VENEDIG / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Podcast-Folge „Börsepeople“ ordnet Gernot Blümel seinen Weg vom österreichischen Finanzminister hin zum Geschäftsführer eines KI-Forschungsparks in Venedig ein. Im Gespräch verbindet er finanzpolitische Entscheidungen aus der Corona-Zeit mit Fragen nach Intelligenz, Verstehen und möglichem Bewusstsein moderner KI-Systeme. Den Kern liefert sein Buch „Die Selbstsetzung des Menschen“, das aktuell in der Bestsellerliste gelandet ist. Gleichzeitig beschreibt Blümel den praktischen Aufbau des Mare Technologieparks, in dem Teams bewusst vor Ort an KI-Projekten arbeiten sollen.

Gernot Blümel wirkt in dieser Entwicklung wie jemand, der zwei Welten bewusst gegeneinander abtastet: die harte Logik politisch-ökonomischer Entscheidungen und die gedankliche Langstrecke philosophischer Fragen rund um Künstliche Intelligenz. Genau dieser Spannungsbogen zieht sich durch die Folge S26/03 der Reihe „Börsepeople“, in der Christian Drastil Blümel zu seinem ungewöhnlichen Werdegang befragt. Dabei steht nicht nur der Wechsel von Ministeramt zu Technologie- und Unternehmensumfeld im Vordergrund, sondern auch die Frage, warum Blümel ausgerechnet jetzt – wo KI in Produkten und Unternehmen bereits in den Alltag hineinwirkt – den Versuch unternimmt, das Menschenbild hinter der Technik neu zu beschreiben.
Seinen Einstieg in die Politik schildert Blümel weniger als strategisch geplanten Karriereknick, sondern als Verlängerung dessen, was am familiären Küchentisch selbstverständlich gewesen sei. Aufgewachsen in Moosbrunn, einer niederösterreichischen Gemeinde mit rund 1.800 Einwohnern, habe Politik für ihn früh zum Alltag gehört. Als er zum Studium nach Wien zog, suchte er über die Junge ÖVP im ersten Bezirk Anschluss; aus dieser Freizeitbeschäftigung wurde später eine berufliche Laufbahn. Bemerkenswert ist in der Darstellung auch die zeitliche Nähe zu Sebastian Kurz, der wenige Monate später in derselben Bezirksgruppe startete. Die Finanzkrise ab 2008 erlebte Blümel parallel zum MBA an der WU vor allem aus akademischer Perspektive – und ordnet die Debatte zwischen Sparkurs und expansiver Geldpolitik rückblickend eher zugunsten des Reformansatzes ein, inklusive einer Referenz auf die spätere wirtschaftliche Erholung Griechenlands.
Nach ersten Stationen im Kabinett von Michael Spindelegger, bei denen er laut Gespräch zunächst als Nationalratspräsident fungierte, verlagert Blümel den Fokus auf das, was er aus seiner Rolle gelernt habe: den Einblick in diplomatische und gesellschaftliche Eliten. Seine prägende Erkenntnis lautet, dass auch hochgebildete Menschen „doch alle nur mit Wasser kochen“ – eine Aussage, die vor allem auf seine Selbstwahrnehmung einzahlt. Wenn man später politische Kommunikation und Ressortentscheidungen beurteilen will, ist diese Haltung oft entscheidend: nicht als Pose, sondern als Arbeitsmodus. Genau hier setzt seine Darstellung seiner nächsten Schritte an: Nach Studien in Wirtschaft und Philosophie war ursprünglich ein Ausstieg in die Unternehmensberatung geplant, doch 2013 wurde er mit 32 Jahren Generalsekretär der ÖVP. Als Mediensprecher positionierte er sich dabei über ein für Österreich besonders konkretes Thema: die verspätete Zulassung privater Medien im internationalen Vergleich und die Aktualität des ORF-Gesetzes, das noch aus den 1970er-Jahren stammt.
Technologiepolitisch wird in der Episode deutlich, wie sehr Digitalisierung und Werbemarktverschiebungen im „Google-Zeitalter“ damals als Weichenstellung wirkten. Parallel übernahm Blümel als Landesparteiobmann der Wiener ÖVP die Partei bei einem Ausgangswert von 9 Prozent und führte sie 2020 zu einem Wahlergebnis von über 20 Prozent. Er beschreibt das als bestes Resultat seit dem Fall des Eisernen Vorhangs – und verknüpft politische Wirkung mit konkreten Projekten: die Belebung des Wiener Donaukanals und der durchgehende U-Bahn-Betrieb am Wochenende, die später umgesetzt wurden. Im Ressortwechsel folgen anschließend Kunst, Kultur, Verfassung und Medien: Am 18. Dezember 2017 wurde Blümel in diesem Gebiet angelobt, inklusive Zuständigkeiten für das Kultusamt und EU-Agenden. Besonders politisch verdichtet wird diese Zeit durch die österreichische EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr, in deren Rahmen er den Rat für allgemeine Angelegenheiten leitete und damit auch in Brexit-Verhandlungen eingebunden war.
Das Finanzministerium übernimmt Blümel schließlich am 7. Jänner 2020 – also nur zwei Monate bevor die Corona-Pandemie politische Pläne komplett neu sortierte. In der Folge bewertet er diese Phase schlicht als „furchtbar“. Aus borsenrelevanter Sicht hebt der Podcast vor allem zwei Punkte hervor: seine Haltung gegen die europäische Finanztransaktionssteuer und die daran geknüpfte Dynamik mit Deutschland. Laut Gespräch machte Blümel beim ersten Treffen mit dem damaligen deutschen Finanzminister Olaf Scholz beim Ecofin-Rat in Brüssel deutlich, dass Österreich das Vorhaben nicht mittragen werde. Als Begründung nennt er, dass eine solche Steuer Investitionen in Unternehmen zusätzlich belasten würde – in einem Umfeld, in dem in Österreich ohnehin wenige Investoren aktiv seien. Daneben nennt die Episode auch ein nicht gelungenes Vorhaben: die Wiedereinführung einer Behaltefrist für Aktien, die eine Steuerbefreiung bei langfristigem Aktiensparen vorgesehen hätte.
Diese „Behaltefrist“-Idee verbindet Blümel mit seiner Jugend- und Gesellschaftserfahrung: Sie sei bereits aus JVP-Zeiten gefordert worden, um finanzielle Sicherheit im Alter zu stärken, den Kapitalmarkt zu fördern und gleichzeitig die Pensionsdebatte zu entlasten. Die Umsetzung blieb jedoch nach Angaben aus der Episode in mehreren politischen Konstellationen hängen: In der Koalition mit der FPÖ spielte das Ibiza-Video und die daraus folgenden Folgen eine Rolle, und in der nachfolgenden Koalition mit den Grünen habe es von Anfang an klare Grenzen gegeben, was überhaupt realisierbar gewesen wäre. Trotz dieser offenen Baustelle erwähnt Blümel in der Rückschau die von ihm mitgetragene Steuerreform, bei der die Körperschaftssteuer um zwei Prozentpunkte gesenkt wurde – laut seiner Aussage die erste Senkung dieser Art seit Wolfgang Schüssel. Gleichzeitig schildert er den Rückzug aus der Politik als von Ermittlungen begleitet: Eine Hausdurchsuchung als amtierender Finanzminister habe politisches und soziales Kapital gekostet, auch wenn er betont, dass die Ermittlungen später eingestellt wurden.
Mit dem Ende des politischen Kapitels schlägt Blümel einen neuen Weg ein, der sich in der Episode überraschend konsequent anfühlt: Er sucht eine Aufgabe, für die er „ähnlich brennen“ kann wie zuvor. Dabei tritt Frank Gotthard an ihn heran – ein Unternehmer, der laut Blümel mit CompuGroup Medical einen großen Medizinsoftware-Konzern aufgebaut hat. Die Vision: ein kooperativer Forschungspark für KI in der digitalen Medizin. Der Mare Technologiepark entsteht am Lido von Venedig, und das Konzept setzt auf physische Nähe: Entwickler verschiedener Unternehmen, Universitäten und Startups arbeiten und leben vor Ort. Blümel begründet das mit Erfahrungen aus der Corona-Zeit, in der Zoom- und Teams-Calls für das Abarbeiten von Aufgaben zwar funktionieren konnten, kreative Durchbrüche aber offenbar eine andere Form von Interaktion brauchen. Das Areal soll Standortvorteile nutzen – Sandstrand an der Adria, zugleich die Lagune von Venedig – und so laut ihm helfen, gefragte KI-Fachkräfte anzuziehen. Er sagt außerdem, das Areal sei bereits erworben, der Bau laufe, Übergangsbüros seien angemietet und erste Datenwissenschaftler arbeiteten schon vor Ort.
Im zweiten Teil der Unterhaltung rückt schließlich das Buch in den Mittelpunkt: „Die Selbstsetzung des Menschen: eine philosophische Gebrauchsanweisung für unsere Gesellschaft im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“. In der Reihe „Books from Friends“ wird es laut Gespräch diskutiert, erschienen ist es im Plassen Verlag; Blümel erklärt, dass die Kooperation aus der Suche nach einem deutschsprachigen Verlag entstand, der das Thema inhaltlich wirklich einordnen könne. Inhaltlich reicht sein Interesse an Philosophie weit zurück, etwa bis zu seiner Diplomarbeit über den Personenbegriff in der christlichen Soziallehre. Diese Perspektive führt ihn zur Frage nach der Natur des Menschen und damit zu Konsequenzen für Gesellschaft und Politik; er beschreibt in diesem Kontext den „dritten Weg“, der individuelle und soziale Aspekte des Menschen zugleich betont. Den unmittelbaren Impuls nennt er zwei Entwicklungen: seine Arbeit am Mare Technologiepark, die ihn regelmäßig mit KI-Fachleuten zusammenbrachte, sowie den persönlichen „ChatGPT-Moment“ mit dem Sprachmodell 3.5, als das System plötzlich flüssig kommunizierte. Aus dieser Erfahrung folgen für ihn grundlegende Fragen nach Intelligenz, Verstehen und Bewusstsein.
Strukturell ist das Buch laut Blümel rund 200 Seiten stark und in zwei Teile gegliedert: Der erste Teil besteht aus in sich abgeschlossenen Kapiteln, die auch einzeln lesbar sein sollen. Er greift historische Wiederkehr von Fortschrittsängsten auf, darunter Platons Skepsis gegenüber der Erfindung der Schrift, die er als Schwächung des menschlichen Gedächtnisses deutet. Zudem führt Blümel die „vierte Kränkung der Menschheit“ ein: Nach Kopernikus, Darwin und Freud verortet er eine mögliche Überlegenheit Künstlicher Intelligenz als technologische Kränkung der menschlichen Eitelkeit. Der zweite Teil, „Roboterrechte und die Selbstsetzung des Menschen“, verfolgt dagegen laut seiner Darstellung einen durchgehenden Gedankengang und soll am Stück gelesen werden. Dort arbeitet er philosophiehistorisch Begriffe wie Intelligenz, Verstehen und Bewusstsein heraus. Mit Bezug auf den Turing-Test sowie Konzepte der funktionalen und referenziellen Semantik kommt er zu dem Schluss, dass man Künstlicher Intelligenz sowohl Intelligenz als auch eine Form von Verstehen zusprechen müsse, weil moderne Systeme multimodal – etwa über Kameras und Mikrofone – mit ihrer Umgebung interagieren. Für Bewusstsein zieht er den deutschen Idealismus heran, insbesondere Johann Gottlieb Fichtes Aussage „Das Ich setzt sich selbst“, und als popkulturelle Illustration für Persönlichkeitsrechte künstlicher Wesen nennt er eine Folge aus „Star Trek: The Next Generation“, in der der Androide Commander Data vor Gericht um Rechte kämpft.
Dass das Buch inzwischen auch im Markt ankommt, zeigt der Gesprächsrahmen ebenfalls: In seiner Erscheinungswoche habe es Platz 20 der Spiegel-Bestsellerliste erreicht. Blümel ist derzeit im Rahmen seiner Tätigkeit für den Mare Technologiepark auf Konferenzen unterwegs, wo das Buch regelmäßig Thema wird. Eine Fortsetzung ist aktuell nicht geplant, doch eine überarbeitete zweite Auflage hält er angesichts der schnellen Entwicklung der KI-Technologie für denkbar. Er sagt zudem, er habe beim Schreiben schon befürchtet, dass zwischen Abgabe und Veröffentlichung wesentliche neue Entwicklungen untergehen könnten. Auch über ein mögliches Hörbuch spricht er nur vorsichtig, und zwar eher in Richtung KI-unterstützter Produktion statt klassischer eigener Lesung. Im Fazit zeigt die Episode damit eine Doppelspur: politisches Handwerk mit klaren Positionen, wie bei der Finanztransaktionssteuer, trifft auf eine philosophische Werkzeugkiste, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt – und gerade deshalb die Frage aufmacht, wie wir Rechte, Verantwortung und Verständnis in einer zunehmend interagierenden KI-Welt begründen.
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