FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Russlands wartime economy verliert spürbar an Zugkraft: Das Defizit wächst, die Konsumstimmung sinkt und die Regierung muss vermehrt Geld über Steuern und Kreditbeschaffung organisieren. Zwar stützen hohe Öl-Einnahmen und niedrige Arbeitslosigkeit die Lage kurzfristig, doch die längerfristigen Belastungen nehmen zu. Besonders Druck entsteht durch hohe Finanzierungskosten, die zivile Unternehmen treffen können. Mehrere Ökonomen warnen, dass die strukturellen Grundlagen erodieren – eine akute Krise sei aber noch nicht absehbar.

Russlands Kriegskonjunktur zeigt Risse: Schulden, Defizit und schwächeres Wachstum
Russlands Kriegskonjunktur zeigt Risse: Schulden, Defizit und schwächeres Wachstum (Foto: IT BOLTWISE)
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Russlands Wirtschaft befindet sich laut mehreren Ökonomen in einem Zustand, den man eher als „tolerierbare Stabilität“ beschreiben kann als als unmittelbaren Absturz. Der Mechanismus dahinter ist nicht neu: Der Staat stützt Wachstum über stark erhöhte Militärausgaben, während zugleich die Einnahmeseite durch hohe Energiepreise kurzfristig stabil bleibt. Im Hintergrund bleibt aber eine wachsende Spannung aus steigenden Defiziten, sinkender Konsumlaune und einem Umfeld, das Innovation und Produktivität ausbremst. Damit verschiebt sich die Frage von „Gibt es die nächste Kassenkrise?“ hin zu „Wie lange lässt sich diese Finanzierungslogik noch durchhalten?“

Bei den Haushaltszahlen zeigt sich der Verschleiß besonders deutlich. Berichte über Budgetdaten bis Ende Juli weisen auf ein Defizit von 2,8% der jährlichen Wirtschaftsleistung hin – nahezu doppelt so hoch wie das ursprüngliche Jahresziel. Gleichzeitig seien die verfügbaren Mittel im Reservefonds auf 1,6% des BIP zusammengeschrumpft, was den Kreml zwingt, sich verstärkt über inländische Geldquellen zu refinanzieren. Das verschiebt Risiken in Richtung Staatsschulden und Zinsen: Die Renditen russischer Anleihen liegen der Darstellung zufolge bei bis zu 17%, und das erhöht die Kosten für neue Verbindlichkeiten. Laut Janis Kluge, Experte für russische Finanzen am Deutschen Institut für internationale und sicherheitspolitische Fragen, verstärkt das die Zweifel, wie lange sich der Kriegsausgabenhebel aufrechterhalten lässt.

Technisch betrachtet liegt ein Teil des Drucks darin, dass der Staat finanzpolitisch mehrere Kanäle parallel öffnet. Dazu zählt erstens eine höhere Belastung der privaten Haushalte, etwa durch die Anhebung der Mehrwertsteuer bei Kassenumsätzen sowie zusätzliche Gebühren. Zweitens zieht der Staat nach Angaben aus dem Bericht die Steuerregeln für kleine Unternehmen enger, was in der Praxis weniger Wachstumsspielraum bedeutet. Drittens geht die Finanzierung auch über den privaten Kreditmarkt: Compliant agierende Banken sollen verstärkt private Kredite an defense-nahe Unternehmen vergeben, sodass Teile der Schulden nicht direkt in den Defizitkennziffern sichtbar werden. Genau diese „Umleitung“ kann kurzfristig die Haushaltsstatistik entlasten, während die reale Verschuldungslast in der Wirtschaft trotzdem ansteigt – mit möglichen Folgen für Investitionen und die Fähigkeit ziviler Firmen, mit der Verteidigungsindustrie um Kapital zu konkurrieren.

Wie stark das in die Breite durchschlägt, zeigt die Stimmung im Alltag – allerdings ohne eindeutige Krisenindikatoren. Der vom Levada Center ermittelte Verbraucherindex sei über den Sommer auf 94 gefallen, nachdem er im Frühjahr und Sommer 2025 noch bei 116 gelegen habe. Werte unter 100 werden dabei als eher negativ als positiv interpretiert. Gleichzeitig berichten viele Haushalte von konkreten Belastungen wie höheren Benzinpreisen und Engpässen, die laut Bericht auch mit ukrainischen Drohnenangriffen zusammenhängen, welche Raffinerien getroffen hätten. Dazu kommen Probleme für kleine Firmen: Bestände und Kunden seien nach Schilderungen im Kontext von Streiks gegen Onlinehändler wie Wildberries und Ozon verloren gegangen. Trotzdem wird betont, dass das Muster eher „Grummeln“ als massenhafte Protestbereitschaft widerspiegelt – und dass politische Stabilitätsnarrative vor der inszenierten Parlamentswahl kurzfristig politisch wirken können.

Auch die Wachstumsdynamik folgt einer Logik mit abnehmendem Schwung. Das Wachstum habe sich von einem Peak von mehr als 4% jährlicher Expansion in den Jahren 2023/24 verlangsamt; für das laufende Jahr werde in der Darstellung lediglich 0,6% prognostiziert. Gleichzeitig habe es im ersten Quartal einen Rückgang gegeben, der im zweiten Quartal wieder etwas aufgefangen worden sei. Der Kernpunkt dieser Entwicklung ist nicht nur das Tempo, sondern die Kombination aus niedriger Wachstumsrate und steigender Verschuldung: Höhere Ausgaben treffen auf begrenzte finanzielle Spielräume, während gleichzeitig neue Investitionen fehlen, die die Produktivität erhöhen könnten. Torbjörn Becker von der Stockholm School of Economics spricht deshalb von einer „un nachhaltigen“ Entwicklung; das „Wann“ einer Krise bleibe aber nach seiner Einschätzung hochgradig ungewiss. So entsteht das Paradox, dass die Wirtschaft nicht kollabiert, aber ihre strukturellen Fundamente weiter ausdünnen.

Ein weiterer Belastungsfaktor liegt in der Energie- und Sanktionslage. Während Öl-Exporterlöse nach Angaben aus dem Bericht zeitweise unter 10 Milliarden US-Dollar pro Monat gesunken waren, hätten sie sich im Juni auf 15,8 Milliarden US-Dollar und im Juli auf 13,8 Milliarden US-Dollar erholt. Becker ordnet diese Schwankungen so ein, dass Budgetzwänge für eine gewisse Zeit praktisch verschwinden können, solange hohe Energiepreise anhalten. Um das zu ändern, nennt er als Priorität strengere Maßnahmen gegen Sanktionsumgehungen durch die Öltanker-Flotte. Parallel dazu wirkt der Arbeits- und Produktionsdruck: In Regionen, die ärmer sind als Moskau und Sankt Petersburg, profitieren Verteidigungsfabriken und Einberufungsprämien, und die Arbeitslosigkeit liege landesweit bei 2,2%. Als Beispiel werden Produktionsausweitungen bei großen Industrieakteuren genannt, ebenso wie Engpässe bei qualifizierten Arbeitskräften, die durch Abwanderung mehrerer hunderttausend überwiegend jüngerer Menschen aufgrund von Sorgen um Einberufung und Repression verschärft würden.

Für Unternehmen und Tech-nahe Investoren ist vor allem die Frage relevant, wie sich Finanzierung, Zinsumfeld und technologische Isolation langfristig auf die Innovationsfähigkeit auswirken. In dem Bericht wird beschrieben, dass Zentralbank-Entscheidungen die Zinssätze hoch halten, um die Inflationsfolgen der Kriegsausgaben zu begrenzen; das belastet jedoch zivile Firmen stärker, da defense-nahe Akteure offenbar privilegierten Zugang zu Kredit erhalten. Zudem wird erwähnt, dass der Chefökonom der staatlichen Entwicklungsbank VEB.RF, Andrei Klepach, vor einem Rückstand in der technologischen und wirtschaftlichen Wettbewerbssituation gewarnt habe; er sei anschließend entlassen worden. Unterm Strich deutet das Bild darauf hin, dass der „Rüstungsmodus“ zwar kurzfristig Stabilität erzeugt, aber mittelfristig die Spielräume für Produktivitätssteigerungen verengt – ein Muster, das für jedes System, das dauerhaft über Defizite und hohe Zinsen gesteuert wird, strukturelle Risiken mit sich bringt.


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