HANNOVER / LONDON (IT BOLTWISE) – Bosch sieht den Wettbewerb durch chinesische Hersteller in der europäischen Nutzfahrzeugindustrie deutlich zunehmen. Der Mobilitätsspartenchef Markus Heyn verwies darauf, dass China und die USA die lokale Wertschöpfung jeweils unterstützen, allerdings mit sehr unterschiedlichen Mitteln. Als Hebel nannte er das geplante EU-Industriegesetz, das bei öffentlicher Vergabe stärker „Made in Europe“ berücksichtigen soll. Ohne faire wechselseitige Handelsbedingungen drohe laut Bosch eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage für Zulieferer, selbst wenn Produktion in Europa an kostengünstigen Standorten erfolgt.

Auf einer Fachmesse der Nutzfahrzeugindustrie in Hannover hat der Technologiekonzern Bosch den verschärften Wettbewerb in den Mittelpunkt gestellt. Markus Heyn, Chef der Mobilitätssparte, sagte, chinesische Hersteller seien „zunehmend im Markt präsent“ und konkurrierten dabei gezielt um Aufträge. Der Kern der Aussage ist weniger ein einzelner Produktwettbewerb, sondern der strukturelle Druck entlang der gesamten Lieferkette: Wer bei Ausschreibungen in Europa häufiger zum Zug kommt, verändert mittel- und langfristig auch die Verhandlungsmacht und Auslastungsplanung von Zulieferern.
Technisch betrachtet trifft das vor allem die Bereiche, in denen Nutzfahrzeuge stark von integrierten Systemen abhängen, etwa bei Elektronik, Antriebsnahen Komponenten und technischen Fertigungstiefen in der Zulieferindustrie. Wenn OEMs und Systemlieferanten Aufträge in großem Stil neu verteilen, entscheiden sich Bestellungen häufig anhand von Gesamtkosten aus Entwicklung, Material, Fertigung und Logistik. In so einem Setting reichen reine Standortvorteile nicht immer aus, weil auch Produktionszugang, Skaleneffekte und Investitionsfähigkeit der Wettbewerber eine Rolle spielen. Heyn argumentierte entsprechend, dass ein struktureller Nachteil durch bloßes Produzieren „an den kostengünstigsten Standorten“ kaum kompensiert werden könne.
Der zweite Schwerpunkt liegt in der Marktpolitik: Heyn verwies darauf, dass sowohl China als auch die USA die Sicherung lokaler Wertschöpfung unterstützen. Dabei betonte er die Unterschiede der Mittel, also nicht nur die Tatsache, dass derartige Anreize existieren, sondern auch die Art, wie sie in der Praxis wirken. In der EU-Realität verschiebt das die „Spielregeln“ bei Ausschreibungen und führt zu einer Debatte, wie stark Unternehmen bei öffentlichen Beschaffungen bevorzugt werden sollen. Bosch verknüpft diese Sicht mit dem von der EU-Kommission im Frühjahr als Entwurf vorgestellten Industriegesetz, dem so genannten Industrial Accelerator Act (IAA).
Das IAA zielt nach den im Beitrag beschriebenen Plänen darauf ab, die Industrie in der EU zu stärken. Ein konkretes Instrument ist die Bevorzugung von Gütern „Made in Europe“ bei öffentlicher Vergabe. Genau hier wird aus Sicht vieler Zulieferer aus politischer Absicht schnell ein Planungsfaktor: Wenn öffentliche Auftraggeber stärker nach Herkunft und regionaler Wertschöpfung gewichten, können sich Ausschreibungsportfolios, Produktionsplanung und Beschaffungsstrategien ändern. Dass der Gesamtbetriebsrat Bosch Mobility zugleich eine zügige Umsetzung des IAA gefordert hat, unterstreicht zudem, wie eng interne Personalkosten, Investitionszyklen und externe Marktbedingungen miteinander verknüpft sind.
Finanziell ist Bosch in einer Phase, in der solche externen Einflüsse spürbar wirken. Für 2025 nennt der Bericht einen Umsatz von 91 Milliarden Euro. Gleichzeitig deutet die Darstellung der jüngsten Herausforderungen an, warum das Thema Wettbewerbsfähigkeit so politisch aufgeladen ist: Bosch habe zuletzt „schwer zu kämpfen“ gehabt, unter anderem durch Milliardenkosten für einen Stellenabbau, US-Zölle und eine hohe Steuerbelastung, die den Konzern vergangenes Jahr sogar in die roten Zahlen gedrückt haben. Der Zusammenhang ist dabei nachvollziehbar: Hohe Vorlaufkosten in der Fahrzeugtechnik lassen sich nicht einfach „wegoptimieren“, wenn gleichzeitig neue Marktanteile und Margen unter Druck geraten.
Für die nächsten Monate ergibt sich daraus ein doppelter Handlungsdruck. Einerseits müssen Zulieferer ihre Wettbewerbsfähigkeit auch unter harten Beschaffungslogiken sichern, etwa durch die Fähigkeit, Projekte zuverlässig zu liefern und technische Qualität über mehrere Fahrzeugplattformen hinweg zu stabilisieren. Andererseits verschiebt sich die Erwartung an die Politik: Wenn Europa nicht für faire wechselseitige Handelsbedingungen eintritt, sieht Bosch die Wettbewerbsfähigkeit der Zulieferer gefährdet, weil die Voraussetzungen im chinesischen Markt anders seien als in Europa. In der Praxis wird sich zeigen, ob das geplante Vergabeprinzip im IAA früh genug Wirkung entfaltet, um Investitionsentscheidungen in Fertigung und Entwicklung abzusichern.
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