LONDON (IT BOLTWISE) – Ein KI-Sprachmodell hat einen verschlüsselten Funkspruch aus dem Ersten Weltkrieg entschlüsselt, der laut Überlieferung fast 108 Jahre lang als unlesbar galt. Die Nachricht wurde Ende November 1918 gesendet und hing mit dem ADFGVX-Verfahren zusammen. Entscheidend war offenbar die richtige Anwendung eines bereits bekannten Kennworts für die Transpositionsphase. Der entschlüsselte Inhalt meldet die Ankunft eines britischen Kreuzers in Sewastopol und wird mit Logbucheinträgen der HMS Canterbury abgeglichen.

Dass ein verschlüsselter Funkspruch aus dem Ersten Weltkrieg nach rund 108 Jahren noch „knackbar“ sein soll, wirkt zunächst wie ein reiner KI-Spektakelmoment. Bei genauerem Hinsehen zeigt die Rekonstruktion aber vor allem, wie eng moderne Sprach- und Suchmodelle mit historisch dokumentierten Formeln zusammenarbeiten können: Wenn die Verschlüsselungslogik bereits bekannt ist, müssen KI-Systeme nicht zwingend kryptografische Neulandarbeit leisten, sondern sie können den richtigen Schlüsselkontext und die korrekte Entschlüsselungsroute zuverlässig aus dem Material ableiten. Im vorliegenden Fall geht es um einen Funkspruch der deutschen Streitkräfte, der am 27. November 1918 gesendet worden sein soll und zuvor auf einer Liste von ungelösten Kryptogrammen geführt wurde.
Der technische Kern liegt im ADFGVX-Verfahren, das in der Beschreibung als zweistufiger Ansatz aus Substitution und Transposition eingeordnet wird. Zuerst ersetzt das System jeden Buchstaben und die Ziffern 0 bis 9 durch Paare aus einem vorgegebenen Zeichensatz aus A, D, F, G, V und X. Die Auswahl dieses Rasters wird dabei nicht nur als formaler Schritt verstanden, sondern funktional begründet: Weil sich die Zeichen A, D, F, G, V und X im Morsecode akustisch deutlich unterscheiden, sollte sie Übertragungsfehler beim Funken reduzieren. Diese Verbindung aus „praktischer Funk-Toleranz“ und formalisierter Ersetzung ist ein typisches Merkmal früherer militärischer Chiffren, bei denen die Kommunikationsumgebung direkt in die Chiffrierregeln einfließt.
Im zweiten Schritt kommt die Transposition: Ein geheimes Schlüsselwort bestimmt die Positionen innerhalb der Kodiermatrix. Die Nachricht wird anschließend in Gruppen von jeweils fünf Zeichen übertragen, jeweils als Morsecode ausgestrahlt. Interessant ist hier auch der betriebliche Kontext: Laut der Schilderung wechselten die Schlüsselwörter regelmäßig; zu Hochzeiten sollen täglich bis zu 150 solcher Funksprüche über den Äther gegangen sein. Für die Entschlüsselung ist damit nicht nur die Kenntnis des Verfahrens entscheidend, sondern vor allem das richtige Schlüsselwort, das die Zuordnung der Zeichenpaare in die korrekte Reihenfolge überführt.
Genau an dieser Stelle wird die Rolle des KI-Ansatzes greifbar. Als Entschlüsselungsgrundlage wurde ein ebenfalls bereits bekanntes Schlüsselwort herangezogen, das in der Darstellung als „TRUPPENVERSCHIEBUNG“ genannt wird. Das bemerkenswerte Detail ist weniger die Tatsache, dass die KI einen Text lesbar macht, sondern dass frühere Entschlüsselungsversuche möglicherweise an einer falschen historischen Annahme gescheitert sind: Fachleute gingen offenbar davon aus, das Kennwort sei erst ab dem 9. Dezember 1918 verwendet worden. Die nun entschlüsselte Nachricht stammt jedoch aus Ende November, was den Zeitbezug verschiebt und damit auch die Such- und Teststrategie beeinflusst. In so einem Szenario kann ein modernes Sprachmodell wie GPT-6 Astra die Abfolge aus „Schema + Kontext + Schlüssel“ schneller konsistent nachbilden als man es bei rein manuellen Rekonstruktionsrunden erwarten würde.
Der dechiffrierte Inhalt soll die Ankunft eines englischen Kreuzers in Sewastopol sowie ein nachfolgendes alliiertes Geschwader melden. Zur Plausibilisierung wird beschrieben, dass das Ergebnis mit historischen Aufzeichnungen abgeglichen wurde; konkret wird auf Logbucheinträge der HMS Canterbury verwiesen, die demnach die Ankunft des britischen Schiffs am 24. November 1918 im Hafen der Krim-Metropole bestätigen. Damit erfüllt der „Knack“-Moment eine zweite Bedingung: Es bleibt nicht bei einer rein rechnerischen Entschlüsselung, sondern wird über einen historischen Realitätscheck abgesichert. Gerade diese Kombination aus formaler Korrektheit und externem Abgleich ist in der Kryptogeschichte häufig der Unterschied zwischen „Algorithmus liefert irgendetwas“ und „Algorithmus liefert die wahrscheinlich richtige Nachricht“.
Für die Einordnung lohnt zudem der Blick auf die eigentliche Aussage des Falls: Er zeigt zwar eine gewisse Flexibilität von GPT-6 Astra beim Lösen eines Problems, aber die eigentliche Hürde lag offenbar weniger in der mathematischen Unbekanntheit als in der richtigen Anwendungslogik und der korrekten historischen Rahmenannahme. Damit verschiebt sich auch die Bewertung: Nicht das Kryptoverfahren selbst wurde neu erfunden, sondern die Entschlüsselung wurde durch einen automatisierten Rekonstruktionsprozess beschleunigt, der Muster und Parameter konsistent zusammenführt. Für Unternehmen und Entwickler bleibt daran eine praktische Lehre hängen: Wenn die strukturellen Regeln eines Problems gut dokumentiert sind, kann KI vor allem dort Wert schaffen, wo Kontextvariablen wie Zeitfenster, Schlüsselmaterial oder Formatdetails zuvor „zu sehr geraten“ wurden.
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