LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Online-Studie mit 308 Teilnehmenden untersucht, wie sich Schizophrenie-Stigma und der Erfolg kreativer Arbeit auf das Interesse an einer Person in sozialen Medien auswirken. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Geschlechterunterschied: Frauen möchten dem Beispielprofil grundsätzlich eher Interaktionen geben als Männer. Besonders auffällig ist das Bild in der Variante, in der die kreative Arbeit scheitert und die Person dennoch als an Schizophrenie leidend beschrieben wird. Wenn die Kreativleistung dagegen als erfolgreich dargestellt wird, verschwinden die Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Studie zu Schizophrenie-Stigma: Frauen zeigen mehr Interesse an kreativen Profilen
Studie zu Schizophrenie-Stigma: Frauen zeigen mehr Interesse an kreativen Profilen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wird Schizophrenie in Verbindung mit kreativer Leistung sichtbar, entscheidet das offenbar nicht jede Person gleich über Sympathie und Austausch. Eine Studie, die in EvoS Journal: Evolutionary Studies and Higher Education veröffentlicht wurde, setzt genau an dieser Schnittstelle an: Die Forschenden ließen Teilnehmende ein fiktives Profil in einem Social-Media-Kontext bewerten und variierten dabei zwei Informationen gleichzeitig – zum einen, ob die Person von Schizophrenie betroffen ist, zum anderen, ob ihre kreative Arbeit veröffentlicht wird.

Im Kern geht es um mentales Gesundheitsstigma als sozialpsychologisches Phänomen. Stigma beschreibt dabei negative Stereotype und Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen; in der Untersuchung wird auch das typische Muster sichtbar, dass Betroffene als gefährlich, unberechenbar, schwach oder sozial wenig kompetent eingeordnet werden. Solche Zuschreibungen können soziale Ablehnung begünstigen, den Zugang zu Arbeit und Beziehungen erschweren und zudem dazu führen, dass die Betroffenen Vorurteile teilweise verinnerlichen. Genau dieser Mechanismus bildet die Hintergrundfolie, vor der die Rolle von Kreativität als möglicher „Gegenbeweis“ für pauschale Abwertungen getestet werden soll.

Technisch betrachtet bleibt die Studie dennoch konzeptionell klar: Sie prüft keine klinischen Verläufe, sondern manipuliert wahrnehmungsrelevante Signale, die im Alltag über Posts entstehen. Die Teilnehmenden (insgesamt 308; 167 Frauen), rekrutiert über Prolific Academic, sahen jeweils einen hypothetischen Facebook-ähnlichen Beitrag einer Person, deren Profilbild bewusst geschlechtsneutral gestaltet war, um Verzerrungen durch äußere Merkmale zu reduzieren. Bewertet wurde das Interesse an Interaktionen über mehrere Wege – vom Liken oder Kommentieren bis hin zur Einordnung als Freund oder als romantischer Partner. Ergänzend sollten die Teilnehmenden die Stärke von Stereotypen messen, indem sie einschätzten, wie stark sich eine Person mit Schizophrenie ihrer Ansicht nach von der Allgemeinbevölkerung in insgesamt 22 Eigenschaften unterscheidet.

Die Manipulationen folgten einem zweifaktoriellen Design: In einer Variante wurde erwähnt, dass der Zielcharakter an Schizophrenie leidet; in der anderen blieb dieser Hinweis aus. Zusätzlich wurde das Ergebnis der kreativen Arbeit variiert – ob ein Gedicht als veröffentlicht akzeptiert wurde oder ob es abgelehnt wurde. Konkreter Hintergrund: Der Beitrag war so geschrieben, als würde die Person ein Update geben und zugleich von ihrer Arbeit an der Poesie berichten, wobei die Bedingungen entsprechend „gut geht“ oder „mit Schizophrenie zu kämpfen“ betont. Die Messgröße war dabei nicht, ob Teilnehmende die Erkrankung medizinisch verstehen, sondern ob das Zusammenspiel aus Krankheitslabel und Erfolgserzählung die Bereitschaft erhöht oder senkt, Kontakt aufzunehmen.

Die Resultate sind mehrschichtig, aber in der Logik gut nachzuvollziehen. Insgesamt zeigten Frauen ein höheres Interesse an der Interaktion mit dem Zielprofil als Männer – und zwar unabhängig davon, ob die kreative Arbeit erfolgreich war oder nicht. Der interessante Zusatz kommt bei der Analyse auf Bedingungsebene: In der Konstellation, in der die Person sowohl als schizophren beschrieben wurde als auch mit der Veröffentlichung scheiterte, stieg der Wunsch nach Interaktion bei Frauen stärker als bei Männern. War die kreative Leistung dagegen erfolgreich, unterschieden sich Männer und Frauen in ihrer Interaktionsbereitschaft nicht mehr. Das deutet darauf hin, dass Erfolgserzählungen bei bestimmten Zielgruppen eine kompensierende Wirkung haben können, während das Scheitern in Kombination mit dem Krankheitslabel die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verstärkt.

Auch weitere Details passen in dieses Bild. Insgesamt lag das durchschnittliche Interaktionsinteresse näher am negativen Skalenpol, also Richtung „nicht interagieren“. Gleichzeitig zeigte sich ein Zusammenhang mit persönlicher Erfahrung: Teilnehmende, die angaben, Freunde mit psychischer Erkrankung zu haben, bewerteten das Profil eher positiv, wenn die Person kreativ erfolgreich war und nicht als schizophren beschrieben wurde, verglichen mit der Variante, in der beides fehlte – also Nicht-Erfolg bei gleichzeitiger Erkrankungsbeschreibung. Die Studie argumentiert damit, dass soziale Akzeptanz nicht nur von abstracten Einstellungen abhängt, sondern auch von der konkreten Verknüpfung von Informationen, die im Alltag schnell, aber oft selektiv verarbeitet werden.

Wichtig ist zugleich der methodische Einschnitt: Die Teilnehmenden sollten die Zielperson ausschließlich auf Basis eines kurzen Posts beurteilen. In realen Situationen entsteht das Bild einer Person über Kontext, wiederholte Interaktionen, Gesprächsinhalte und oft auch über die Möglichkeit, widersprüchliche Signale einzuordnen. Die Forschenden weisen deshalb darauf hin, dass Studien mit umfangreicherem Informationspaket zu abweichenden Ergebnissen führen könnten. Für Organisationen und Entwickler von KI-gestützten Social-Plattformen, die sich mit verantwortungsvoller Personendarstellung beschäftigen, steckt darin eine konkrete Lehre: Sichtbare Leistungsindikatoren (wie „erfolgreich veröffentlicht“) können Wahrnehmungen stabilisieren, während Krankheitslabels in Kombination mit negativen Erfolgszeichen zusätzliche Barrieren verstärken können.


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