der US-Startup Fluxnium will Uran direkt aus Meerwasser gewinnen und damit den Brennstoffbedarf einer wachsenden Atomstrom-Erzeugung absichern. Das Unternehmen setzt dafür auf polymerbasierte Fasern, die gelöstes Uran aus dem Wasser anziehen und anschließend zu Yellowcake aufbereiten. In ersten Labordemonstrationen nennt der Gründer eine Extraktionsleistung von über 200 US-Dollar pro Pound. Damit rückt eine neue Lieferkette für Kernbrennstoff in Reichweite, während die Preise für Gelbkonzentrat (Yellowcake) zuletzt deutlich gestiegen sind.

Fluxnium will Uran aus Meerwasser gewinnen und so Brennstoffknappheit entschärfen
Fluxnium will Uran aus Meerwasser gewinnen und so Brennstoffknappheit entschärfen (Foto: IT BOLTWISE)
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Der wachsende Appetit auf mehr Atomstrom stößt an ein sehr konkretes Problem: Brennstoff. Die USA verfolgen das Ziel, die Kapazität ihrer Kernkraftwerke bis 2050 zu verdreifachen. Gleichzeitig steigen die Kosten für Gelbkonzentrat (Yellowcake), also für unraffiniertes Uran in einer typischen Zwischenstufe der Lieferkette: Laut U.S. Energy Information Administration lagen die Preise für Yellowcake in den vergangenen fünf Jahren um 75 % höher. Dazu kommt eine zweite Hürde, die in vielen Energieplanungen gern als Randnotiz endet: Uran ist zwar als Element nicht extrem selten, aber der Abbau konzentriert sich regional stark und ist nicht gleichmäßig verteilt. In dieser Gemengelage adressiert Fluxnium eine Frage, die sich seit Jahren wie ein Sollbruchpunkt durch den Nuklearbereich zieht: Wie lässt sich Uran auch dann zuverlässig beschaffen, wenn geopolitisch verteilte Minenquellen nicht ausreichen oder zu teuer werden?

Fluxnium greift dabei auf eine offenbar pragmatische Logik zurück: Wenn das Meer bereits riesige Uranmengen enthält, könnte sich der Engpass verlagern – vom Rohstoffzugang hin zur kosteneffizienten Gewinnung. Das Unternehmen argumentiert, das Ozeanwasser enthalte über 4 Milliarden metrische Tonnen Uran, genug für rund 50.000 Jahre. In einem Gespräch erklärte Jeff Green, Gründer und CEO von Fluxnium, dass dies „etwa tausendmal mehr ist als alle identifizierten Hartgesteinminen zusammen“. Wichtig ist: Selbst wenn diese Größenordnung beeindruckt, entscheidet am Ende nicht die Menge, sondern die Wirtschaftlichkeit der Gewinnung. Genau hier setzt Fluxnium an, indem es ein Extraktionskonzept auf Basis speziell hergestellter Polymerfasern entwickelt hat, das Uran aus dem Meerwasser selektiv anreichert. Laut Gründer hat das Startup die zugrunde liegende Chemie aus den Arbeiten an US-Department-of-Energy-Laboren lizenziert und anschließend die Produktion sowie die Konfiguration der Fasern weiterentwickelt.

Technisch betrachtet wirkt die Kernidee zunächst unspektakulär, ist aber in der Ausführung anspruchsvoll: Die Polymerfasern sind so ausgelegt, dass sie die gelösten Uranbestandteile aus dem Wasser anziehen, statt das Uran nur als „verdünnte Fracht“ durch einen Prozess laufen zu lassen. Entscheidend ist dabei die wirksame Oberfläche der Fasern. Green sagte, das Ziel sei gewesen, die Oberfläche zu vergrößern. In der Demonstration am nationalen Laboraufbau habe die Technologie Extraktionsraten von über 200 US-Dollar pro Pound erreicht – also mehr als doppelt so hoch wie die Preise westlicher Anbieter heute. Durch die Erhöhung der Oberfläche, so die Logik, gelang es anschließend, mehr Uran aus der gleichen Wassermenge zu ziehen und damit die Kosten zu senken. Damit wird ein klassischer Trade-off adressiert: Höhere Leistungsfähigkeit durch mehr „Kontaktfläche“ kostet zunächst Herstellungs- und Deploying-Aufwand, soll aber über bessere Ausbeute die Prozesskosten pro gewonnenem Pfund Uran drücken.

Auch der Betriebsansatz folgt einem Muster, das aus der Offshore-Logistik bekannt ist: Die Fasern werden nach der Herstellung zu langen, geflochtenen Strängen geformt, dann aufs Meer gebracht und an schwimmende Systeme gekoppelt. Dort hängen sie für 30 bis 60 Tage im Wasser, ähnlich wie bei der Ausbringung von Meerespflanzen- oder Austernkulturen. Anschließend werden die Faserstränge an Land geholt, und das Uran wird aus den Fasern eluieren lassen, ohne dass nach Unternehmensbeschreibung toxische Tailings zurückbleiben. Ein weiterer Bestandteil der Kostenrechnung ist Wiederverwendbarkeit: Jede Faserlinie lässt sich laut Darstellung mehrere Male einsetzen. Erst wenn das Uran aus den Fasern gelöst wurde, folgt die Aufbereitung zu Yellowcake. In dem beschriebenen Modell wollen Betreiber diesen Output anschließend „wie jedes andere Mining-Produkt“ in die bestehende Lieferkette integrieren. Dass nicht der gesamte Prozess neu erfunden werden muss, sondern vor allem die Kostentreiber in Herstellung, Einsatz im Meer und anschließender Stufe optimiert werden sollen, reduziert das Innovationsrisiko: Die Herausforderung verlagert sich von der gesamten Wertschöpfung hin zu einem einzelnen, aber kritischen Engpass.

Marktseitig kommt Fluxnium zudem in einer Phase, die viele Akteure als „Renaissance“ der Nuklearindustrie bezeichnen. Der Zeitpunkt passt auch deshalb, weil Tech-nahe Investoren in den vergangenen Jahren verstärkt auf neue Stromquellen schauen: Unternehmen aus dem Umfeld von KI-Entwicklung und Rechenzentren erhöhen den Druck auf verfügbare Leistung und langfristig planbare Energiekosten. Dass Fluxnium dafür Rückendeckung erhielt, unterstreicht den Anspruch, nicht nur ein akademisches Laborverfahren zu liefern, sondern eine industrietaugliche Beschaffungsstrategie. Das Startup hatte dafür zuletzt eine 7-Millionen-US-Dollar-Seed-Runde abgeschlossen; angeführt wurde sie von Congruent Ventures, weitere Beteiligung kam unter anderem von Active Impact Investments sowie von Constellation Energy, die in den USA einen großen Kernkraftpark betreibt. Für Investoren ist das Timing auch ein Signal: Wenn Brennstoffpreise und Verfügbarkeiten als strategische Risiken in Infrastrukturprojekten sichtbar werden, wächst die Bereitschaft, Lieferkettenalternativen zu finanzieren – selbst wenn sie noch deutlich vorm Skalierungsstadium stehen.

Um die Tragweite realistisch einzuordnen, lohnt der Blick auf das eigentliche „Flip“-Problem der Branche: Uran ist global verfügbar, aber eben nicht überall wirtschaftlich greifbar. In Westländern konzentriert sich ein großer Anteil des weltweiten Uranangebots nach Greens Aussage auf wenige Staaten. Daraus entstehen politische Risiken, Preisschwankungen und Lieferverzögerungen, die sich in Bau- und Betriebsplänen von Kernkraftwerken schnell zu Kostenrisiken auswachsen können. Eine Technologie zur Gewinnung aus Meerwasser würde diese Abhängigkeit strukturell reduzieren, allerdings nicht automatisch sofort vollständig ersetzen. Entscheidend wird sein, ob sich die im Labor gezeigte Leistungsfähigkeit in industrielle Stückzahlen übersetzt: Polymerfasern müssen in großen Mengen reproduzierbar hergestellt, im Meer effizient ausgebracht und nach der Nutzung in einem robusten Kreislauf verarbeitet werden können. Zudem hängt die Wirtschaftlichkeit an Faktoren wie Ausbeute über die Laufzeit von 30 bis 60 Tagen, dem Aufwand für Bergung und Elution sowie den Sicherheits- und Umweltprozessen rund um die Zwischenprodukte. Gerade bei einem Materialfluss, der „ohne toxische Tailings“ beschrieben wird, wird der Nachweis über mehrere Betriebszyklen besonders relevant.

Für Unternehmen, die an Ausbaupfaden für Rechenzentren und Industrieanlagen arbeiten, könnte Fluxniums Ansatz mittelfristig vor allem eines bedeuten: mehr Planbarkeit in einer Lieferkette, die bislang stark von wenigen Förderregionen geprägt ist. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung ein klassisches MLOps-ähnliches Thema – nur eben für Physik statt Software: Kontinuierliches Monitoring, Qualitätskontrolle der Fasermaterialien und datenbasierte Optimierung der Prozessparameter werden darüber entscheiden, ob die Kostenkurve wirklich in Richtung der geforderten Wettbewerbsfähigkeit fällt. Green selbst betonte, dass sein Vorgehen die bereits bekannten Prozessschritte nutzt, aber die Kosten über alle Stufen hinweg drücken soll. Bis zur Breitenanwendung wird aber vor allem der nächste Meilenstein zeigen müssen, wie stabil die Fasern funktionieren und wie konsequent sich die Extraktionsleistung in der Praxis halten lässt, wenn Umweltfaktoren und Betriebsschwankungen hinzukommen.


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