LONDON (IT BOLTWISE) – Bitcoin beendet den September aktuell mit einem Plus, obwohl der Monat wiederholt als historisch schwächster Zeitraum galt. Nach einem Rücksetzer auf etwa 76.000 US-Dollar dreht die Kryptowährung bis Mitte September wieder über 81.000 US-Dollar. Der Blick auf Q4 hängt nun daran, ob in Oktober frische Zuflüsse in Spot-Bitcoin-ETFs zurückkehren und ob die US-Notenbank die Zinsen weiter anhebt. Entscheidend wird damit weniger das Kalender-Muster als das Zusammenspiel aus ETF-Flows, Leverage-Liquidationen und Fed-Entscheidungen.

September war für Bitcoin lange ein dicker Brocken: Laut CoinGlass hat die Kryptowährung in acht von 13 September-Monaten seit 2013 Verluste gemacht, wobei die durchschnittliche Monatsrendite bei rund -2,9% liegt. Diese Statistik hat sich in der Händlerpraxis als „Red September“ verfestigt. Im laufenden Jahr weicht das Bild jedoch spürbar ab: Bitcoin schloss August bei 78.563 US-Dollar und notierte am 19. September 2026 bei 81.214 US-Dollar, also rund 3,4% im Plus. Allein diese Veränderung erklärt, warum Marktteilnehmer den September-Effekt „testen“, statt ihn als unantastbare Regel zu behandeln.
Der wichtigste Einwand gegen eine einfache Ableitung lautet: Der Datensatz ist klein. Die „Worst-Month“-These stützt sich auf 13 Jahre, und selbst ein einzelnes Jahr kann den Durchschnitt um nahezu einen Prozentpunkt verschieben. Genau deshalb ist die Entwicklung der letzten September-Monate so interessant: Nach der Phase mit durchgehend fallenden Septembers von 2017 bis 2021 – inklusive eines Minus von 13,4% im Jahr 2019 – war „Red September“ über fünf Jahre hinweg statistisch plausibel. Seit 2022 fehlt aber das alte Muster. CoinGlass weist für die vergangenen drei Septembers Gewinne aus: 2023 (+3,9%), 2024 (+7,3%) und 2025 (+5,2%). Der laufende September (+3,4% bis 19. September) fügt sich damit eher in eine länger andauernde Trendänderung als in eine einmalige Ausnahme ein.
Trotz der positiven Monatsentwicklung wirkt der Weg dorthin wie ein Stresstest für die Marktmechanik. Zwei Ereignisse trafen Bitcoin direkt: Am 15. September stimmte der US-Senat mit 49 zu 50 dagegen, den „CLARITY Act“ voranzubringen, der auf verbindliche Bundesregeln für den Krypto-Markt zielt. Am 16. September zog die US-Notenbank nach und erhöhte die Leitzinsen um 25 Basispunkte in eine Spanne von 3,75% bis 4,00% – die erste Anhebung seit 2023. In der Folge fiel Bitcoin auf etwa 76.000 US-Dollar und hielt sich dort, während am 15. September nach Angaben von SoSoValue rund 450 Millionen US-Dollar aus Spot-Bitcoin-ETFs abgezogen wurden. Auffällig ist dabei der Kontrast zum vorherigen Käuferprofil: In den drei Wochen bis zum 5. September flossen etwa 3,8 Milliarden US-Dollar zu – also genau zu dem Zeitpunkt, an dem der Markt eigentlich besonders nach Halt hätte suchen sollen.
Die Gegenbewegung kam dann nicht aus dem Nichts, sondern über Marktstrukturen. Nach dem Tief bei rund 76.400 US-Dollar am 17. September stieg Bitcoin bereits am Folgetag wieder auf 81.702 US-Dollar. Der Bericht ordnet den Rebound vor allem „gezwungenem“ Kaufdruck zu: Short Seller mussten ihre Positionen zurückkaufen, nachdem in kurzer Zeit rund 300 Millionen US-Dollar in stark gehebelt platzierten Trades liquidiert wurden – in vier Stunden. Für die Nachhaltigkeit einer Rally ist dieser Unterschied entscheidend: Zwangskäufe erzeugen oft kurzfristige Preisimpulse, aber nicht automatisch dieselbe Qualität wie neue Nettozuflüsse. Deshalb wird der Oktober-Fokus sehr konkret: Bleiben die ETF-Flows im Plus und kommen neue Käufer nach, oder war die Bewegung vor allem ein durch Leverage getriebener „Short Squeeze“?
Ein Blick in die eigene Historie macht die Erwartungslage noch ambivalenter. CoinGlass zufolge schloss Bitcoin in den Jahren 2015, 2016, 2023 und 2024 den September höher – und in diesen Fällen endete auch das jeweilige vierte Quartal im Plus, darunter +57% in 2023 und +48% in 2024. Genau daraus leitet sich auch das Markt-Catchy „Uptober“ ab, also der Gedanke, dass Oktober und Q4 bei Bitcoin statistisch vergleichsweise gut laufen. 2025 bricht diese Logik allerdings: Auf einen Septembergewinn von 5,2% folgte ein Rückgang von -23,1% im vierten Quartal. Der Preisrutsch habe bereits im Oktober begonnen, als eine Zollbedrohung von US-Präsident Trump um den 10. Oktober herum zu rund 19 Milliarden US-Dollar an Liquidationen geführt habe und Bitcoin bis zum Jahresende den Rückstand nicht mehr aufholte. Das zeigt: Selbst wenn ein September „grün“ endet, kann Q4 durch spätere Schocks und Kapitalabflüsse kippen.
Welche Faktoren sprechen diesmal eher für Stabilität, welche eher dagegen? Der Text stellt vor allem zwei Hebel in den Mittelpunkt: erstens, ob die ETF-Zuflüsse im Oktober nach dem August-Niveau (genannt werden 3,5 Milliarden US-Dollar) wieder anlaufen, und zweitens, ob die Fed erneut anzieht. Relevanz hat dabei auch die Erwartungshaltung innerhalb der Fed selbst: In den September-Projektionen erwarten 12 von 18 Entscheidungsträgern, dass die Zinsen 2026 höher enden als heute. Daraus folgt zumindest die Möglichkeit weiterer Schritte bei den nächsten Sitzungen am 27./28. Oktober oder am 8./9. Dezember. In der Gegenwart hat Bitcoin bereits eine Zinsanhebung im Monat „durchgehalten“. Fraglich bleibt, ob auch eine zweite Anhebung die Marktliquidität und die Risikoappetit-Parameter erneut spürbar belastet.
Für Bitcoin-Inhaber und für Unternehmen, die Krypto als Treasury- oder Infrastruktur-Thema beobachten, lässt sich das in eine nüchterne Schwelle übersetzen. Der Text nennt als Rechenbasis: Bitcoin müsste im Jahr 2026 um 7,7% zulegen, um über dem Startkurs von 87.497 US-Dollar zu schließen. Das bedeutet, dass vor allem das vierte Quartal entscheidet, ob 2026 rechnerisch in den roten Bereich rutscht oder nicht. Wenn ETF-Zuflüsse zurückkommen und die Fed pausiert, könnte sich die benötigte Bewegung frühzeitig aufbauen. Bleiben die Flows jedoch negativ und kommt eine weitere Zinserhöhung hinzu, dann würde ein grüner September eher zu dem Muster passen, das 2025 gezeigt hat – nämlich dass ein starker Monatsabschluss nicht automatisch die Jahreswende sichert.
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