LONDON (IT BOLTWISE) – Aus dem Rekordkürbis eines Tapfheimers ist ein Start-up entstanden: Calabaza entwickelt eine flüssige Mischung aus Mikroorganismen für bessere Pflanzenentwicklung. Die Idee setzt nicht auf klassischen Dünger, sondern auf ein unsichtbares Mikrobiom-Netz im Boden, das Wasser und Nährstoffe effizienter verfügbar machen soll. Nach einem Prototyp im Frühjahr arbeitet das Team an einer lagerfähigen, bio-zertifizierten Variante. Die Finanzierung der ersten größeren Produktionscharge soll per Crowdfunding auf Startnext erfolgen.

Am Anfang stand für Luca Stöckl nicht ein Businessplan, sondern ein auffälliges Experiment mit einem Kürbis. Der 23-Jährige aus Tapfheim startete zunächst deutlich kleiner: mit unzähligen Versuchen, einer einzelnen Kulturpflanze und „etwas Glück“. Aus einer bestimmten Kombination von Mikroorganismen entstand ein Resultat, das mehr als nur Begeisterung auslöste. Mit 1041,5 Kilogramm wurde Stöckl 2023 deutscher Rekordhalter und Europameister im Kürbiszucht-Wettbewerb – und zugleich machte der Student damit eine Beobachtung, die später in ein Startup mündete.
Technisch lässt sich der Kern von Calabaza so beschreiben: Das Produkt ist eine flüssige Mischung aus verschiedenen Mikroorganismen, die im Boden ein Netzwerk bilden. Laut Beschreibung sollen die enthaltenen Pilze ein „unsichtbares Netz“ erzeugen, über das Wasser und Nährstoffe besser an die Pflanze gelangen. Ergänzend unterstützen Bakterien die Nährstoffversorgung. Der Gegentausch ist dabei Teil des Mechanismus: Die Pflanze liefert den Mikroorganismen Metaboliten, also Stoffwechselprodukte, die diese wiederum für ihr Wachstum nutzen. Genau diese Kopplung aus Bodenbiologie und Pflanzenphysiologie ist der Grund, warum das Konzept eher wie ein Biostimulans als wie ein klassischer Dünger funktioniert.
Für die Einordnung ist auch der Wechsel vom Laboransatz zur Anwendungslogik entscheidend. Anstatt einfach „zusätzliche Nährstoffe“ bereitzustellen, will Calabaza nach eigener Ausrichtung Hobbygärtnern helfen, vorhandene Ressourcen im Garten besser zu nutzen. Ziel sind besonders einjährige Kulturen, bei denen sich Unterschiede im Wurzelwachstum und in der Vegetationsphase oft früh zeigen. In der Wirkung geht es damit nicht nur um Ertrag im engeren Sinn, sondern auch um eine bessere Nutzung von Wasser und Nährstoffen im Kontext realer Bodenbedingungen. Dass Stöckl und sein Mitgründer Amine Kaddour diesen Ansatz zunächst in Experimenten aus der Freizeit heraus entwickelt haben, erklärt, warum die erste Produktphase bewusst auf den Gartenbereich setzt: Dort ist die Einstiegshürde geringer, und Feedbackschleifen lassen sich schneller aufbauen.
Spätestens mit finanzieller und fachlicher Unterstützung der TU München wurde aus einer Entdeckung jedoch ein planbarer Forschungs- und Gründungsprozess. Stöckl hatte dort seinen Bachelor in Molekularer Biotechnologie abgeschlossen, was die Entwicklung in Richtung belastbarer Prüfung lenkte. Anfang dieses Jahres schloss Calabaza die Prüfung eines ersten Prototyps ab. Danach folgte die praktische Herausforderung, die viele Biotech-Konzepte erst im Markt scheitern lässt: Ein Produkt muss nicht nur wirken, sondern auch lagerfähig sein und im Idealfall bio-zertifizierbar. Das Team arbeitete daher daran, die Mikroorganismen in einer Form bereitzustellen, die sich für eine größere Zahl von Anwendungen reproduzierbar herstellen und vertreiben lässt.
Der nächste Schritt ist folgerichtig skalierungsgetrieben. Laut Plan steht die erste größere Produktionscharge an, die das Startup nicht aus Eigenmitteln, sondern über Crowdfunding finanzieren will. Die Kampagne soll auf Startnext laufen, und die Logik ist für Unterstützer relativ klar: Werden die angesetzte Summe erreicht, erhalten die Unterstützer das Produkt; falls nicht, bekommen sie ihr Geld zurück. Für das Startup bedeutet das vor allem einen doppelten Test: Einmal die Zahlungsbereitschaft und zum anderen die organisatorische Fähigkeit, nach erfolgreicher Finanzierung zeitnah zu produzieren und zuzustellen. Damit rückt Calabaza in eine Phase, in der sich „wissenschaftlich getestete“ Ansprüche in ein operatives Lieferkonzept übersetzen müssen.
Auch inhaltlich deutet die langfristige Zielsetzung auf eine breitere Wirkung als nur auf Hobbybeete hin. Stöckl formuliert als Vision, die gesamte Landwirtschaft ökologischer zu machen. Das wäre mit dem Versprechen verknüpft, den Einsatz von Dünger zu reduzieren und Pflanzen widerstandsfähiger zu machen – besonders im Hinblick auf den Klimawandel. Für Unternehmen und Investoren liegt darin ein plausibles Narrativ: Wenn Bodenmikrobiologie Wasser- und Nährstoffflüsse stabilisiert, kann das bei Dürre- oder Stressphasen relevanter werden als bei idealen Bedingungen. Gleichzeitig bleibt der praktische Ausgang offen, denn die Wirksamkeit solcher Produkte hängt stark von Faktoren wie Bodenart, Kultur, Applikationszeitpunkt und Temperatur ab. Genau diese Parameter müssen in der nächsten Phase empirisch abgedeckt werden, damit aus der Erfolgsgeschichte des Rekordkürbisses ein wiederholbarer Markterfolg wird.
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