FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Zwischen 2009 und 2021 profitierten viele Anleger von Niedrigzinsen, billiger Energie und einem Umfeld, in dem Kapital „nahe null“ kostete. Laut Ali Masarwah spielt sich die Logik heute um: Gewinne weit in der Zukunft werden wieder stärker abgezinst, und die Refinanzierung wird für Unternehmen zu einem echten Stresstest. Gleichzeitig kehrt die Inflation zurück und kann dazu führen, dass Aktien und Anleihen nicht mehr wie früher gegeneinander arbeiten. Für Portfolios heißt das: klassische Mischansätze reichen nicht, und auch die Indexlogik vieler ETFs muss genauer geplant werden.

Wer zwischen der großen Finanzkrise und der Corona-Pandemie konsequent in Aktien investiert hat, bekam damals mehr als nur Marktrendite. In vielen Ländern ließen niedrige Zinsen, ein vergleichsweise ruhiger Inflationspfad und leicht verfügbares Kapital Bewertungen wachsen, ohne dass Investoren sich ständig mit den harten Folgen von Diskontierung und Refinanzierungsrisiken auseinandersetzen mussten. Ali Masarwah, Fondsanalyst und Geschäftsführer des Beratungshauses Envestor, beschreibt genau dieses mentale Modell als Ursprung mehrerer „Naturgesetze“: Rücksetzer wurden zum Kaufen genutzt, Bewertungslogik geriet zur Nebensache, und Anleihen galten lange als ausreichend robuste Absicherung. Das Entscheidende ist nicht, dass diese Regeln grundsätzlich falsch waren, sondern dass das Makroumfeld sie lange begünstigte.
Heute verändert sich die Zinsrechnung wieder deutlich. Masarwah verweist auf eine Phase, in der der Diskontsatz über Jahre hinweg nahe null lag und ein Gewinn in der Ferne ähnlich stark „zählt“ wie ein Gewinn im nahen Zeitfenster. Wenn diese Nachsicht verschwindet, verschiebt sich der Fokus im Portfolio automatisch: Zukunftserfolge werden stärker abgewertet, und die Fähigkeit, sich zu refinanzieren, kann bei steigenden Finanzierungskosten schneller zum kritischen Ereignis werden. In der Konsequenz rücken Bilanzstärke und -qualität stärker in den Mittelpunkt, während der zuvor unterschätzte Vorteil von Anleihen wieder sichtbar wird: Wer einen Teil der Zielrendite aus ordentlichen Zinsen ziehen kann, muss das Risiko am Aktienmarkt nicht in dem Maß aufbauen wie in einer Welt ohne Rendite aus dem Laufzeitband.
Damit ist aber erst die erste Hälfte der neuen Normalität beschrieben. Die zweite hängt eng mit Inflation zusammen, die seit 2022 nicht mehr als dauerhaft „besiegt“ gilt. Masarwah ordnet die Treiber vor allem als Angebotsschocks ein: Energiepreise, Zölle, knappe Arbeitskräfte, Ernteausfälle durch den Klimawandel sowie unterbrochene Transportwege. Für Portfolios ergibt sich daraus eine unangenehme Konsequenz, weil das klassische Mischportfolio vielfach auf einer negativen Korrelation zwischen Aktien und Anleihen beruhte. Diese Korrelation war laut dem Beitrag eher ein Produkt der Niedriginflationsära; in Inflationsphasen können beide Anlageklassen gleichzeitig fallen, wie es im Umfeld rund um 2022 und später wiederholt beobachtet wurde. Diversifikation muss daher auf andere Schultern verteilt werden: kurze Laufzeiten, inflationsindexierte Anleihen, reale Vermögenswerte wie Rohstoffe und Infrastruktur sowie Liquidität und – mit Einschränkungen – Gold.
Besonders markant ist außerdem, dass der Staat als Akteur am Kapitalmarkt wieder aktiver wird. Der Beitrag skizziert einen Aktivismus, der aus hohen Defiziten für Militär- und Sozialausgaben, verstärkten Zöllen, Exportkontrollen und Beteiligungen an strategischen Unternehmen entsteht. Damit verschiebt sich ein Teil der Renditeerzeugung von ausschließlich unternehmerischer Wertschöpfung hin zu politisch beeinflussten Zuteilungen; für Wettbewerber kann das nachteilig sein, weil Spielregeln und Zugangsmöglichkeiten nicht mehr rein marktseitig entschieden werden. Masarwah nennt dabei konkrete Beispiele aus den USA, etwa Kursbewegungen einzelner Unternehmen nach öffentlichen Bekanntgaben zu staatlichen Einstiegen. Über die konkrete Einzelaktie hinaus beschreibt er die geopolitische Logik: Lieferketten werden nach Bündnissen sortiert, kritische Materialien dienen als Druckmittel, und Produktionsstandorte orientieren sich stärker an politischer Verlässlichkeit als an reinen Stückkosten.
Diese Staats- und Makroverschiebungen treffen auf einen weiteren Strukturwandel: die Rückkehr einer kapitalintensiveren Wirtschaft. Der Beitrag setzt hier einen Kontrast zu den „Asset-light“-Jahren: Plattformen, Lizenzmodelle und ausgelagerte Fertigung waren lange gut steuerbar und hielten Kapitalbindung niedrig. Heute, so Masarwah, werden Rechenzentren, Stromnetze, Fabriken, Munitionswerke und Speicheranlagen als Investitionsfelder dominant – mit langen Bauzeiten, hohen Abschreibungen und einer stärkeren Relevanz der Rendite auf das eingesetzte Kapital. Gleichzeitig kann der Strombedarf zum Engpass werden, wenn nach langen Jahren stagnierender Nachfrage die physische Infrastruktur nicht im selben Tempo mitwächst. Für Anleger folgt daraus eine Verlagerung des Risikos: Ein wachsender Teil der Finanzierung läuft über Anleihen, Zweckgesellschaften und private Kreditmärkte, während die öffentliche Aufmerksamkeit häufiger bei Aktien bleibt. Gerade bei Private Credit, so der Tenor, können Transparenz und Risikoeinschätzung für Privatanleger besonders tückisch sein – wer investieren will, muss die Verbindlichkeiten und deren Struktur realistisch lesen können.
Auch die „Knappheit“ wirkt in mehreren Dimensionen. Masarwah greift die Verfügbarkeit billiger Arbeit als wichtigsten disinflationären Rückenwind der letzten Jahrzehnte auf: Die Öffnung Chinas sowie Osteuropas habe den Arbeitsmarkt global entlastet. Dieser Effekt sei aufgebraucht und kehre sich in Teilen um, weil die Erwerbsbevölkerung schrumpft – in Europa und China ebenso wie in Schwellenländern wie Thailand, Korea und Brasilien. Das macht Rückverlagerungen von Produktion schwierig, weil Unternehmen bei einer Verlagerung nach Deutschland oder in die USA nicht automatisch Lohnniveaus finden, die konkurrenzfähig zur bisherigen Fertigung sind. Automatisierung wird dadurch weniger zur Wachstumsstory, sondern zur Voraussetzung dafür, dass Rückverlagerungen überhaupt funktionieren können. Für Inflation heißt das: ein dauerhafter Aufwärtsdruck, der unabhängig vom konjunkturellen Auf und Ab wirken kann.
Die letzte Veränderung betrifft schließlich die Werkzeugkiste der Anleger selbst: Indizes sind nicht mehr „passiv neutral“. Der Beitrag nennt den MSCI World als Beispiel, der heute rund 70 Prozent US-amerikanische Aktien enthält; zudem stechen die größten Positionen im Markt deutlich hervor, und der Technologiekomplex dominiert spürbar. Selbst ein globaler Index wie der FTSE All World liege laut den genannten Größenordnungen noch stark im US-Schwerpunkt. Wer glaubt, passiv anzulegen, treffe damit automatisch mehrere aktive Entscheidungen: eine Entscheidung für die USA, für sehr große Unternehmen und für einen Technologiekomplex, der in vielen Indizes überproportional vertreten ist. Wenn politisches Risiko zunehmend in US-Bilanzen wandert, ist eine solche Gewichtung laut dem Beitrag eine unnötig riskante Wette, selbst wenn das Instrument technisch „ETF“ heißt.
Daraus leitet Masarwah mehrere Konsequenzen für Portfolios ab, die weniger nach taktischer Börsenmeinung klingen als nach Strukturarbeit. Erstens: Bewertungen zählen wieder, denn eine zutreffende Investment-These garantiert keine Rendite, wenn der Kaufpreis bereits den Erfolg einpreist. Zweitens: Diversifikation muss mehr leisten als die Kombination aus nur zwei Anlageklassen, besonders wenn Aktien und Anleihen gemeinsam fallen können. Drittens: Timing bleibt bei Themenfonds ein Faktor, weil die Fondsindustrie neue Erzählungen oft schnell in Produkte gießt und der Auflagezeitpunkt mehr über Marktstimmung verrät als über die nächsten zehn Jahre. Abschließend betont der Beitrag, dass der Zinseszins zwar unverändert das Erfolgsrezept bleibt, aber seltener spektakulär wirkt als in der vergangenen Dekade. Das macht Investieren nicht zwangsläufig gefährlich – aber komplexer, anspruchsvoller und damit langfristig auch steuerungsbedürftiger.
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