BESANÇON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die französische Armee sucht im Kommando „Future Combat Command“ nach Wegen, die eigene Lage im Gefechtsfeld wieder schwer erkennbar zu machen. Gen. Bruno Baratz verknüpft die Idee von „Opacity“ mit physischen Attrappen, elektronischer Kampfführung und elektromagnetischer Täuschung. Hintergrund ist die datengetriebene Pattsituation an der Front, in der Drohnenbeobachtung das Sammeln von Kräften stark erschwert. Gleichzeitig fordert er ein Update beim Tempo der Telekommunikation und bei KI, die mit möglichst wenig Energie auskommt.

Auf dem modernen Gefechtsfeld ist Sichtbarkeit zunehmend kein Zufall mehr, sondern eine technische Eigenschaft: Sensoren, Drohnen und datenintensive Aufklärungsketten liefern in kurzen Zyklen immer präzisere Lagebilder. Gen. Bruno Baratz, der das Future Combat Command der französischen Armee führt, beschreibt daraus entstehende Konsequenzen ziemlich direkt: Wenn sich Annäherung und Aufklärung gegenseitig beschleunigen, wird offensive Beweglichkeit in der Praxis zur Gefahr für die eigenen Kräfte. Er setzt daher auf einen gezielten Gegenentwurf zur Transparenz – „Opacity“ –, also auf Verfahren, die den Gegner nicht nur blenden, sondern dessen Sensoren in eine falsche Interpretation treiben.
Das Kernproblem verortet Baratz an der ukrainischen Front: Eine nahezu kontinuierliche Drohnenbeobachtung sorge dafür, dass weder die eine noch die andere Seite Kräfte konzentrieren kann, ohne sich damit selbst für die Zerstörung freizugeben. Er vergleicht das mit dem Ersten Weltkrieg, als Artillerie und Maschinengewehre das Manövrieren ebenfalls in extreme Kosten gezwungen hätten. In dieser Logik entsteht eine taktische Stagnation, weil defensive Systeme oft „mächtiger“ wirken als die offensiven Mittel zur Durchsetzung. Baratz formuliert das als Systemfrage: „Bit of opacity“ müsse in einer Welt der Transparenz wieder herstellbar werden, um aus der Pattsituation herauszukommen.
Technisch denkt das Kommando „Opacity“ offenbar mehrdimensional. Baratz nennt ausdrücklich „eine große Zahl“ möglicher Täuschungsansätze – von physischen Attrappen bis hin zu elektronischer und elektromagnetischer Manipulation. Auf einer Innovationsveranstaltung der 7. Panzerbrigade in Ostfrankreich wurden dafür auch anschauliche Beispiele gezeigt: aufgeblasene Nachbildungen von Ausrüstung wie einem Caesar-Geschütz und dem VBL-Leichtgefechtsfahrzeug. Solche Attrappen zielen dabei nicht auf das „Wegzaubern“ realer Bedrohungen, sondern auf die Überzeugungskraft für gegnerische Sensoren und Auswerteketten, also darauf, dass Zielzuweisung und Entscheidungsketten weiterhin Zeit verlieren oder in die falsche Richtung laufen.
Daneben rückt Baratz die elektromagnetische Ebene in den Mittelpunkt, inklusive Störmaßnahmen sowie elektronischer und sogar Cyber-Warfare, weil die Systeme der Streitkräfte immer stärker vernetzt werden. Genau hier liegt auch der operative Engpass: Selbst wenn eine Seite plant, Kräfte zu bündeln, muss sie dafür eine temporäre Verwundbarkeit erzeugen – bei gleichzeitiger Vermeidung der eigenen „Zerstörung“, bevor der gewünschte Durchbruch überhaupt möglich ist. Baratz stellt deshalb drei Fragen, die wie eine technische Checkliste für die nächsten Experimente klingen: Wie kann man den Gegner „blind“ machen? Wie lässt sich die Absicht verbergen oder verfälschen? Und wie verhindert man, dass Sensoren „die richtigen Dinge“ sehen, sodass die Konzentration von Kräften nicht im Ansatz zerstört wird?
Für die strategische Perspektive verbindet Baratz „Opacity“ außerdem mit mehreren Technologielinien, die über das reine Täuschungsrepertoire hinausgehen. Genannt werden unter anderem Quanten-Technologie-Ansätze, sowohl für sichere Kommunikation als auch für Sensorik. Ebenso fällt das Stichwort Multi-Spektralbildanalyse: Sie soll dabei helfen, Dinge „unter Bäumen“ und „unter Deckung“ zu erkennen – also genau dort, wo klassische Sichtkanäle scheitern und der Gegner mit Tarnung arbeitet. Gleichzeitig betont Baratz, dass neue Fähigkeiten häufig von KI getrieben werden, und spricht damit eine Verschiebung an: Wo früher Expertenwissen und manuelle Auswertung dominierten, übernehmen datenbasierte Modelle zunehmend die Erkennungsschritte. Das führt wiederum zu einem neuen Risikomuster, weil die Kommunikationsinfrastruktur und Bandbreite mit dieser Entwicklung nicht Schritt hält.
Seine Kritik richtet sich deshalb auch auf den Transformationsrhythmus. Baratz beschreibt den technologischen Wandel in manchen Bereichen als so schnell, dass er eher in Wochen als in Monaten oder Jahren messbar sei, während die militärische Telekommunikation gegenüber dem zivilen Sektor bei Bandbreite und Datenübertragung „weit zurückliegt“. Wenn der moderne Gefechtsablauf um Daten organisiert ist, bremst ein Rückstand in der Übertragungsleistung die Umsetzung von KI-gestützter Lageverarbeitung, die Verteilung von Missionsparametern und letztlich auch die Fähigkeit, Entscheidungen im gleichen Takt zu treffen. Zugleich skizziert er eine mögliche „Revolution“ im Kriegsbild, vergleichbar mit dem Jahr 1920, als Mechanisierung und Funkkommunikation die Geschwindigkeit des Manövers steigerten – nur dass heute Daten, digitale Infrastruktur und algorithmische Auswertung die gleiche Rolle spielen könnten.
Damit Innovation nicht nur als Leitidee bleibt, setzt das Future Combat Command laut Baratz auf einen anderen Ansatz als klassische Top-down-Planung: Experimente, „testing, tinkering, experimenting“ sollen auf Regiments-Ebene stattfinden, um das System laufend effizienter, flexibler und anpassungsfähiger zu machen. Große Programme bleiben zwar nötig, doch die Armee will die Möglichkeiten auch über die Reibung mit zivilen Technologien erweitern und zunehmend offene Architekturformen nutzen, um Komponenten leichter austauschen und integrieren zu können. Konkreter wird Baratz bei der Finanzierung: Pro Regiment stellt die Armee jährlich 150.000 Euro bereit, um eigene Projekte zu fördern oder seriennahe, „off-the-shelf“-Ausrüstung zu beschaffen. Zusätzlich sollen die sogenannten „subsidiarity credits“ von 20 Millionen Euro durch weitere 35 Millionen Euro im Verteidigungshaushalt 2027 aufgestockt werden.
Inhaltlich nennt Baratz zudem Bereiche, in denen er „reale Bedürfnisse“ sieht: Robotik, autonome Fahrzeuge, diskrete Mobilität und die Erzeugung von Energie direkt am Gefechtsfeld. Dass dafür neue Unternehmen in den Markt drängen und gezielt an die französischen Streitkräfte herantreten, sieht er als Impuls für ein breiteres Ökosystem – auch mit Blick auf zunehmend europäische Akteure. Licht und Strom werden dabei zum doppelten Thema: Elektrische Leistung kann Kräfte unauffälliger machen, macht sie aber zugleich verwundbar, weil Aufklärungssysteme und Daten-Hubs im Frontbereich energieintensiv sind. Genau deshalb nennt Baratz „frugal artificial intelligence“ als Zielrichtung: KI soll so ausgelegt werden, dass sie möglichst wenig Energie verbraucht – ein Detail, das in der Praxis darüber entscheidet, ob datengetriebene Entscheidungen im Feld überhaupt dauerhaft zuverlässig laufen können.
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