LONDON (IT BOLTWISE) – Das finnische Startup Steady Energy will an die Börse gehen und dafür 3North Partners einbinden. Im Mittelpunkt steht ein 50-Megawatt-SMR-Reaktor, der nicht Strom, sondern Fernwärme liefern soll, im Geschäftsmodell Heat as a Service. Für die Finanzierung sind über 100 Millionen Euro vorgesehen, darunter ein zinsfreies Wandeldarlehen der Europäischen Investitionsbank über bis zu 40 Millionen Euro. Der Börsengang ist am Nasdaq First North Growth Market Finland geplant, während der Zeitplan für die erste kommerzielle Anlage auf 2027/2028 bis 2029/2030 zielt.

Steady Energy will den Weg vom Laborschreibtisch zur Finanzierung über den Kapitalmarkt beschleunigen: Das finnische Nukleartechnik-Startup plant eine Verschmelzung mit der Investmentgesellschaft 3North Partners (3NP) und möchte anschließend am Nasdaq First North Growth Market Finland notieren, einem Wachstumsegment der Börse Helsinki. Das kombinierte Unternehmen soll künftig Steady Energy Plc heißen. Damit rückt nicht nur der Börsenprozess in den Fokus, sondern auch das konkrete Betriebsmodell des Projekts: Das Unternehmen will den Kunden nicht den Reaktor verkaufen, sondern die erzeugte Wärme bereitstellen.
Technisch setzt Steady Energy auf den Reaktor LDR-50, der seit 2019 entwickelt wird und aktuell im Rahmen des Spin-offs aus dem staatlichen Technischen Forschungszentrum VTT entstanden ist. Der geplante 50-Megawatt-Reaktor ist dabei explizit auf Fernwärme ausgelegt: Während viele andere Small Modular Reactor (SMR)-Konzepte primär auf Stromerzeugung zielen, soll LDR-50 Niedertemperatur-Wärme in Wärmenetze einspeisen. Für die Architektur nutzt das Unternehmen eine Leichtwasser-Technologie mit niedrigem Temperatur- und niedrigem Druckniveau; außerdem sollen Turbinen und Generatoren entfallen, was den Gesamtaufbau vereinfachen und den Genehmigungsaufwand reduzieren soll. Ergänzend nennt Steady Energy passive Sicherheitssysteme und eine unterirdische Bauweise sowie eine nicht-nukleare Pilotanlage in Helsinki, in der ab 2027 zentrale Sicherheitssysteme getestet werden sollen.
Die Kapitalstruktur für diesen nächsten Schritt ist deutlich gerahmt: Insgesamt sollen deutlich über 100 Millionen Euro bereitstehen. Institutionelle und strategische Investoren haben verbindlich zugesagt, neue Aktien im Umfang von rund 69,8 Millionen Euro zu zeichnen; darunter sind die finnischen Pensionsversicherer Elo, Ilmarinen und Varma, der Energiekonzern Fortum, der polnische Ölkonzern Orlen über seinen VC-Arm, der staatliche Investor Tesi sowie Mininvest, Move Energy und Yes VC. Zusätzlich kommt ein Wandeldarlehen der Europäischen Investitionsbank (EIB) über bis zu 40 Millionen Euro hinzu. Das Darlehen wird in zwei Tranchen (30 und 10 Millionen Euro) ausgezahlt, ist zinsfrei, läuft 20 Jahre und kann jederzeit in Aktien des börsennotierten Unternehmens umgewandelt werden; abgesichert wird es über das EU-Programm InvestEU.
Auch für den Markt ist die Konstruktion ungewöhnlich, weil hier Kapitalmarktmechanik direkt mit einem Innovations- und Entwicklungsrisiko verknüpft wird. Beim Börsengang sollen 3NP bis zu 500.000 neue Aktien an Privatanleger sowie Unternehmen in Finnland ausgeben und damit bis zu 5 Millionen Euro einsammeln; der Zeichnungspreis liegt bei 10 Euro je Aktie. Wer pro Zuteilung 15 Aktien erhält, bekommt jeweils eine zusätzliche Gratisaktie – ein Anreiz, der die Attraktivität der Einstiegstranche erhöhen soll. Nach Abschluss aller Transaktionen rechnet Steady Energy mit rund 33,25 Millionen A-Aktien: Etwa 77 Prozent sollen bei den bisherigen Eigentümern von Steady Energy liegen, die restlichen 23 Prozent bei neuen Investoren. Steigt der Kurs über 15 beziehungsweise 25 Euro nachhaltig, erhalten die bisherigen Eigentümer zusätzlich jeweils rund 5 Millionen Aktien; die Gründer Tommi Nyman, Hannes Haapalahti und Petteri Tenhunen verpflichten sich zudem zur Haltedauer von 36 Monaten, mit begrenzten Ausnahmen. Den Vorsitz im Aufsichtsgremium übernimmt Pekka Lundmark, zuvor CEO von Nokia.
Mit Heat as a Service adressiert das Startup ein Problem, das in vielen Infrastrukturprojekten bei risikoreichen Technologien auftaucht: Betreiber wollen Wärme oder Leistung beziehen, sind aber häufig nicht bereit, selbst die Verantwortung für Genehmigungen, Betrieb und Entsorgung einer Anlage zu übernehmen. Steady Energy will deshalb den Reaktor im eigenen Eigentum halten, gebündelt in einer Projektgesellschaft, während Kunden lediglich die Wärme kaufen. Das soll zum einen den Kundenkreis erweitern, weil kommunale Versorger oft weder das technische Know-how noch die Bereitschaft haben, ein Atomkraftwerk zu führen. Zum anderen entstehen für Steady Energy wiederkehrende Einnahmen über die Laufzeit der Anlagen statt nur einmaliger EPC-Erlöse (Engineering, Procurement and Construction), die Steady Energy parallel ebenfalls anbietet. In seinen Planungen nennt das Management ambitionierte Zielgrößen: Bis 2035 soll der Umsatz 500 Millionen Euro übersteigen, bis 2040 eine Milliarde Euro; die operative Marge soll bei 35 bis 40 Prozent liegen. Für die operative Umsetzung erwartet das Unternehmen rund 70 Reaktoren zwischen 2033 und 2045, wobei etwa ein Drittel im HaaS-Modell realisiert werden könnte; bis 2045 soll HaaS ungefähr die Hälfte des Umsatzes ausmachen. Als Kernmärkte nennt Steady Energy Finnland, Schweden, Polen und Tschechien, wo Fernwärme verbreitet ist; dort beziffert das Unternehmen das Potenzial auf 230 bis 300 Reaktoren und ein Marktvolumen von rund 30 Milliarden Euro.
Die EU-Komponente ordnet das Vorhaben in eine breitere Industrie- und Förderlogik ein. Die EIB-Finanzierung ist Teil einer Strategie der EU-Kommission, die im Frühjahr einen Plan vorgestellt hat, bis Anfang der 2030er Jahre die ersten SMRs und fortgeschrittenen modularen Reaktoren (AMR) in Europa ans Netz zu bringen; bis 2050 nennt die Kommission ein SMR-Kapazitätsspektrum von 17 bis 53 Gigawatt. Einsatzfelder werden dabei nicht nur bei Strom, sondern auch bei Fernwärme, Industriewärme, Wasserstoffproduktion und der Versorgung von Rechenzentren gesehen. Direkte Zusagen der EU werden in der Berichterstattung als vergleichsweise begrenzt beschrieben: Eine Analyse eines Think Tanks beziffert gezielte Unterstützung von 215 Millionen Euro, unter anderem über die InvestEU-Garantie für erste kommerzielle Anlagen sowie Sicherheitsforschung im Rahmen von Euratom. Ein geschätzter Gesamtinvestitionsbedarf für Kernkraft in der EU bis 2050 wird dem gegenüber mit 241 Milliarden Euro angegeben, während der Branchenverband nucleareurope die Pläne zwar begrüßt, aber zusätzliche finanzielle Unterstützung für notwendig hält. Für Steady Energy bedeutet das: Das Kapitalmarkt- und Fördermix aus EIB, privaten Zeichnern und flankierenden Instrumenten wie Reallabore im Kontext des Net-Zero Industry Act sowie Initiativen für Lieferketten dürfte den Ton setzen.
In Österreich wird das Thema parallel an einer weiteren SMR-Entwicklung gespiegelt, wobei die Faktenlage und die rechtlichen Rahmenbedingungen klar auseinanderlaufen. Ein Grazer Unternehmen namens Emerald Horizon ist seit dem Frühsommer an der Wiener Börse notiert und wird laut Angaben aus der Berichterstattung über Kapitalmarktwerte mit rund 1,2 Milliarden Euro bewertet; Emerald Horizon verfolgt mit dem SMRX ein modulares, unterkritisches Energiesystem auf Thoriumbasis. Die Pläne umfassen auch einen als Hochtemperatur-Kreislauf beschriebenen „Power-Loop“ in Eindhoven; gleichzeitig betont das Projekt, dass Forschung und Entwicklung in Graz bleiben sollen, während Reaktoren in Österreich nicht vorgesehen sind. Der Grund liegt im Atomsperrgesetz von 1978. Für die strategische Einordnung heißt das: Während Steady Energy einen reinen Wärmefokus und ein HaaS-Modell als Vermarktungshebel nutzt, zeigt die österreichische Parallelstory vor allem, wie stark Technologiepfade durch nationale Genehmigungs- und Rechtslage geprägt werden – selbst wenn der Kapitalmarkt Ideen sichtbar macht.
Für potenzielle Investoren und Entscheider in Energiewirtschaft und Industrie ist damit vor allem eins greifbar: Steady Energy versucht, das typische SMR-Setup aus hoher Vorlaufzeit, komplexem Genehmigungsrisiko und langfristigen Betreiberverträgen in ein finanziell „übersetzbares“ Modell zu bringen. Die EIB als zinsfreier Wandlungspartner reduziert die unmittelbare Cash-Last, die Börsennotierung schafft Marktliquidität, und Heat as a Service verlagert das Betriebsrisiko zumindest teilweise vom Wärmeabnehmer auf den Technologieanbieter. Ob der ambitionierte Zeitplan – politische Grundsatzentscheidung 2027 oder 2028, Bauantrag 2028 oder 2029 und Baubeginn des ersten Reaktors 2029 oder 2030 – tatsächlich aufgeht, hängt an vielen technischen und regulatorischen Unwägbarkeiten. Trotzdem ist die Meldung ein klares Signal: Im SMR-Segment werden Kapitalmarktinstrumente, EU-Förderlogik und ein abstrahiertes Abnahmeprodukt (Wärme) immer enger miteinander verknüpft.
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